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Letzte Woche ging mit dem dystopischen Thriller 3% die erste brasilianische Eigenproduktion von Netflix online und beeindruckte mit einer spannenden Pilotepisode. Wie schneidet die erste Staffel insgesamt ab?

Der Cast von „3%“ / (c) Netflix
Der Cast von „3%“ / (c) Netflix

Nachdem mir 3% mit seiner Pilotepisode letzte Woche ganz schön die Schuhe ausgezogen hatte, dauerte es natürlich nicht lange, bis auch der Rest der acht für Netflix produzierten Episoden der ersten Staffel dem unerbittlichen Evaluierungsprozess unterzogen wurde. Das Ergebnis: Das brasilianische Netflix-Original zählt tatsächlich zur ausgewählten Elite der wenigen Ausnahmeserien.

Für jene, die das Pilotreview verpasst haben: „3%“ ist in einer dystopischen Zukunft angesiedelt, in welcher die in Armut lebenden Menschen vom Festland im Alter von 20 Jahren nur eine Chance erhalten, sich für das bessere Leben auf der Insel der Wohlhabenden zu qualifizieren. Bestimmt werden die Auserwählten durch ein knallhartes Verfahren inklusive Bewerbungsgespräch, psychologischer Tests, Logikrätsel und sonstiger Aufgaben. Schnell mutet das Ganze wie ein höllisches Assessment Center an, mit welchem Konzerne ihre Jobanwärter aussieben und bei denen ganz ähnliche sozialpsychologische Spielchen und Gruppen- sowie Einzelarbeiten zur Anwendung kommen.

Verdienst du ein besseres Leben?

Während am Rande eine Vielzahl weiterer Charaktere vorkommen, geht es im Kern um fünf Kandidaten, die sich aus verschiedenen Gründen, manche mehr, manche weniger, verbissen um einen Platz auf der Insel bemühen: Die idealistische Michele (Bianca Comparato) entpuppt sich am Ende der ersten Episode als Maulwurf der Rebellen von „der Sache“, die für eine gerechtere Welt gegen das System angeht. Sie muss sich beinahe schon in der ersten Folge (Chapter 01: Cubes) verabschieden, in der die Kandidaten in kurzer Zeit neun Kuben aus geometrischen Formen bilden müssen.

Michele gelingen nur acht, wird aber im letzten Moment durch Fernando (Michel Gomes) gerettet, der aus ihren bestehenden Exemplaren brillanterweise einen weiteren großen Würfel formt. Fernando selbst wurde von klein an auf den Prozess vorbereitet, da sein Vater ein Priester ist, der das sogenannte Gründerpaar (die Schöpfer der Inselutopie) sowie den Auswahlprozess religiös verehrt. Er möchte keine Sonderbehandlung wegen seiner Querschnittslähmung und empfindet es sogar als beleidigend, als ihm im Laufe des Verfahrens in Aussicht gestellt wird, auf der Insel womöglich wieder laufen zu können.

Zu den schwierigeren Charakteren gehören Rafael (Rodolfo Valente), der alles dafür tun würde, um zu bestehen und sogar beim Würfeltest mogelt. Pluspunkte kann er in der zweiten Folge (Chapter 02: Coins) sammeln, als er die gesamte Arbeitsgruppe davor bewahrt durchzufallen, indem er das aufgegebene Rätsel - eine gestellte Tatortanalye - korrekt löst. Er bleibt zunächst der Unsympath der Serie, wird aber zur komplexeren Figur, je mehr wir über ihn erfahren, denn er hat gleich mehrere Geheimnisse.

An diesen mangelt es auch dem badass Joana (Vaneza Oliveira) nicht, die schnell dahinter kommt, dass Rafael sich ungültigerweise angemeldet hat. Dabei ist sie selbst auf der Flucht wegen etwas, dessen Konsequenzen sie bei einer Rückkehr aufs Festland mit Sicherheit das Leben kosten würde. Sie ist ebenso brillant wie abgebrüht, hat aber das Herz am rechten Fleck und ist von Anfang an eine der stärksten Figuren, die mit der Zeit nur noch mehr „Fan-Favorite-Potential“ entwickelt.

Marco (Rafael Lozano) und Rafael (Rodolfo Valente) © Netflix
Marco (Rafael Lozano) und Rafael (Rodolfo Valente) © Netflix

Nachdem wir in der dritten Episode (Chapter 03: Corridor), in welcher die Kandidaten durch einen mit halluzinogenem Gas gefüllten Gang laufen müssen, viel über die Ängste und Hintergründe der Charaktere erfahren, eskaliert die Situation komplett in Folge vier (Chapter 04: Getaway). Hier reißt Marco (Rafael Lozano), dessen besser gestellte Familie stets zu den drei Prozent zählt, das Kommando an sich, als die Bewerber in einen Komplex eingeschlossen werden, in dem es Rätsel zu lösen gilt, um sich Essensvorräte zu verdienen.

Wie auch im deutschen Spielfilm „Das Experiment“, in dem Versuchssubjekte in zwei Gruppen aufgeteilt werden, bildet sich hier eine gewaltsame Hierarchie, die schließlich dank Joanas Hilfe ebenso blutig zerschlagen wird. Von allen Episoden trägt diese (und vor allem auch Möchtegerndiktator Marco) am dicksten auf. Doch wenn wir uns vor Augen halten, dass es sich hier um ein dystopisches Miniszenario innerhalb der bereits dystopischen Parabel der Serie handelt, ist dieser an den Tag gelegte Pathos wohl durchaus gerechtfertigt.

Ehe ab Episode sechs (Chapter 06: Glass) das nervenaufreibende Finale eingeläutet wird, gibt es mit Chapter 05: Water eine Flashbackepisode, die uns den berechnenden, aber cholerisch veranlagten Prozessmanager mit dem bedeutungsschwangeren Namen Ezequiel (brillant: Joao Miguel) näherbringt. Etwas, auf das vielleicht auch hätte verzichtet werden können, wie man zu dem Zeitpunkt noch denken mag. Schließlich geht es in warnenden Zukunftsmärchen dieser Art des Öfteren um eine Aussage, eine Idee und weniger um vielschichtige Charaktere, da gerne mit grob gezeichneten Archetypen gespielt wird, um die plakative, sozialkritische Message zu vermitteln.

Das sieht „3%“, wie sich herausstellt, anders und verschreibt sich ab dieser Folge doch fast vollständig dem Charakterdrama. So fehlt es am Ende der Serie aber an einem eindeutigen Kommentar, der über die in der Prämisse mitgelieferte Aussage bezüglich der Arm-Reich-Schere hinausgeht. Ob das nun ein Plus- oder Minuspunkt ist, kommt wohl auf die Präferenzen der Zuschauer an. Der große Knall oder gar eine Pointe bleibt in der Finalfolge (Chapter 08: Button) jedenfalls aus, auch wenn es noch eine interessante Auflösung darüber gibt, was das „Reinigungsritual“ vor der Abreise auf die Insel beinhaltet.

Prozessmanager Ezequiel (Joao Miguel) © Netflix
Prozessmanager Ezequiel (Joao Miguel) © Netflix

Wenn es um Kritikpunkte geht, fallen höchstens ein paar Ungereimtheiten ins Gewicht. Einige Aktionen, die sich Charaktere im mit Kameras gespickten Gebäudekomplex leisten und eigentlich nicht unbeobachtet hätten bleiben dürfen oder die Tatsache, dass die von Michele im Körper mit geschmuggelte Giftkapsel (aus Chapter 07: Capsule) eigentlich vom medizinischen Scanner aus der ersten Folge hätte bemerkt werden müssen. Auch könnte man sich fragen, ob die Außenwelt nicht besser auf die Tests (oder, falls diese sich stets ändern, zumindest in Bezug auf die Interviews) besser vorbereitet sein müsste, wenn die Durchgefallenen Bericht von ihrer Erfahrung erstatten.

Für das geringe Budget gibt es keinerlei Abzüge. Vielmehr kann man erstaunt darüber sein, wie viel mit ein paar gut gewählten Locations und dem cleveren Einsatz einfacher Effekte erreicht werden kann. Beides wurde gekonnt mit einem Auge für Ästhetik von den Regisseuren um Cesar Charlone (Kameramann bei „City of God“) in Szene gesetzt.

Die auf Wände oder Gegenstände projizierten Screens und Darstellungen verleihen der Serie zusammen mit den retrofuturistischen Pyjamas ihren 70er-Jahre-Sci-Fi-Look und unterstreichen die Verwandtschaft mit Michael Andersons Spielfilm „Logan's Run“ aka „Flucht ins 23. Jahrhundert“, die ich bereits im Pilotreview erwähnt hatte. Michael York lehnt sich darin gegen ein System auf, das Menschen nach Überschreiten des 30. Lebensjahrs eliminiert.

Das Prinzip des Sich-verdient-Machens, welches im Zentrum der Ideologie der Inselelite aus „3%“ steht, lässt neben dem faschistisch anmutenden Gedankengut Richtung Übermensch immer wieder die Philosophie der kontroversen Autorin Ayn Rand durchblicken, die ihr Prinzip des Objektivismus in Romanen wie „Atlas Shrugged“ transportierte, der heute vor allem unter neokonservativen Sozialstaatskritikern Gefallen findet. Uneingeschränkter Kapitalismus, gefeierter Egoismus bis zum Sozialdarwinismus und ein Gottvertrauen auf die Elite der Gesellschaft werden darin propagiert, was sich mehr oder weniger mit den Vorstellungen des Gründerpaars decken müsste.

Fazit

Die erste Staffel von 3% stellt eine der angenehmsten Überraschungen des Serienjahres dar, sofern man sich nicht von dem relativ geringen Budget oder dem Lesen von Untertiteln abschrecken lässt. Wer kann, sollte allerdings wirklich bei dieser Option bleiben, denn die englische Synchronfassung klingt, als wäre sie von Robotern aufgenommen worden - und wie oft führt man sich schon eine Serie in portugiesischer Sprache zu Gemüte?

Im Gegensatz zu Produktionen (wie zum Beispiel aktuell Westworld), die trotz relativ geringer Laufzeit kaum in die Puschen kommen oder nicht zu wissen scheinen, was sie mit ihrer Spielzeit anfangen sollen, sind die acht Folgen von „3%“ vollgepackt mit dichter Story, die voranprescht wie ein Pferd mit Ingwer im Allerwertesten und schon in der ersten Episode mit zahlreichen Wendungen aufwartet. Lediglich in der Flashbackepisode verschnaufen wir mit einem Blick nach hinten, aber wen stört das schon, wenn diese ganz dem fantastischen Schurken des Stücks gewidmet ist?

Erinnerungswürdige Charaktere sind neben der kunstvollen Inszenierung ohnehin eine der großen Stärken der Serie. Vielleicht werden einige nicht ganz damit zufrieden sein, wie sich die Story der Quasihauptfigur Michele am Ende entwickelt, aber Raum für eine zweite Staffel wurde allemal gelassen, auch wenn das vergleichsweise sanfte Finale auch als unaufgeregter und subtiler Abschluss des Ganzen dienen kann. Gegen einen Trip auf die sagenumwobene Insel, weitere Informationen zum Gründerpaar oder Joana im vollen Rebellinnenmodus wäre trotzdem nichts einzuwenden.

Verfasser: Mario Giglio am Samstag, 3. Dezember 2016
Episode
Staffel 1, Episode 8
(3% 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Kapitel 08: Knopf
Titel der Episode im Original
Chapter 08: Button
Erstausstrahlung der Episode in Brasilien
Freitag, 25. November 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 25. November 2016
Autoren
Cássio Koshikumo, Denis Nielsen, Ivan Nakamura, Jotagá Crema, Pedro Aguilera

Schauspieler in der Episode 3% 1x08

Darsteller
Rolle
Joao Miguel
Bianca Comparato
Rodolfo Valente
Vaneza Oliveira

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