American Horror Story 3x09

American Horror Story macht in seiner dritten Staffel vieles richtig. Die Mitglieder des exzellent besetzten Ensembles bekommen gleichwertige Spielzeit (mit Ausnahme von Patti LuPone), die optische Umsetzung bleibt gelungen und die Musikauswahl ist nach wie vor bestechend. Leider erzählen die Autoren eine oftmals redundante Geschichte, die auch in der Hälfte der Zeit abgehandelt werden könnte. In einer Miniserie mit vier bis sechs Episoden wären die positiven Aspekte jedenfalls nicht so schnell verblasst wie in den bisher ausgestrahlten neun Episoden. Und wir haben ja noch vier vor uns.
God works in mysterious ways. Roll with it.
Spaß macht die Serie nach wie vor. Das dramaturgische Grundgerüst fühlt sich jedoch immer mehr wie eine glänzende leere Hülle an. Die Geschichte dreht sich oftmals im Kreis, momentan geht es eigentlich nur noch darum, welche Allianzen geschmiedet werden, nur um kurz darauf wieder gebrochen werden zu können. Die zentralen Charaktere haben alle eine Funktion und auch genug sinnvolle Beschäftigung, doch wirken sie allzu oft wie Figuren eines Schachspiels, die Serienschöpfer Ryan Murphy und Konsorten nach Belieben umherrücken. Ein großer Unterschied zum Schach besteht derweil: American Horror Story scheint sich an keinerlei Regeln halten zu wollen.

Solche Anarchie ist keinesfalls die schlechteste Voraussetzung für die Etablierung einer interessanten Erzählkonstruktion. Jedoch stiftet sie in „AHS“ mehr Verwirrung, als dass sie für echten Horror sorgen würde. Ein gutes Beispiel dafür ist die Figur von Marie Laveau (Angela Bassett). Meine Annahme war bisher, dass die Voodookünstlerin unsterblich sei. Zumindest wurde sie als solche Figur eingeführt, als sie sowohl im New Orleans des 18. Jahrhunderts als auch in der Gegenwart auftauchte. In der neuen Episode starrt sie jedoch mit Schrecken in den Lauf von Hanks (Josh Hamilton) Pumpgun und kann nur von Queenie (Gabourey Sidibe) in einem Akt der Selbstaufopferung gerettet werden.
Warum hat Laveau also so viel Angst vor Hank, wenn sie doch eigentlich unsterblich ist? Und wieso lässt sie sich plötzlich auf einen Deal mit Fiona (Jessica Lange) ein, wo sie doch offenkundig über die stärksten Superkräfte aller Übermenschen in New Orleans verfügt? Am Ende dürfte nämlich trotzdem wieder alles auf einen Showdown zwischen den beiden hinauslaufen. Ein erstes untrügliches Zeichen also, dass es dem Drehbuch an Substanz fehlt, dass die Geschichte mit wenig nachvollziehbaren Volten aufgebläht werden muss.
Ein weiteres Zeichen sind diverse handwerklich raffinierte, aber ellenlange Dialogabschnitte. Die Sprache darin ist geschliffen, Murphy und das Autorenteam verstehen es blendend, ihren Figuren denkwürdige Zeilen in den Mund zu legen. Leider dienen diese Dialoge jedoch nicht dem Fortschritt der Geschichte, sondern degenerieren schnell zu reinem Selbstzweck. So bleibt „AHS“ sowohl optisch als auch dramaturgisch in der bereits reichlich zitierten Musikvideoästhetik hängen. Auch in Head werden keine neuen Erkenntnisse geliefert - mit einer kleinen Ausnahme.
You don't take initiative, Hank. You follow orders.
Zu Beginn der Episode sehen wir den jungen Hank mit seinem Vater (gespielt vom großartigen Michael Cristofer) im Wald. Die beiden entstammen einer Familie von Hexenjägern mit langer Tradition. Aus dieser Tradition erwuchs ein Familienunternehmen namens „Delphi Trust“, das von Hanks Vater geführt wird. Vordergründig operiert das Unternehmen als Finanzkonglomerat, im Verborgenen geht es der alten Tradition nach und entledigt den nordamerikanischen Kontinent seiner Hexen.

Hank hat ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Vater. Er will dessen Ansprüchen genügen, seine Eigeninitiative führt jedoch allzu oft zu Rügen. In der Delphi-Hierarchie wird er deswegen von jemandem übersprungen, der nicht den gleichen Nachnamen trägt wie er. Auch kann er sich nicht entscheiden, ob er nun seinen ursprünglichen Auftrag, bei der Vernichtung des Hexenzirkels in New Orleans behilflich zu sein, erfüllen oder ob er seiner (offensichtlich echten) Liebe zu Cordelia (Sarah Paulson) nachgehen soll. Ein letzter Versöhnungsversuch mit Cordelia bleibt erfolglos, dennoch entschließt er sich dazu, sie vor den dunklen Voodoomächten der Marie Laveau zu beschützen und sich dabei selbst aufzuopfern.
Ein weiterer Grund dafür dürfte außerdem gewesen sein, dass Cordelia im Auftrag seines Vaters mit Säure übergossen wurde, was Hank von diesem freimütig erzählt wird. Cordelia hatte durch den Angriff ihr Augenlicht verloren, jedoch eine neue Gabe hinzubekommen: „My blindness gave me real vision, but it's of no use to me now.“ Diese wird ihr jedoch wieder genommen, nachdem Myrtle Snow (Frances Conroy) sich entschieden hat, sich an den übrigen Mitgliedern des Hexenzirkels zu rächen und ihre toten Augäpfel an Cordelia zu spenden. Fortan verfügt die also wieder über Augenlicht, verliert jedoch ihre visionäre Fähigkeit. Wo hier der logische oder auch nur lineare Zusammenhang bestehen soll, darf mir ein Leser gern in den Kommentaren erklären.
Eine weitere Verbündete findet Cordelia in Misty Day (Lily Rabe). Zu den Klängen von „Kind of Woman“ von Stevie Nicks kommen sich die beiden während der Zubereitung eines Verjüngungsmatsches näher, den sie zunächst an einer Pflanze ausprobieren, bevor sie von Hexenjäger Hank unterbrochen werden. Eine radikale Verjüngungskur - oder besser: Reanimationskur - macht auch FrankenKyle (Evan Peters) durch, als er von Fiona entdeckt wird. Statt ihn für den Mord an ihrem neuen Schäferhund (warum?) zu bestrafen, hilft sie seinem Genesungsprozess auf die Sprünge, um ihn fortan als Wachhund einzusetzen - und um den ambitionierten und stets auf den Thron der Supreme schielenden Junghexen Zoe (Taissa Farmiga), Madison (Emma Roberts) und Nan (Jamie Brewer) eine Lektion zu erteilen.
Sweet release, at long last
Denen gelingt es indes, Lukes (Alexander Dreymon) gottesgläubige Mutter Joan (Patti LuPone) von Nans seherischen Fähigkeiten zu überzeugen. Da Luke ihr jedoch aus dem Koma mitteilt, dass Joan ihren Ehemann, seinen Vater, nach dessen Betrug ermordet hat, sieht sich die überzeugte Christin dazu gezwungen, auch den Sterbeprozess ihres Sohnes zu beschleunigen. Wie so oft in dieser dritten Staffel, kann auch diese Szene nicht wirklich schockieren, da wir natürlich wissen, dass jeder Tote umstandslos unter die Lebenden zurückgeholt werden kann. Eine Ausnahme bildet dabei wahrscheinlich Hank, dessen Vater keinen Zugang zu den Misty-Day'schen Fähigkeiten hat. Ausschließen will ich das zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht.

Bei Queenie und Luke können wir jedoch davon ausgehen, dass irgendjemand sie wieder zum Leben erwecken wird. Mit dieser Möglichkeit haben sich die Autoren wahrlich keinen Gefallen getan, denn abseits der Tatsache, dass manche Figuren es sowieso schwer haben, sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen, raubt dies der Dramaturgie den Großteil ihres anfänglichen Schwungs. Technisch überzeugt American Horror Story weiterhin. Allerdings können die optischen Spielereien nicht länger übertünchen, dass es der Geschichte an Substanz fehlt und sich schon jetzt einzelne Handlungsstränge wiederholen.
Ein großes Highlight der Episode war indes der abgetrennte Kopf der unsterblichen Delphine LaLaurie (Kathy Bates). Zusammen mit dem ebenfalls immer noch lebenden Rest ihres Körpers konnte der für die größten Lacher der Episode sorgen. Statt LaLaurie den langersehnten Tod durch Feuer zu gewähren, parkt Queenie ihren Kopf kurzerhand in ihrem Zimmer, um Delphine den latenten Rassismus auszutreiben - durch die Beschallung mit Protestliedern der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
An der Stelle setzt die Schlussmontage ein, in der Hank den Friseursalon stürmt. Die Szene hat in den USA für einige Verwirrung und gar Verärgerung gesorgt, da zu den Klängen von „Oh, Freedom“ ausgerechnet ein Anschlag auf afroamerikanische Charaktere ausgeübt wird. Für manche hat diese Darstellung die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Vielleicht sollten sich Murphy und Konsorten wirklich einmal darauf besinnen, den shock value etwas zurückzufahren und wieder eine solide Geschichte zu erzählen.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 13. Dezember 2013American Horror Story 3x09 Trailer
(American Horror Story 3x09)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 3x09
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