Bei der ersten brasilianischen Eigenproduktion von Netflix handelt es sich um einen dystopischen Thriller über eine Zukunft, in der drei Prozent der Bevölkerung sich den Weg in die vermeintliche Utopie verdienen können. Fans von Black Mirror, aufgepasst!

Michele (Bianca Comparato) aus „3%“ / (c) Netflix
Michele (Bianca Comparato) aus „3%“ / (c) Netflix

Wenn die Netflix-Globalisierung einen besonders angenehmen Nebeneffekt hat, dann dass der gesamten Abonnentenschaft seit letztem Jahr auch internationale Eigenproduktionen zugänglich gemacht werden. Das japanische Modehausdrama Atelier oder die spanische Fußballserie Club de Cuervos zählten seit 2015 zu den ersten außerhalb der Vereinigten Staaten lokal produzierten Formaten. Mit 3% liegt nun das erste brasilianische Netflix Original vor und wird hoffentlich nicht komplett von der Rückkehr der Gilmore Girls überschattet, die ausgerechnet am selben Wochenende bei Netflix Einzug hält, wie der dystopische Thriller von Pedro Aguilera, der auf dessen gleichnamiger Webserie beruht.

Zwei Welten - Eine Chance

Wie uns Episode 1 gleich zu Beginn informiert, befinden wir uns in einer Welt, in der die meisten Menschen in Armut leben, während nur drei Prozent das süße Leben auf einer eigens für die Oberschicht zugänglichen Insel genießen. Wer zu den wenigen Auserwählten gehört, wird im Alter von 20 Jahren entschieden, wenn sich die jungen Menschen einem unerbittlichen Auswahlverfahren unterziehen. Befürchtungen, dass es sich dabei um reines Gekloppe á la „Takeshi's Castle“ oder Young-Adult-Ware im Sinne von „The Hunger Games“ oder „Divergence“ handelt, können getrost über Bord geworfen werden, auch wenn einige aus dem Genre bekannte Elemente vorhanden sind und der Sozialkommentar schon vom Titel her nicht gerade subtil untergebracht ist. Tatsächlich scheint „3%“ verwandter zu sein mit futuristischer Fiktion, wie dem Literaturklassiker „Brave New World“ oder dem 70er-Jahre-Sci-Fi-Film „Logan's Run“.

© Netflix
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Zu der Schar an 20-Jährigen, die sich für den Fall der Fälle von ihren Familien in den Slums verabschieden und in einer Prozession in Richtung Assessment Center ziehen, gehören unter anderem Michele (Bianca Comparato), deren Freund es bereits auf die Insel geschafft hat. Der Rollstuhlfahrer Fernando (Michel Gomes), der ein besseres Leben als sein Vater führen will, die intelligente und abgebrühte Joana (Vaneza Oliveira), Rafael (Rodolfo Valente), der alles dafür tun würde um durchzukommen und Marco (Rafael Lozano), der gelassen an das Verfahren herangeht, da seine Familie - aus welchen Gründen auch immer - stets zu den Auserwählten zählt. Einige der zu Beginn vorgestellten Charaktere bleiben natürlich auch auf der Strecke und das schon während der ersten Phase, die lediglich aus Interviews besteht, die weder für Nervöse, noch für Großmäuler mit auswendig gelernten Phrasen gut ausgeht und für den lautesten Bewerber angesichts der Enttäuschung, sogar mit einem Sprung in den Tod endet.

Schon in der ersten Folge geht viel mehr vor sich, als nur der Bewerbungsprozess. Wir erfahren in Nebensätzen etwas von dem besagten Inselparadies, den beiden Gründern des Systems und bekommen spärliche Informationen über die Führungsriege der vermeintlichen Utopie sowie einer Rebellion gegen das System. Was eigentlich eine komplett überladene Pilotepisode ergeben müsste, wird hier elegant zu einem spannenden Einstiegspaket verschnürt und es wird deutlich, dass eine sehr klare Vision hinter dem Endprodukt steckt - das zeigt sich nicht nur in der Inszenierung,

Manager des Bewerbungsverfahrens ist der furchteinflößende Ezequiel, der von Joao Miguel gespielt wird. Ein herrlicher Serienschurke mit sehr viel unterdrückter Wut beziehungsweise deutlicher Anspannung unter der Haube, der in jeder Szene wie eine gefährliche Zeitbombe wirkt. Ironischerweise sieht er sich dieses Mal selbst einer Evaluation unterzogen, denn auf der Insel hat es den ersten Mord gegeben, für den ein von ihm durchgewunkener Kandidat verantwortlich gewesen sein soll. So hockt ihm die ganze Zeit die von oben geschickte Aline (Viviane Porto) im Nacken und als hätte er nicht schon genug zu tun, gibt ein gefangen genommener Rebell, der für „die Sache“ kämpft unter Folter preis, dass sich unter den neuen Kandidaten ein eingeschleuster Maulwurf befindet. Bei diesem handelt es sich, wie wir schließlich erfahren, um Michele, die eine ebenfalls verdächtigte Bekannte während der Befragung mit vorgehaltener Waffe vor den Karren wirft und opfert. Dabei war der vorausgegangene Test mit den Bauklötzen eigentlich schon nervenaufreibend genug.

© Netflix
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Fazit

Wer nach den sechs neuen Folgen von Black Mirror, das im Oktober zu Netflix umgezogen ist, nicht genug bekommen hat, kann gleich mit 3% weitermachen. Die brasilianische Thrillerserie fühlt sich nicht nur - was seine ohne viel Zusatzerklärung präsentierten Gadgets angeht - wie die britische Anthologieserie an, sondern teilt einen ähnlich zynischen Blick auf die Menschen, die angesichts technologisch fragwürdiger Entwicklungen oder dystopischer Zustände wahrscheinlich nicht ihre besten Seiten zum Vorschein kommen lassen. Der durchaus relevante Sozialkommentar bezüglich der Schere zwischen Arm und Reich wird zwar mit dem Holzhammer serviert, ist aber zum Glück nichts auf dem sich die Serie ausruht. Das Wort Thriller wird hier durchaus großgeschrieben.

Nach der ersten Stunde bekommen wir einen guten Eindruck von der vorliegenden Welt mit ihrem an Ayn Rands Objektivismus erinnerndes Wertesystem („Bioshock“-Spieler wissen, wovon ich rede), ohne gleich sämtliche Fakten dargelegt zu bekommen oder zu verstehen wonach genau die Tester in den jungen Bewerbern suchen. Eine enorm spannende und geistreiche Angelegenheit aus einem Land, das uns nicht jeden Tag Serienkost auftischt.

Diese Serie passen auch zu «3%»