11.22.63 1x08

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Ein Mann reist in die Vergangenheit, um John F. Kennedys Tod zu verhindern. So lautet der Aufhänger von Hulus Miniserie 11.22.63. Doch es gibt noch mehr Gründe, der Stephen-King-Adaption mit James Franco eine Chance zu geben.

Serienposter von „11.22.63“ / (c) Hulu
Serienposter von „11.22.63“ / (c) Hulu

Ein Geständnis zu Beginn: Ich habe Stephen Kings Romanvorlage nicht gelesen, wobei ich noch unschlüssig bin, ob mir das als Reviewer tatsächlich zum Nachteil gereicht. Buchkenner neigen dazu, Dinge auf Adaptionen zu projizieren, die eigentlich nicht vorhanden ist - und Vergleiche führen oft zur Frustration.

Mit frischen Augen sah ich also Hulus achteilige Miniserie 11.22.63, die ihre Premiere am 15. Februar 2016 mit der Auftaktepisode The Rabbit Hole feierte. Für den US-amerikanischen Streaming-Anbieter ist dies bis dato wohl die prestigereichste Eigenproduktion, auch wenn dieser Titel bald an das Sektendrama The Path übergehen könnte. Vor allem ist die Involvierung mit solch namhaften Personen wie Stephen King, J. J. Abrams und James Franco aber eine Kampfansage Richtung Netflix und Amazon, was unter anderem auch am anachronistischen Veröffentlichungsrhythmus der Serie deutlich wird, der dem Grundprinzip der tonangebenden Konkurrenz widerspricht. Ist das Experiment im Endeffekt gelungen?

The day that changed my life

Zunächst zur Handlung von 11.22.63: Es geht um den Englischlehrer Jake Epping (Franco), dessen Leben sich gerade an einem absoluten Tiefpunkt befindet. Als ihm das Schicksal dann in Person seines Freundes Al Templeton (Chris Cooper) die Tür zu einem aufregenden Abenteuer oder viel mehr zu einem Zeitportal in die Vergangenheit öffnet, sieht Jake die Chance, etwas wirklich Bedeutendes zu bewirken. Nach kurzem Zögern entschließt er sich, die Lebensaufgabe seines todkranken Freundes, das Attentat an Präsident John F. Kennedy zu verhindern, um eine bessere Zukunft zu erschaffen, zu vollenden. Zunächst muss er jedoch die Regeln des Zeitreisens begreifen: Erstens, das Portal führt nur zu einem Zeitpunkt, dem 21. Oktober 1960. Zweitens, es spielt keine Rolle, wie lange man in der Vergangenheit bleibt, denn in der Gegenwart vergehen jedes Mal nur zwei Minuten. Und drittens, mit jeder neuen Zeitreise setzt man alles wieder auf den Status Quo zurück.

Doch obwohl ihn Al eigentlich auf alles vorbereitet hat, braucht Jake anfangs noch etwas Zeit, um sich an die neue beziehungsweise alte Welt anzupassen. Alles ist anders im Jahr 1960: Das Essen schmeckt besser, die Preise sind niedriger und jeder Mann ist glattrasiert und chic gekleidet. Mit unzähligen Details schafft es die Serie, ein faszinierendes Bild einer außergewöhnlichen Epoche zu zeichnen - 11.22.63 ist also nicht nur ein spannender Mysterythriller, sondern auch ein gelungenes period piece im Hochglanzlook. Als Jake dann seine ersten Herausforderungen gemeistert hat, macht er sich auf Richtung Texas, also dorthin, wo das Attentat geboren wurde. Vorher kümmert er sich jedoch noch um ein persönliches Anliegen: Er will einen Bekannten aus seiner Gegenwart vor einem furchtbaren Kindheitstrauma bewahren, was ihm trotz großer Schwierigkeiten auch gelingt. Doch Jake erkennt allmählich, dass die Vergangenheit eigentlich nicht verändert werden will.

Jake und Bill belauschen ihren Nachbarn Lee Harvey Oswald. © Hulu
Jake und Bill belauschen ihren Nachbarn Lee Harvey Oswald. © Hulu

You fuck with the past and the past fucks with you

In Texas angekommen, bauen sich Jake und sein neuer Weggefährte Bill Turcotte (George MacKay), ein Junge aus dem Süden, der genau wie Jake nach Erfüllung sucht, eine Existenz in Fort Worth auf. Bis zum Attentat in Dallas ist es immerhin noch ein paar Jahre hin und so können die beiden die restliche Zeit damit verbringen, Ermittlungen zu der künftigen Tat anzustellen, die ja bis heute als unaufgeklärt gilt. Besonders den vermeintlichen Schuldigen, Lee Harvey Oswald (Daniel Webber), nehmen sie unter die Lupe, um zu sehen, ob er eventuell mit der CIA oder den Sowjets kooperiert. Sie dringen so tief in das Leben des jungen Marxisten ein, dass sich Bill zusehends mit dem Feind verbrüdert. Aus Angst, sein Freund könnte überlaufen, lässt Jake ihn schließlich ins Irrenhaus einweisen, wo sich Bill dann später das Leben nimmt.

Dieser Part der Serie, in dem Jake und Bill Spione spielen, macht das Kernstück der gesamten Handlung aus, in meinen Augen ist er jedoch am langweiligsten. Das Drehbuch scheint sich in den betroffenen Episoden oft zu verstricken, wodurch wertvolle Zeit vergeudet wird, die später durch ein gehetztes Erzähltempo wieder reingeholt werden muss. Auf diese Weise verlieren einige Ereignisse, so wie Jakes sehr kurzzeitiger Gedächtnisverlust, ihr dramatisches Potenzial. Und die vielen Umwege wirken umso frustrierender, weil am Ende tatsächlich bloß Oswald als großer Endgegner hervorgeht. Zwar trifft der Darsteller genau die Charakteristika, für die diese historische Figur bekannt ist, also eine schizoide Persönlichkeitsstörung mit passiv-aggressiven Tendenzen, doch im Vergleich zu den übrigen Schurken der Serie ist seine Ausstrahlung eher blass. Besonders hervorzuheben ist in dieser Kategorie meiner Meinung nach Josh Duhamel als misshandelnder Familienvater Frank Dunning, auch wenn der unheimlichste Antagonist wohl die Vergangenheit selbst ist, die Jake immer wieder Hindernisse in den Weg legt, um seinen Plan zu vereiteln.

Einer der stärksten Handlungsstränge der Serie spielt sich in der Schule im Nachbarstädtchen Jodie ab, in der Jake einen Posten als Lehrer ergattern konnte. Nicht nur, dass er dort seine Freude am Unterrichten wiederfindet, er lernt zudem die Liebe seines Lebens kennen, die hübsche Bibliothekarin Sadie Dunhill (Sarah Gadon). Auch wenn nur wenig Zeit auf die Etablierung der großen Gefühle zwischen den beiden verwendet wird, ist es der grandiosen Chemie zwischen den Darstellern zu verdanken, dass sie doch authentisch wirken.

Als ich diese Szenen fernab der weltpolitischen Verschwörung sah, kam in mir der Wunsch auf, mehr von dieser unspektakulären Seite von 11.22.63 zu sehen. Der Tanzabend in der Schule, Jakes Einsatz für Miz Mimis (Tonya Pinkins) Bürgerrechte oder seine Freundschaft mit Deke Simmons (Nick Searcy) haben mir besser gefallen als alles, was in Zusammenhang mit dem Attentat stand. Offenbar nimmt auch gerade dieser Teil der Geschichte in der Buchvorlage eine deutlich größere Rolle ein, doch wie der US-Kritiker Alan Sepinwall in einem interessanten Artikel treffend erklärt, ist es für Hulu einfacher, die Serie an die Zuschauer zu bringen, in der ein Mann in die Vergangenheit reist, um einen Präsidenten zu retten als die, in der er ein besserer Lehrer wird und die Vorzüge einer simpleren Zeit genießt.

Jake fand in der Vergangenheit die Liebe seines Lebens. © Hulu
Jake fand in der Vergangenheit die Liebe seines Lebens. © Hulu

Someone you knew in another life

Die finale Episode The Day in Question zeigt, wie unwichtig eigentlich alles in Bezug auf Lee Harvey Oswald und John F. Kennedy ist, indem sie den vermeintlichen Höhepunkt der Serie, den Attentatsversuch am 22. November 1963, in der ersten Viertelstunde hinter sich bringt. Trotz des Widerstandes der Geister der Vergangenheit schaffen es Jake und Sadie gerade noch rechtzeitig zum Schulbuchdepot, um Oswalds fatale Schüsse auf die Limousine des Präsidenten zu verhindern. Im Kampf gelingt es Jake, den Schützen zu eliminieren, doch dabei findet auch seine große Liebe Sadie den Tod. Nach einigen Komplikationen mit den Behörden, kehrt er zurück in die Gegenwart, um zu sehen, was sein Eingriff in die Weltgeschichte bewirkt hat.

2016 ist offenbar nicht besser, sondern schlechter geworden, ein postapokalyptisches Ödland, gezeichnet von Kriegen und Atombomben. Alternative Zeitstränge sind eben zu komplex, als dass ein einzelner Mann sie vorhersagen kann. Nach einem kurzen Aufeinandertreffen mit einem alten Bekannten (Leon Rippy) springt Jake erneut durch das Zeitportal ins Jahr 1960, um die ursprüngliche Gegenwart zurückzuholen und um Sadie wiederzusehen. Doch als er sie findet, mahnt ihn die Vergangenheit in Person des berüchtigten Yellow Card Man (Kevin J. O'Connor), dass er sie niemals haben kann, da er sie jedes Mal aufs Neue verlieren würde. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als in seine eigene Zeit zurückzukehren, ohne Sadie. Dort gelingt es ihm aber, sie erneut ausfindig zu machen. Sie ist inzwischen eine alte Dame und hat ein ganzes Leben ohne ihn gelebt, ein glückliches, wie sich zeigt. Und auch wenn Jake niemals mit seiner Sadie zusammen sein kann, so ist ihm zumindest noch ein letzter Tanz mit ihr vergönnt. Es ist ein bittersüßes, herzzerreißendes Ende. Er tanzt mit einer Fremden und sieht in ihr die Liebe seines Lebens.

Fazit

11.22.63 verabschiedet sich mit einer wundervollen Abschlussszene, die nach der alten Schule Hollywoods mit den Gefühlen der Zuschauer spielt. Für mich macht dieses bewegende Finale vieles von dem wett, was in den Episoden zuvor durch das Drehbuch in den Sand gesetzt worden ist. Herausragend war in diesen letzten Momenten der Serie einmal mehr die ausdrucksstarke Mimik ihres Hauptdarsteller James Franco, der die komplizierten Gefühle seiner Figur umwerfend transportierte. Seine charmante Ausstrahlung trug das Format auch durch die zähen Passagen, die sich besonders in der Mitte der Laufzeit sammelten. Doch auch die Nebenfiguren waren allesamt großartig besetzt. Neben dem cineastischen Look dürfte der fantastische Cast wohl die größte Stärke der Serie sein.

Was die Schwächen des Drehbuchs betrifft, sollte man fairerweise anmerken, dass es die Serienschöpferin Bridget Carpenter bei der Buchvorlage Stephen Kings immerhin mit einem Wälzer von 849 Seiten zu tun hatte. Eine befriedigende Adaption erscheint bei einer solchen Menge an Material schier unmöglich. Meiner Meinung nach wäre die Serie sogar besser gewesen, wenn man noch mehr weggekürzt hätte. Alles in allem darf Hulu das Experiment 11.22.63 aber fraglos als Erfolg verbuchen.

Verfasser: Bjarne Bock am Mittwoch, 6. April 2016
Episode
Staffel 1, Episode 8
(11.22.63 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Am fraglichen Tag
Titel der Episode im Original
The Day in Question
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 4. April 2016 (Hulu)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 30. Mai 2016
Regisseur
James Strong

Schauspieler in der Episode 11.22.63 1x08

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?