American Horror Story 3x07

Bisher hat die neue Staffel von American Horror Story viel Spaß gemacht. Die neue Episode fühlte sich für mich jedoch merkwürdig leer an, obwohl wieder viele kleine skurrile Absurditäten für stetes Schmunzeln sorgten. Trotzdem drängt sich langsam der Verdacht auf, als versuchten die Autoren und Produzenten der Serie, fehlende dramaturgische Substanz durch überragende Stilistik zu kompensieren. Das führte bereits in vorigen Episoden dazu, dass sich der „Horror“ beinahe gänzlich aus der Serie verabschiedete. In The Dead ist davon nun kaum noch etwas übrig. Die Serie nimmt gerade in dieser neuen Episode eher die Gestalt eines - sehr sehenswerten - Teenagerdramas an.
I can't feel anything
Wie ich in der Review zur Auftaktepisode der dritten Staffel bereits angemerkt habe, bin ich ein großer Befürworter von Coming-of-Age-Geschichten. Schade ist nur, dass zugunsten einer solchen Dramaturgie die klassischen Horrorelemente der Serie beinahe komplett geopfert werden. Momentan finden die Autoren der Serie keinen Mittelweg, um die beiden Genres miteinander zu verknüpfen. Zu keinem Zeitpunkt sieht sich irgendeine Figur großer Gefahr ausgesetzt, was natürlich auch daran liegt, dass die Toten ohne Weiteres unter die Lebenden zurückkehren können. Im Falle Madison Montgomerys (Emma Roberts) geschieht das überdies ohne erwähnenswerte Nebenwirkungen. Davon kann FrankenKyle (Evan Peters) nur träumen.

Gleichzeitig sollte festgehalten werden, dass die so vielbeschworene Teenage Angst der jungen Protagonistinnen wunderbar dargestellt wird. Zu Beginn der Episode demonstriert Drehbuchautor Brad Falchuk - der Co-Schöpfer der Serie - wie versiert er die Ängste der Nachwuchsgeneration in Worte fassen kann. Da räsoniert die ins Leben zurückgeholte Madison darüber, welche Seelenqualen ihre Generation („Millenials“ oder „Generation Y“) zu durchleiden hat: „It seems our one defining trait is a numbness to the world, an indifference to suffering.“ Nach ihrer Wiederauferstehung wünscht sich Madison nichts mehr, als endlich wieder den Schmerz fühlen zu können, der ihre Persönlichkeit größtenteils definiert hatte: „How can anything be worse than this eternal silence inside of me?“
Dieser gleichzeitig sehr pathosbeladene und empathieerweckende Monolog versandet jedoch schnell in dem weiteren, etwas zu simpel gestrickten Handlungsfortlauf. Da nimmt sich Madison dem Schicksal von FrankenKyle an, den Zoe Benson (Taissa Farmiga) kurz zuvor noch ins Totenreich zurückschicken wollte. Ihr fällt jedoch nichts besseres ein, als ihn zu ihrem persönlichen Sexmonster zu machen und danach in überaus frivoler Art der wenig schockierten Zoe eine Ménage-à-trois vorzuschlagen. Nach kurzer Kontemplation stimmt Zoe dem lüsternen Vorhaben zu, das Duschhandtuch fällt zu Boden und die drei testen aus, ob Zoes düstere Ur-Gabe (Tod durch Sex) auch bei Zurückgekehrten anschlägt.
Die Passage offenbart allzu deutlich Falchuks Absicht, größtmöglichen Schauwert zu erzielen. Man könnte glauben, die Autoren der Serie hätten sich vor Produktionsstart eine Checkliste mit möglichen Grenzüberschreitungen und vermeintlichen Tabubrüchen zusammengestellt und arbeiteten diese nun Episode für Episode ab. Für kurzweiligen Filmspaß mag ein solches Vorhaben ausreichend sein, in einer Serienproduktion setzt jedoch irgendwann der Sättigungsprozess ein. Dieser wird in American Horror Story zusätzlich dadurch beschleunigt, dass wenige Handlungen echte Konsequenzen nach sich ziehen. Wenn die Gefahr des Todes, des plötzlichen Sterbens, wegfällt, welches Schreckgespenst bleibt dann noch?
We are known for our entitlement and narcissism
Ich bezweifle zwar, dass dies die Absicht der Autoren gewesen ist - aber wir sehen, wie dieser Abstumpfungsprozess bei den drei jugendlichen Protagonistinnen bereits eingesetzt hat. Zoe ist wenig schockiert über die Tatsache, dass sie Madison und Kyle beim wilden Sex erwischt. Queenie (Gabourey Sidibe) liefert - ohne mit der Wimper zu zucken - Delphine LaLaurie (Kathy Bates) an Marie Laveau (Angela Bassett) aus, obwohl die beiden wenige Szenen zuvor erste Schritte der Annäherung getätigt hatten. Und Madison? Die war schon vor ihrem Kurzzeittod moralisch korrumpiert. Nun, da sie keinerlei Schmerzen mehr verspürt, kann sie auch auf den letzten Rest Anstand pfeifen.

Außer der Konsequenzlosigkeit hat eine solche Geschichtsentwicklung zur Folge, dass die Motivationen der Charaktere konfus bleiben. Das ist leicht verständlich - man stelle sich nur einmal vor, man lebe in einer Welt ohne Regeln, weil es in dieser Welt keine Sterblichkeit gibt. Die Konsequenzen eines solchen, beinahe zwangsläufig egoistisch verlaufenden Lebens lassen sich wunderbar an Fiona Goodes (Jessica Lange) Figur ablesen. Bis zu ihrer Krebserkrankung hielt sich die Supreme für unsterblich und unbesiegbar. Sie hinterließ eine Spur der Verwüstung, sowohl in ihrer Familie als auch in ihrem weiteren sozialen Umfeld. Nun darf sie ernten, was sie jahrelang gesät hat - inklusive Mordabsichten ihrer eigenen Tochter Cordelia (Sarah Paulson): „We're going to kill my mother. Kill her once, kill her good. Kill her dead.“
Was bleibt ihr also übrig, als sich in die Arme des Axeman (Danny Huston) - beziehungsweise seines Geistes - zu flüchten, der zwar eine Leiche in seiner Badewanne aufbewahrt, dafür jedoch über wundersame Verführungskräfte verfügt. Außerdem kann er Fiona glaubhaft versichern, dass er in sie verliebt ist, seit sie zur Frau geworden sei.
Ob seine Liebe größer ist als die des Hausangestellten Spalding (Denis O'Hare), dessen Familie seit zehn Generationen als Diener in Miss Robichaux's Academy tätig ist? Mitteilen kann er uns das leider nicht mehr, obwohl er nach jahrelanger Stummheit dank Zoes chirurgischen Superkräften das Sprechen wieder gelernt hat. Postwendend entschließt sich Zoe jedoch dazu, den armen Spalding zu ermorden, nachdem sie die Information über Madisons wahre Mörderin aus ihm herausgezaubert hat. Doch wer weiß? Vielleicht kommt ja auch Spalding bald wieder von den Toten zurück...
The reason for living is to get ready to stay dead a long time
Genau diese Gewissheit darüber, dass sämtliche Toten wiederauferstehen können, nimmt der Dramaturgie der Serie den Wind aus den Segeln. Keiner der ermordeten, zentralen Charaktere musste sich bisher für immer ins Jenseits verabschieden. Da verliert auch das wunderbar absurde Bild von Hank (Josh Hamilton) und seinem bizarren Waffenarsenal gehörig an Einschüchterungskraft. Die Szene ist so trashy, dass sie mir großen Spaß machen würde, hätte ich nicht das Wissen um die Auferstehung im Hinterkopf.

Dabei bemüht sich Drehbuchautor Falchuk in dieser Episode redlich, der Handlung Dramatik zu verleihen. Madisons Monolog zu Beginn kann durchaus als quasi-philosophisch eingestuft werden. Außerdem gibt es erstmals in der neuen Staffel Referenzen an die Weltliteratur (William Faulkner!). Trotzdem kommt das Drehbuch überfrachtet daher, die ausgreifenden Dialoge zwischen Fiona und dem Axeman oder Marie Laveau und Queenie sollen dialektische Tiefe erzeugen, kreisen aber lediglich um das immergleiche Thema.
Technisch ist auch The Dead wieder überzeugend umgesetzt. Wir sehen weniger irrwitzige Kamerafahrten, bekommen dafür aber mehrere pompös ausgestattete Kulissen vorgesetzt. Die Episode eröffnet mit dem großartigen Song „Rosanna“ der ebenso großartigen 80er-Jahre-Überband Toto, die Kyle völlig zurecht abfeiert: „Seriously, Toto is amazing.“
Das Drehbuch sollte dem völlig irrational handelnden FrankenKyle jedoch schnellstmöglich eine bedeutendere Rolle zuschreiben. Nach sechs Episoden beginnt die Monsterfigur nämlich, leicht zu nerven. Dies gilt natürlich nicht für Evan Peters, der vermutlich einfach nur seine Rolle spielt. Das Skript steckt seinen Charakter jedoch in ein viel zu enges Korsett.
In einem sprachlichen Korsett steckte bislang auch der arme Spalding, der in dieser Episode von Denis O'Hare grandios porträtiert wird. Wie die Figur sich mit ihrem gesamten Körper gegen die Vereinnahmung durch Zoe zu wehren versucht, ist sehr sehenswert. Überhaupt macht die ganze Episode optisch wieder einiges her - leider kommt sie dramaturgisch ins Stolpern.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 21. November 2013American Horror Story 3x07 Trailer
(American Horror Story 3x07)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 3x07
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?