Arrested Development 4x15

Arrested Development 4x15

Auch nach sieben Jahren und etlichen medialen Verwirrspielchen hat Arrested Development nichts von seinem ursprünglichen Charme verloren. Wenngleich manche Geschichten etwas bemüht konstruiert daherkommen, findet der Zuschauer für Familie Bluth schnell wieder einen Platz in seinem Herzen.

Familie Bluth in all ihrer Pracht - und der vierten Staffel. / (c) Netflix
Familie Bluth in all ihrer Pracht - und der vierten Staffel. / (c) Netflix

Es ist eine wahre dramaturgische Flutwelle, die da auf das Publikum zurollt. Bei der lang erwarteten vierten Staffel von Arrested Development hat sich Serienschöpfer Mitchell Hurwitz die mittlerweile gar nicht mehr so ungewöhnliche Ausstrahlungsvariante von Netflix zu eigen gemacht. Hierbei werden sämtliche Episoden seit dem ersten Tag der Veröffentlichung zum Download oder Stream angeboten.

Lach- und Sachgeschichten aus Orange County

Arrested Development ist die erste Comedyserie, die sich einer solchen Veröffentlichungsform unterzieht. Nach einer ersten Sichtung der neuen Staffel muss dabei zweifellos festgehalten werden: Showrunner Hurwitz und Konsorten gelingt es meisterhaft, die Dramaturgie der Serie mit den neuen Distributionsmöglichkeiten zu verflechten. Die Geschichte ist so verwinkelt und verzwickt, dass es wenig Sinn haben würde, sie in wöchentlichem Abstand zur Verfügung zu stellen. Sämtliche große Erzählstränge entspinnen sich über die gesamte Staffel, während jeder Charakter mehrere kleine, in mehreren Episoden wunderbar verschachtelte Storylines erhält.

Kristen Wiig und Seth Rogen sind nur zwei der vielen prominenten Gastdarsteller in der neuen Staffel. © Netflix
Kristen Wiig und Seth Rogen sind nur zwei der vielen prominenten Gastdarsteller in der neuen Staffel. © Netflix

Dabei fällt schon bei der ersten Sichtung auf, dass sämtliche Wortspiele und Referenzen unmöglich nach einmaligem Ansehen aufgefasst werden können. Hierin könnte ein gewisses Problem für Netflix bestehen, denn die neuen Episoden bauen doch stark auf den Handlungssträngen der vergangenen Staffeln auf. Dies wird zwar durch diverse Einblendungen immer wieder verdeutlicht, neue Fans dürfte die Serie jedoch trotzdem schwerlich generieren. Die neue Staffel von Arrested Development fungiert vielmehr als crowd pleaser für all jene, die sich eine Rückkehr sehnlichst herbeigewünscht haben.

So ist es denn auch nicht weiter verwunderlich, dass die Serie gleich am ersten Veröffentlichungstag zur meistgeschauten des Video-on-Demand-Anbieters wurde „50100“. Laut eigener Aussage brachte das Reboot dem Streamingdienst auch zahlreiche neue Abonnenten ein. Natürlich lässt sich nicht unterscheiden, ob es sich dabei um Fans der Serie handelt. Als Kenner kann man sich jedenfalls schnell dabei beobachten, wie man in den altbekannten - und beinahe vergessenen - Sog dieser abstrusen, merkwürdigen, wunderbar verquasten Comedyserie hineingezogen wird. Sämtliche Charaktere haben nichts von ihrem verschrobenen Charme verloren und müssen - trotz ihres fatalen Egozentrismus - sofort wieder ins Herz geschlossen werden. Wie der Lieblingsonkel, der nach sieben Jahren in einem tibetischen Kloster plötzlich wieder vor der Tür steht.

Michael & George-Michael

In gewisser Weise dreht sich die Geschichte von Vater und Sohn, die sich bislang wie Brüder verstanden haben, um eine neu entstandene Rivalität zwischen den beiden. Der klassische Abnabelungsprozess gestaltet sich äußerst schwierig, weil - wie so oft - ein Elternteil einfach nicht loslassen kann. Arrested Development treibt dies natürlich auf die Spitze, denn nach einigen beruflichen Fehlschlägen und der Anhäufung eines gigantischen Schuldenbergs sieht Michael Bluth (Jason Bateman) keine andere Möglichkeit, als bei seinem Sohn George-Michael (Michael Cera) im Studentenwohnheim einzuziehen.

George-Michael (Michael Cera) hat die zweifelhafte Ehre; die Familienkutsche vererbt zu bekommen. © Netflix
George-Michael (Michael Cera) hat die zweifelhafte Ehre; die Familienkutsche vererbt zu bekommen. © Netflix

Dort kommt es schnell zur Zuspitzung des Konflikts, denn George-Michael versuchte gerade, sich unter einem anderen Namen eine neue Identität aufzubauen. Versehentlich gelingt ihm dies sogar. Zusammen mit Zimmergenosse P-Hound (Richard Jin Namkung) erfindet er die Idee zu „Faceblock“, einem antisozialen Netzwerk. Deshalb, und weil er von Onkel Gob (Will Arnett) den Kauf eines Hauses in „Sudden Valley“ aufgeschwatzt bekommt, erfreut er sich plötzlicher, ungeahnter Beliebtheit. Dass sich „Sudden Valley“ zu einem unverkäuflichen Rückzugsort für pädophile Straftäter entwickelt hat, verschweigt Gob natürlich geflissentlich.

Im Verlauf der vierten Staffel entwickelt sich George-Michael zu einem Meister der Lüge und Intrige. Den Höhepunkt erreicht seine Entdeckung des Bluth-ureigenen Gens im Streit mit seinem Vater um die gleiche Frau: Rebel Alley (Isla Fisher). Sie ist die Tochter von Hollywood-Großproduzent Ron Howard, der nicht nur den Sprecher der Serie abgibt, sondern auch sich selbst mimt - inklusive mehrfacher Seitenhiebe auf seine eigene Produktionsfirma Imagine.

George Senior & Oscar, Lucille & Buster

Die drei Familienältesten befinden sich - wie nicht anders zu erwarten - in einem unheilvollen Liebes- und Lügendreieck. Lucille (Jessica Walter) steht nach der Entführung eines Ozeandampfers vor Gericht, vertreten von dem vor Inkompetenz nur so strotzenden „Rechtsanwalt“ Barry Zuckerkorn (Henry Winkler). Ihre gesamte Familie lässt sie im Stich, inklusive des Übermuttersöhnchens Buster (Tony Hale). Fast bekommt man als Zuschauer Mitleid mit der herrischen alten Dame - jedoch nur, bis sie wieder eine ihrer bewundernswert abstoßenden Tiraden loslässt.

Das Zwillingsgespann George Senior und Oscar (beide: Jeffrey Tambor) ist derweil mit seinen eigenen Geschäftsmodellen und damit einhergehenden Intrigen - vor allem gegeneinander - beschäftigt. George Sr. hat mal wieder das schnelle Geld vor Augen und kümmert sich dabei nicht um diverse politische Loyalitäten. Diese wirft er ohne Weiteres über Bord. Oscar dient ihm dabei als unwissentlich williger Gehilfe, ebenso wie der arme diamantverzierte Hakenhandträger Buster. Dessen Verunstaltung wird nach seiner Rekrutierung als Drohnenpilot für die US Army noch etwas grausamer ausdefiniert, so dass er sein Stigma als „Monster“ wohl niemals loswerden wird: „What she did to that boy.

Lindsay, Tobias & Maeby, Gob

Von der wohl kaputtesten Familie-innerhalb-der-Familie, den Bluth-Fünkes, gibt es eigentlich gar nicht viel Neues zu berichten. Tochter Maeby (Alia Shawkat) kämpft immer noch verzweifelt um die geringste Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Ihre neueste Taktik sieht vor, so miserabel zu versagen, dass ihre Erzeuger irgendwann bemerken, dass sie auch fünf Jahre nach ihrem eigentlichen Highschoolabschluss diese immer noch besucht. Sie wird auch damit scheitern.

Es grenzt an ein Wunder; dass diese drei gigantischen Egos überhaupt auf eine Couch passen. © Netflix
Es grenzt an ein Wunder; dass diese drei gigantischen Egos überhaupt auf eine Couch passen. © Netflix

Lindsay (Portia de Rossi) und Tobias (David Cross) sind nämlich wahre Egoismusmaschinen. Während sich Lindsay in eine Identität als politische Aktivistin hineinträumt, tut Tobias selbiges mit seiner Karriere als Schauspieler. Auf ihren Reisen zum eigenen Ich begegnen sie allerlei skurrilen Figuren, sind dabei jedoch so sehr in ihrer Kopfwelt verhaftet, dass sie an den Rande der Gesellschaft gedrängt werden. Vor allem die Figur des Tobias ist eine wahre Ausgeburt an Skurrilität - sein Charakter dürfte für viele Zuschauer kaum zumutbar sein. Dennoch: Der Rezensent liebt „the one who is incapable of ever being nude“.

Auch Gob „Getaway“ Bluth bleibt in seiner eigenen Welt verhaftet. Diese ist geprägt von absoluter Bindungsunfähigkeit, Drogenabhängigkeit und der ewig währenden Hassliebe zu seinem Magierkonkurrenten Tony Wonder (Ben Stiller). Von allen Charakteren mit ähnlich viel Spielzeit bekommt Gob am wenigsten auf die Mütze, was jedoch beileibe nicht ausschließt, dass auch er eine zutiefst tragische Figur darstellt.

Fazit

Tragische Figuren sind sie schließlich alle - und die neue Staffel von Arrested Development erzählt unter dem ganzen grandiosen Quatsch, unter den vielen Referenzen an Zeitgeschichte, Pop- und sonstige Kulturen und unter den skurrilsten Charakteren des Serienuniversums sehr eindeutige Geschichten.

Diese handeln von Liebe, Zuneigung, der Suche nach Identität und der Frage nach Schicksal versus Zufall. Die Comedyserie ist das Porträt einer nicht ganz normalen Familie, in deren DNA die Fähigkeit zu und Lust an Lügen und Intrigen eingeschrieben zu sein scheint. Allzu schmerzhaft macht die Serie bewusst, wie sehr Menschen doch nur innerhalb sozialer Verbände existieren können - und sei es eine solch verschrobene und kaputte Großfamilie.

I am done with this family.“ Was Michael, der nach dieser Staffel nicht mehr als einziger verantwortungsvoller Sohn der Familie bezeichnet werden kann, damit ausdrücken will, ist das genaue Gegenteil dessen, was er sagt. Er kann und will nicht ohne seine Familie existieren, so verschroben und egoistisch die einzelnen Mitglieder auch handeln mögen.

Die vierte Staffel von Arrested Development ist nicht besser oder schlechter als die vorhergehenden Ausgaben. Sie ist einfach da, sie kann geliebt und gehasst werden, sie kann vergessen oder unendlich oft angeschaut werden. Sie bleibt dabei ein Kunstwerk an komödiantischer Schreibkunst, wie sie von keinem anderen Comedyformat je erreicht wurde. Manche Zuschauer dürfte dies überfordern, andere können nicht genug davon bekommen. Mehr kann man sich von einer Comedyserie inmitten des endlosen Suds aus zahn-, hirn- und charakterlosen Formaten kaum wünschen.

Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 15. Juni 2013
Episode
Staffel 4, Episode 15
(Arrested Development 4x15)
Deutscher Titel der Episode
Schwachköpfe
Titel der Episode im Original
Blockheads
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 26. Mai 2013 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 5. November 2014
Regisseure
Mitchell Hurwitz, Troy Miller

Schauspieler in der Episode Arrested Development 4x15

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?