American Horror Story 3x11

Ähnlich wie am Ende der zweiten Staffel der Anthologieserie American Horror Story verliert die Serie zunehmend an dramaturgischer Stringenz. Beinahe orientierungslos mäandert sie zwischen diversen Plotelementen hin und her und scheint eine Liste an brutalen und möglichst sensationsheischenden Szenen abzuarbeiten, anstatt die Geschichte anhand der Motivationen ihrer Charaktere zu erzählen.
How the mighty have fallen
Je länger die Staffel läuft, desto offensichtlicher wird ihr größtes Problem: Der Plot folgt nicht den Charakteren, sondern die Charaktere dem vorgegebenen Plot. Man kann sich richtiggehend vorstellen, wie die Drehbuchautoren sich ausmalen, in welcher Episode welcher Charakter welche Schandtat vollführen soll. Das Problem dabei ist, dass die Motivationen der Figuren zuvor nicht ausreichend herausgearbeitet wurden, um ihre Handlungen zu rechtfertigen. Warum will Kyle (Evan Peters) am Ende nicht abhauen? Warum haben Fiona (Jessica Lange) und Marie Laveau (Angela Bassett) überhaupt Frieden geschlossen? Warum behauptet Zoe (Taissa Farmiga), sie sei „committed to this coven“ - und haut am Ende doch ab? Warum hat Queenie Delphine wieder zurechtgeschustert - und wie?
Protect the Coven fühlt sich wie eine beliebige Aneinanderreihung größtenteils unzusammenhängender Ereignisse an. Da werden mehrere Kleinkriege geführt, bei keinem davon war ich jedoch emotional involviert genug, um mich um den Ausgang zu scheren. Es kommen ja sowieso alle immer wieder von den Toten zurück - sei es nun als Geist, als lebender Mensch oder als zusammengeflicktes Frankenstein'sches Halbwesen.
In der neuen Episode kehren gleich drei Protagonisten unter die Lebenden zurück. Queenie (Gabourey Sidibe) entdeckt eine neue Fähigkeit, nämlich dass sie gegen die Silberkugeln der Hexenjäger immun ist. Warum es mehrere Episoden dauert, bis sie wieder zu den Hexen zurückkehrt - und warum überhaupt - sei einmal dahingestellt (wo war Kyle eigentlich zwischendurch?). Jedenfalls hat sie die angeleinte Delphine LaLaurie (Kathy Bates) dabei, die sie - ebenfalls in Abwesenheit der Zuschauer - wieder zusammengeflickt hat. Ohne sichtbare Narben, versteht sich.

Delphine kehrt anstandslos in den Dienst als Hausdame von Miss Robichaux's zurück. Als sie den blutenden Gärtner sieht, keimt die alte Folterleidenschaft wieder auf und sie verzieht sich unbemerkt mit dem armen Kerl auf den Dachboden. Haben wir nun nicht schon oft genug gesehen, wie Delphine ihren eklatanten Rassismus auslebt? Langsam wird es wahrlich unerträglich und Showrunner Ryan Murphy muss sich ernsthaft fragen lassen, mit welcher dramaturgischen Begründung er diesen rassistischen Schund rechtfertigt.
Welcome to the revolution
Als Delphine jedenfalls mit ihrem Opfer zugange ist, erscheint ihr plötzlich (der Geist von?) Spalding (Denis O'Hare). Er bietet ihr einen Tausch an: Gelänge es ihr, ihm eine seltene Puppe zu besorgen, verrate er ihr das Geheimnis zur Überwindung der Unsterblichkeit ihrer Todfeindin Marie Laveau. Das Ganze stellt sich als cleveres Täuschungsmanöver des Hausdieners heraus. Laveaus Beseitigung aus der Hexenakademie hat für ihn nämlich den angenehmen Nebeneffekt, dass er nun in Form ihres Babys eine „lebende Puppe“ sein Eigen nennen darf. Mal sehen, wie schnell Laveau aus ihrem Grab entfliehen kann.
Begraben ist momentan auch die Resurrektionskünstlerin Misty Day (Lily Rabe). Nicht unweit ihres Grabes hält Fiona zu Beginn der Episode eine halbherzige Trauerrede auf die von ihr und Marie ermordete Nan (Jamie Brewer). Ich würde hohe Beträge darauf verwetten, dass Nan in der nächsten Episode schon wiederkehrt. Schließlich war sie zuvor schon auf die dunkle Seite übergetreten, gemeinsam mit dem Voodoopriester (wieder: -geist?) Papa Legba (Lance Reddick).
Zoe findet dank eines Zauberspruchs heraus, dass die neuen „BFFs“ Fiona und Marie für Nans Tod verantwortlich sind - und unternimmt deswegen: nichts. Viel eher lässt sie sich von Myrtle Snow (Frances Conroy) dazu überreden, den Hexenzirkel so schnell wie möglich zu verlassen, Sekunden nachdem sie ihr gegenüber noch beteuert hatte, dass sie den Hexen treu bleiben wolle. Madison (Emma Roberts) darf sich derweil zum gefühlt einhundertdreiundfünfzigsten Mal als unendlich verzogenes Gör aufführen, nur um von FrankenKyle erneut einen Korb zu kassieren. Was mit diesem Charakter noch passieren soll, ist mir absolut schleierhaft.

Bevor wir das grande finale von Protect the Coven erreichen, darf ein weiterer Charakter eine weithin unverständliche Aktion vollführen. Cordelia (Sarah Paulson) sticht sich selbst mit einer Gartenschere die Augen aus, in der vagen Hoffnung, dadurch ihre seherischen Fähigkeiten zurückzuerlangen. Von Myrtle wird sie dafür in Abwesenheit als „Heldin“ hoch gelobt - doch wofür unterzieht sie sich dieser peinigenden Prozedur? Was hält sie überhaupt noch im Hexenzirkel? Die „Überbitch“ Madison? Oder Queenie, die für sie nichts als Verachtung übrig hat? Zoe etwa, die bisher keinerlei Beziehung zu Delia aufgebaut hat?
This is the end
Die gleiche Frage lässt sich übrigens nahtlos auf das duo infernale aus Fiona und Marie übertragen. Wieso setzen sie sich so bedingungslos für die Erhaltung des Hexenzirkels ein? Und wenn es für sie so einfach ist, die Hexenjäger von Delphi Trust zu überwinden, warum haben sie die Aktion nicht schon viel früher durchgeführt? Brauchten sie wirklich die Hilfe des Axeman (Danny Huston)? Und ist der Axeman eigentlich ein Geist, ein Wiederauferstandener oder ein Lebender?
Ich habe jedenfalls bei all diesen offenen Fragen die Übersicht verloren - und verliere auch immer mehr das Interesse an American Horror Story. Waren die letzten Episoden der zweiten Staffel noch vollgepackt mit (teilweise ebenso hanebüchenen) überraschenden Wendungen, so strotzen die letzten Episoden der dritten Staffel nur so vor Redundanz. Hinzu kommt, dass keiner der Charaktere eine echte Motivation für seine Handlungen vorweisen kann.
Da hilft es auch nicht mehr, dass das überwiegend weibliche Ensemble nach wie vor sehr sehenswerte schauspielerische Leistungen abliefert. Auch die technische Umsetzung der Episoden bleibt weiterhin auf einem hohen Niveau. Diese beiden positiven Aspekte fühlen sich jedoch immer mehr wie eine leere Hülle an. Die darin enthaltene Dramaturgie irrt orientierungslos umher und hangelt sich von einem redundanten plot point zum nächsten. Schade eigentlich, der Stoff hätte so viel mehr hergeben können.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 16. Januar 2014(American Horror Story 3x11)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 3x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?