9-1-1: Lone Star - Review zur Pilotepisode des FOX-Dramas mit Rob Lowe

© -1-1: Lone Star (c) FOX
Das 9-1-1-Serienuniversum ist seit gestern um einen Titel reicher. Auf das in den USA extrem beliebte Ersthelferdrama von Ryan Murphy, Brad Falchuk und Tim Minear hat FOX nun einen Ableger folgen lassen, mit dem man an die Erfolgsgeschichte des Mutterformats nur zu gerne anschließen möchte: Bühne frei für 9-1-1: Lone Star, wie „9-1-1“ ebenfalls von Murphy, Falchuck und Minear zu Papier gebracht und im Grunde genommen nicht besonders anders als die bisweilen irrsinnige Katastrophenshow mit Angela Bassett und Peter Krause. Diese versorgt ihre treuen Zuschauer seit 2018 mit absurden, wenngleich unglaublich kurzweiligen Notfällen und übertrieben emotionalen Charakterentwicklungen. Aus der kalifornischen Mega-Metropole Los Angeles geht es jetzt ins vergleichsweise beschauliche Austin im „Lone Star“-Bundesstaat Texas, in dem nach einem schrecklichen Unfall eine gesamte Feuerwache neu aufgebaut werden muss. Und wer wäre besser für diese schwierige Aufgabe geeignet als Rob Lowe?
Lowe (Parks and Recreation, The West Wing, The Grinder) schlüpft in „Lone Star“ in die Rolle des New Yorker Feuerwehrhauptmanns Owen Strand, der im „Big Apple“ gemeinsam mit seinem Sohn TK (Ronen Rubinstein) tagtäglich im Einsatz ist und sich über die Jahre eine gewisse Reputation erarbeitet hat. Denn: Owen war am 11. September 2001 im Einsatz und mittendrin, als das folgenschwere Flugzeugattentat auf die beiden Türme des World Trade Centers verübt wurde. Bereits damals ging der stoische, selbstlose Leadertyp beispielhaft voran und half sowohl in mehrfacher Hinsicht beim Wiederaufbau der New Yorker Feuerwehr als auch bei der Rückkehr zu einer neuen Normalität, nachdem auf einmal nichts mehr so war wie zuvor. Die Verluste und Opfer von damals werden jedoch nie vergessen sein, als menschgewordenes Denkmal beobachten wir Owen mehr als einmal, wie er gedankenverloren am Ground Zero steht und andächtig in die Ferne blickt. „Lone Star“ strotzt vor grenzwertig-pathetischen Aufnahmen jener Art und scheut sich nicht davor, diese mit voller Wucht auszuspielen. Mit Erfolg? Geschmackssache...
Fresh start
Owen und TK, der nach einer fehlgeschlagenen Liebesbeziehung mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen hat, zieht es jedoch recht schnell weg aus New York, tut sich dem erfahrenen Captain doch plötzlich eine neue Chance auf: Seine Dienste werden in Austin benötigt, wo er eine neue Einheit zusammenstellen soll. Gleichzeitig bietet sich Owen, der noch in New York eine schicksalhafte, alles verändernde Diagnose gestellt bekommt, die Gelegenheit, sein Leben neu auszurichten. In Texas angekommen, bringt er im Handumdrehen die verwaiste Feuerwehrwache 126 wieder auf Trab, deren ehemalige Mitglieder allesamt vor einigen Monaten bei einer verhängnisvollen Chemieexplosion ums Leben gekommen sind. Ein einziger der Feuerwehrleute hat überlebt: der impulsive, mental schwer gezeichnete Judd Ryder (Jim Parrack), der seinen alten Job zurückhaben will, um eine Schuld zu begleichen, die gar nicht auf seine Kappe geht. Doch nicht nur er ist ein Kandidat für Owens neues „Dreamteam“. Er versammelt eine ganze Reihe an vermeintlichen Außenseitern und einzigartigen Charakteren um sich, die so viel mehr als nur einfache Feuerwehrleute sind...
Wer die Marke „9-1-1“ kennt, der weiß, was ihn erwartet: aberwitzige Noteinsätze (in der Pilotfolge muss zum Beispiel ein Baby von einem Baum gerettet werden, nachdem es im Zuge eines schweren Autounfalls aus dem Fahrzeug geschleudert wurde) wechseln sich mit bedeutungsschweren Charaktermomenten ab, die uns einen Blick hinter die oftmals kernige Fassade unserer Protagonisten ermöglichen sollen. Während die Mutterserie in ihren bisherigen drei Staffeln mittlerweile eine angenehme Balance gefunden hat und sich des großen, teils theatralischen Dramas bewusst ist, das man fabriziert (ich selbst schaue „9-1-1“ regelmäßig und das mit überraschend großer Freude), merkt man „9-1-1: Lone Star“ zweifelsohne noch die herausfordernden Begleiterscheinungen dieser Erzählmethodik an. In der Auftaktepisode trägt man mitunter schrecklich dick auf und manövriert sich eher hölzern durch die simple Handlung. Rob Lowe spielt dabei eine interessante, manchmal aber auch leicht befremdliche Rolle, will man über dessen Darbietung doch nicht nur ein wenig eigenwilligen Charme, sondern auch eine gute Portion Augenzwinkern erzeugen.

My way
Lowe spielt im Großen und Ganzen sich selbst und verkörpert den „All-American Hero“-Typus in Reinform. Doch die Serie ist durchaus gewillt, dieses Charakterbild aufzubrechen und die Klischeehaftigkeit unerschütterlicher, oft toxischer Männlichkeit zu dekonstruieren. So kommt es, dass Owen seinen neuen Kollegen auch mal ein paar Tipps hinsichtlich Hautpflege gibt. Die Figuren sind eben allesamt mehr als nur das, was wir auf den ersten Blick sehen. Ein grundsätzlich guter Ansatz, der jedoch arg bemüht vorgetragen wird und gelegentlich fast schon parodistische Züge annimmt. Doch Lowe ist für den Spaß und die Anforderungen an seine Hauptrolle zu haben, was die Serie nicht schlechter macht. 9-1-1: Lone Star büßt dadurch maximal etwas an Ernsthaftigkeit ein, doch allzu seriös kommt das Format eh nicht daher. Außer, wenn man versucht, sich tiefenpsychologisch mit dem Profil einzelner Figuren auseinanderzusetzen, siehe Judd Ryder, der den furchtbaren Tod seiner Kollegen und Freunde verständlicherweise noch längst nicht verarbeitet hat. Hier merkt man der Serie in ihrer frühen Phase noch eine gewisse Unausgewogenheit an, wodurch sich der Ton der Erzählung eher wechselhaft gestaltet.
Doch das kennt man auch nicht anders von 9-1-1, bei dem die Stimmung von jetzt auf gleich komplett kippen und es schlagartig von einem extrem tragischen, tränenreichen Vorfall zu einer sehr amüsanten Verkettung unglücklicher Zufälle kommen kann. Was man sich in „Lone Star“ ebenfalls zum Ziel setzt, ist eine große Diversität und Inklusion bei den unterschiedlichen Charakteren, was ebenso lobenswert ist. Ein Lachen kann man sich aber kaum verkneifen, dass man aus diesem Grund Owen für den Posten in Austin auswählt (er selbst weist sogar etwas irritiert darauf hin), der als Außenseiter der genau richtige Mann für den Job ist. Owens Menschenkenntnis sorgt jedoch dafür, dass sich zum Beispiel die todesmutige Muslima Marjan Marwani (Natacha Karam) aus Miami dem Team anschließt, ebenso wie der Transmann Paul Strickland aus Chicago (gespielt von Transgender-Schauspieler Brian Michael Smith). Außerdem gibt man dem jungen Mateo Chavez (Julian Works) aus Austin eine Chance, der zuvor immer wieder als nicht gut genug für die Feuerwehr befunden wurde. Owens homosexueller Sohn TK und der stürmische Judd, unter dessen harter Schale ein weicher Kern schlummert, runden das Team ab.
Down in Texas
Wie man sehen kann, bereiten die Macher schon in der Pilotepisode alles dafür vor, die Feuerwehrleute in den nächsten Wochen nicht nur auf allerlei waghalsige Einsätze zu entsenden, sondern sich auch mit deren grundverschiedenen Persönlichkeiten und den sehr spezifischen Problemen und Herausforderungen zu beschäftigen, die sich ihnen im Alltag immer wieder stellen - ob sie nun eine Uniform tragen oder nicht. Die vielfältige Auswahl an Figuren verspricht Variabilität und unterschiedliche Perspektiven, die Einführung der einzelnen Charaktere ist wenig überraschend und dabei auch alles andere als subtil. Das ist ebenfalls nichts Neues, vor allem, wenn Ryan Murphy involviert ist. Doch damit kann man sich durchaus arrangieren. Was andererseits etwas stört: der offensichtliche Versuch, Rob Lowes Owen mit der Notärztin Michelle Blake zusammenzubringen, die hier von Liv Tyler verkörpert wird. Die Serie tut in ihrer ersten Folge alles dafür, dass man in naher Zukunft eine Romanze zwischen diesen beiden erwartet. Andererseits sind die aufgesetzten Szenen zwischen Owen und Michelle fast schon wieder zu offensichtlich, womit es sich ebenso um einen einfachen Trick der Verantwortlichen handeln könnte. Wo auch immer die Reise hingehen wird, Tyler und Lowe spielen erst mal gefühlt komplett aneinander vorbei, was noch zu einem Problem werden könnte.
Ansonsten wird zum Auftakt von 9-1-1: Lone Star noch reichlich Zeit darin investiert, das sich vom chaotischen Großstadttrubel abhebende Setting in Texas zu etablieren. Die ersten Noteinsätze sind zwar nicht total gewöhnlich (Rob Lowe rettet eben keine Katzen von Bäumen, sondern Kleinkinder), aber zu Beginn fühlt sich das Format tatsächlich noch ein Stück weit bieder an - vor allem im direkten Vergleich mit der Mutterserie 9-1-1. Dabei hilft es auch nicht, dass die neue Serie visuell sehr matt daherkommt und den Bildern etwas Farbe und somit auch Leben fehlt. Aber hey, immerhin schwingt Rob Lowe beim Line Dance ganz formidabel das Tanzbein und das lodernde Inferno in der ersten Minute gibt uns einen actionreichen Vorgeschmack auf das, was man sich vorgenommen hat. Der Pilotepisode fehlt dennoch ein wenig der Biss, selbst wenn man auf dem Papier eine Reihe an soliden Grundvoraussetzungen für ein passables Actiondrama schafft, in dem die Charaktere nicht nur einfache Stereotypen sind - trotz überhöhtem Pathos. Bleibt abzuwarten, wie man aus der anfänglichen Findungsphase früher oder später herauskommt und ob „Lone Star“ zeitnah auf eigenen Beinen stehen kann.
Hier abschließend noch der Trailer zu „9-1-1: Lone Star“: