BH90210: Review der Pilotepisode

© H90210 (c) FOX
Die Originalserie, oder besser gesagt, die Hingabe für selbige von der neuen Serie zu trennen, ist kaum möglich, darum hier als Selbsterklärung: Dieses Review wurde von einer Redakteurin geschrieben, deren Schlafzimmer 1995 ein Starschnitt von Shannen Doherty zierte.
Doch auch, wenn die Wahrnehmungen wohl weit auseinanderfallen dürften, eines ist den Neueinsteigern und den Altfans wohl gemeinsam. Am Ende der Pilotepisode fragt man sich: Was zur Hölle hab ich da gerade nur gesehen?
Was ist da los?
Die Eventserie BH90210 ist nicht das erste Reboot der erfolgreichen Teenieserie, aber das erste wirklich relevante. 2008 versuchte The CW mit 90210 sein Glück mit einer Teenieserie, in der ein junges, attraktives Geschwisterpaar nach Los Angeles zieht. Als Gaststars gaben sich unter anderem Jennie Garth und Tori Spelling die Ehre. Doch trotz insgesamt fünf Staffeln hätte das alte Fans des Originals kaum weniger interessieren können.
Mit „BH90210“ gelingt FOX nun das genaue Gegenteil. Kaum einem Altfan bleibt wohl das Auge trocken, wenn die Gang wieder vereint ist. Zu verdanken ist das Ganze jedoch nicht dem Sender, sondern zwei Alumnae. Die eben genannten Tori Spelling und Jennie Garth haben das Projekt auf den Weg und letztlich auf die Mattscheibe gebracht.
Der besondere Dreh dieses Reboots wird schnell deutlich: Statt einer Fortsetzung, in der wir Brandon, Kelly und Co durch die goldenen Jahre begleiten dürfen, setzt „BH90210“ dazu an, sich als Mischung aus Satire und Mockumentary zu beweisen. Die einstigen Hauptdarsteller spielen fiktionalisierte Versionen ihrer selbst, die einiges mit der realen Welt gemein haben, während anderes wiederum völlig an den Haaren herbeigezogen ist. Wo diese Grenze genau verläuft, weiß am Ende wohl nur noch der Cast selbst.
Tori Spellings Alter Ego hat sechs Kinder (statt fünf wie in Wahrheit) und große finanzielle Probleme (wie in der realen Welt auch). Ebenfalls mehr oder weniger aus dem Leben des Reality-TV-Stars gegriffen ist der Ehemann, der sie zwar unterstützt, aber die Hauptlast, besonders der finanziellen Sorgen, auf seiner Frau ablädt. Jennie Garth durchlebt in der Serie das Ende ihrer dritten Ehe, in Wahrheit hat sie ihre dritte, bereits geplante Scheidung im Februar 2019 jedoch abgeblasen und ist weiterhin hoffentlich glücklich verheiratet mit David Abrams.
Die beiden Initiatorinnen der Serie gehen hart mit sich und ihrem öffentlichen Image ins Gericht, doch auch die anderen Stars bekommen ihr Gossip-Fett weg. Ian Zierings Serien-Ich muss über Videochat mit ansehen, wie ihn die junge Modelfreundin betrügt. In der Realität ist seine erste Ehe mit einem Playboy-Model längst Geschichte.
Brian Austin Green ist in „BH90210“, wie in Wahrheit, mit einer Frau verheiratet, die berühmter ist als er. Statt jedoch Schauspielerin Megan Fox ist seine Serienfrau Shay (La La Anthony) Sängerin mit mittlerschwerer Beyoncé-Aura.
Der einstige Mädchenschwarm Jason Priestley zeigt sich als kinderloser Regisseur, der frustriert durch seine Jobs bei Teenieserien ist und gerne einen Kinofilm drehen würde. Das jedoch verbaut er sich mit einer aggressiven Attacke auf einen jungen Darsteller selbst und soll laut seiner Frau und Agentin nun Schadensbegrenzung betreiben. „Erinner' die Leute daran, wie sehr sie Brandon Walsh lieben!“ Kleiner Wahrheitscheck: Jason Priestleys Frau ist Make-up-Künstlerin und das Paar hat bereits zwei Kinder. Der Darsteller hat sich zwar ein zweites Standbein als Regisseur von Serien aufgebaut, scheint damit, anders als sein Alter Ego, aber nicht unzufrieden zu sein, es handelt sich auch bei weitem nicht ausschließlich um Jugendserien. Außerdem hat er auch vor der Kamera weiterhin Erfolge zu vermelden. Seine Detektivserie Private Eyes läuft gerade in der dritten Staffel.
Hauptsächlich hinter der Kamera ist mittlerweile jedoch Gabrielle Carteris aktiv - und das äußerst erfolgreich. Seit 2016 ist sie Vorsitzende der Screen Actors Guild‐American Federation of Television and Radio Artists (SAG-AFTRA), in der Realität und in der Serie. Für die neue Serie wird nun außerdem dem Umstand Rechnung getragen, dass die Darstellerin älter ist als ihre Kollegen und so wird sie in der Pilotepisode zum ersten Mal Großmutter.
Auch Shannen Doherty ist beim Revival dabei, doch in der ersten Episode bleibt sie noch fern ihrer einstigen Kollegen. Wir sehen sie weit weg von Los Angeles, wie sie Tiere auf einer Farm rettet und sich per Live-Stream zuschaltet. In den Interviews vor Beginn der Serie ließ die Brenda-Darstellerin verlauten, dass sie sich nicht als Querulantin darstellen lassen will. Doch das muss sich erst noch zeigen, denn, wie Tori zu Jennie zu Beginn sagt: „Immerhin gibt es einen Hoffnungsschimmer - Shannen wird nicht da sein.“
Die Serienmacher spielen mit den Images der Darsteller und die schmeißen sich mit Leidenschaft in die Selbstironie. Jede furchtbare Klatschschlagzeile, die je über die Stars geschrieben wurde, wird durch den Kakao gezogen. Die fiktionalisierte Gang steckt größtenteils in mehr oder weniger unglücklichen Beziehungen, hat karrieretechnisch nicht besonders viel zu bieten (außer Gabrielle) und scheint auch sonst nach wie vor auf der Suche nach Erfüllung und der eigenen Bestimmung zu sein.
Mit jeder Minute führen die Serienmacher uns tiefer in die Metaebene, immer durchbrochen von Momenten trauriger Aufrichtigkeit. Die betreffen in der Pilotepisode die Abwesenheit von Luke Perry, der im März 2019 überraschend verstarb. Zu dem Zeitpunkt war das Reboot bereits verkündet, Perry hatte nicht als Hauptdarsteller zugesagt aufgrund seiner Verpflichtung bei Riverdale. Als Gast wollte er jedoch seine alten Kollegen besuchen. Denen bleibt nun nur noch, sich von ihm auch auf der Mattscheibe zu verabschieden, was sie in zwei stillen, emotionalen Szenen auch tun.
Fazit
Interviews zufolge sollen die Serienmacher sich bei ähnlich veranlagten Serien wie Curb Your Enthusiasm und Episodes umgeschaut haben. Das merkt man dem Drehbuch auch durchaus an. Manch einem Darsteller fällt es merklich einfacher, über sich und sein Image zu lachen. Tori Spelling spielt sich dabei immer wieder nach vorne. Andere sind in der Sache zu Beginn noch etwas ungelenk. Doch dieser Mix aus sechs Menschen, die sich selbst als übersteigerte Version zum Besten geben, von denen kaum einer bisher als ausgemachter Komiker hervorgetreten war, macht dann auch das seltsam Bezaubernde der Serie aus.
Die Pilotepisode ist verrückt, ungewöhnlich und mit zahlreichen „WtF“-Momenten gespickt. Doch eines ist es nicht: das hundertste Reboot einer einst erfolgreichen Serie, das im Einheitsbrei untergeht. Wie einst die Ursprungsserie setzt auch das Reboot neue Maßstäbe und könnte damit einem ganzen Genre zu neuen Höhen verhelfen.