American Horror Story 3x05

Die neue Staffel von American Horror Story erweckt zeitweise den Eindruck, als stünden die Produzenten der Serie unter enormem Zeitdruck, als würden sie von einer unbekannten Kraft dazu angeleitet werden, von einem plot point zum nächsten zu hetzen und dabei so viele Referenzen an Klassiker des Horrorgenres in ihrer Geschichte unterzubringen wie nur irgend möglich. Bestes Beispiel dafür ist die neue Episode Burn, Witch. Burn!. Darin gibt es Zombies, Wiederauferstehung, Hexenverbrennung und kettensägenmordende Teenager. Das alles wird zu einem atemlosen, grandios trashigen Mix zusammengerührt, der in seiner Ästhetik nicht selten an Musikvideos erinnert.
I wonder if you're brave enough to visit my chamber of horrors
American Horror Story ist knallig, bunt, poppig und laut. Da werden Genreregeln gedehnt beziehungsweise neu erfunden, da werden diverse Gepflogenheiten belächelt, da wird alles miteinander vermischt, was auch nur ansatzweise Gefühle des Ekels und der Spannung zu erzeugen verspricht. Mir macht das Ganze viel Spaß, was jedoch seinen Preis hat. Bei diesem wilden Ritt bleiben nämlich Charakterentwicklung, dramaturgische Kohärenz und das Potential zur Figurenidentifikation teilweise auf der Strecke. Effektives Erzählen wird gegen möglichst effektvolles eingetauscht, Linearität gegen Lakonie, Kongruenz gegen Kettensägen.

Außerdem ist das echte Horrorelement fast ganz aus der Serie verschwunden. Es gibt kaum noch Szenen, die mich wirklich erschaudern lassen. Das Gefühl des Horrors ist der reinen Freude am Trashfaktor gewichen. Zudem haben die Fähigkeiten diverser Akteure, die Toten wieder zum Leben zu erwecken, der Dramaturgie einen Bärendienst erwiesen. Nach dem vermeintlichen Tod eines zentralen Charakters frage ich mich nun meistens zuerst, wann dieser wohl wieder aufersteht, als darüber schockiert zu sein. Die Serie beraubt sich damit einer gewissen Drastik, was jedoch durch die verstärkte Konzentration auf Optik, Sound und atemloses Vorantreiben des Plots überaus zufriedenstellend aufgefangen wird.
Burn, Witch. Burn!, das die Handschrift des etablierten Serienregisseurs Jeremy Podeswa (Homeland, Boardwalk Empire, The Walking Dead) trägt, eröffnet mit einer Rückblende zu Halloween (damals noch: „All Hallow's Eve“) im Jahre 1833. Delphine LaLaurie (durchweg großartig: Kathy Bates) vertreibt mit ihren prätentiösen Spielchen den aktuellen Bewerber um die Hand ihrer Tochter Borquita (Jennifer Lynn Warren). Daraufhin verschwören sich die drei Töchter gegen die eigene Mutter, was diese jedoch überhört und mit einer Verbannung ihrer Nachkommen in die Folterkammer sanktioniert.
180 Jahre später sinnen die Töchter - nun als Zombies von Marie Laveau (Angela Bassett) auf die Jagd nach ihrer Mutter geschickt - auf Rache. Gemeinsam mit anderen Untoten umzingeln sie Miss Robichaux's Hexenakademie und beginnen auf Laveaus Kommando („Begin.“) den Angriff auf LaLaurie und die restlichen Bewohnerinnen. Der unbedarfte Nachbarsjunge Luke (Alexander Dreymon) hält die Zombies für einen makabren Scherz diverser fehlgeleiteter Teenager und stürzt sich furchtlos auf die untote Herde. Die leicht verschossene Nan (Jamie Brewer) stürzt sich todesmutig zwischen ihn und den sicheren Tod, während Delphine ihre ganz eigene Krisenbewältigungsstrategie verfolgt.
This is how it ends. In flames and decay.
Sie erkennt Borquita und appelliert an deren - lang gestorbene - Mutterliebe: „Come back to me child. I would make amends.“ Für einen kurzen Moment scheint die Zombietochter tatsächlich ihre Mutter zu erkennen, dann jedoch widmet sie sich wieder ihren Untotenpflichten. Ein kurioser Schnitt lässt das Schicksal Delphines im Ungewissen und zeigt nun den Kampf der angeschlagenen Queenie (Gabourey Sidibe) gegen Zombie-Borquita. Schnell bemerkt die stämmige Voodookünstlerin, dass ihre dunkle Gabe nur geringfügig weiterhilft. Zur Hilfe eilt Delphine, von der wir nicht wirklich wissen, wie sie dem eisernen Griff ihrer eigenen Tochter entkommen ist. Kurz nach dem endgültigen Mord an Borquita kommen bei ihr Schuldgefühle wegen der eigenen Erziehungsmethoden zurück: „She had a monster for a mother. This last act was the only kindness I ever did for her.“

Eine Monstermutter hat offensichtlich auch Cordelia (Sarah Paulson), die am Ende der letzten Episode von einem unbekannten Kuttenwesen (der Tod höchstpersönlich?) mit Säure übergossen wurde. Delirierend streift Fiona (Jessica Lange) durch die düsteren Gänge des Krankenhauses (Warum flackert das Licht im Krankenhaus?) und ergeht sich in scheinbar wahllosen Aktionen. Sind es etwa die plötzlich aufflackernden mütterlichen Gefühle, die sie dazu treiben, das totgeborene Kind einer Patientin zum Leben zu erwecken? Wir wissen es nicht. Der Streit mit dem herbeigeeilten Ehemann Cordelias, Hank (Josh Hamilton), ist dafür umso nachvollziehbarer. Fiona weiß, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt. Das Publikum weiß es seit letzter Episode auch - da tötete Hank nämlich kaltblütig eine Internetbekanntschaft.
Zurück bei Miss Robichaux's werden wir Zeuge des blutbesudelten Episodenhighlights. Um Nan und Luke vor dem sicheren Tod zu bewahren, schickt sich Zoe (Taissa Farmiga) dazu an, „Leatherface“ aus „The Texas Chain Saw Massacre“ wie einen billigen Abklatsch seiner selbst aussehen zu lassen. Kettensägeschwingend begibt sie sich auf Zombiejagd. Als der Säge der Saft ausgeht, besinnt sie sich plötzlich auf ihre übernatürlichen Fähigkeiten und gebietet dem letzten verbliebenen Untoten mit schwer verständlichen Worten (nach mehrmaligem Anhören ist „Be your nature!“ mein best guess...) Einhalt. Dadurch wird gleichzeitig Marie Laveau aus ihrem weißäugigen Schwebezustand gerissen, was sie zur Annahme verleitet: „They got some real power in that witch house now.“
Ist Zoe also die neue „Supreme“? Oder doch Queenie, wie ihr Fiona zu einem späteren Zeitpunkt - wohl aus niederen Motiven - klarmachen will? Auch Nan wurde für diese Rolle schon ins Spiel gebracht, genau wie die in Spaldings (Denis O'Hare) Puppenkiste vor sich hin rottende Madison (Emma Roberts). Wäre übrigens ein starkes Stück, würden die Autoren Roberts nur noch als unfreiwillige Gespielin Spaldings einsetzen. Dank „FrankenKyle“ wissen wir jedoch längst: Auch abgerissene Gliedmaßen hindern einen Toten keinesfalls an der Rückkehr unter die Lebenden. Fiona kommt die Verwirrung über ihre rechtmäßige Nachfolgerin indes durchaus entgegen.
You will beg, but you won't be pardoned.
Sie nutzt die neuerliche Ankunft des dreiköpfigen Hexenrates nämlich dazu, sich ihrer erbittertsten Widersacherin zu entledigen. In einer eigentlich sehr plumpen Volte verkehrt sie den Prozess gegen sie in einen Prozess gegen Myrtle Snow (Frances Conroy), an dessen Ende wir an meinem zweiten persönlichen Episodenhöhepunkt ankommen. Snow wird vom Rat schuldig befunden, den Säureangriff auf Cordelia ausgeführt zu haben und dass ihre Abneigung gegen Fiona zu einer wahren Obsession wurde. Also wird sie - untermalt mit grandios unpassender Jazzmusik - zum Scheiterhaufen geführt und bei lebendigem Leibe verbrannt.

Dabei wird zu keinem Zeitpunkt deutlich, ob Myrtle nun wirklich schuldig war. Auch ihre Selbstverteidigung gerät sehr unambitioniert. Am Ende scheint sie sich ihrem überraschenden Schicksal zu fügen: „I go proudly to the flame.“ Eigentlich auch egal, denn Misty Day (Lily Rabe) ist kurze Zeit später zur Stelle und haucht der verkohlten Leiche neues Leben ein. Ob Queenies Spruch - „You don't mess with a Supreme“ - wohl auch für wiederauferstandene Hexenleichen gilt?
In Burn, Witch. Burn! bleiben wieder viele Fragen offen. Einige wurden im Text bereits erwähnt, andere wären: Warum läuft manchen Zombies Sand aus den Adern und anderen Blut? Seit wann kann man Zombies mit einem Stich durchs Brustbein töten? Können Zombies nun Werkzeug benutzen? Wollen sie plötzlich nicht auf dem schnellsten Wege zum geliebten „Hiiiiiiiirn“? Und haben sie manchmal Gefühle? Wie eingangs schon erwähnt ist die Beantwortung solcher Fragen für den Spaß an der Serie von wenig Belang. American Horror Story ist mehr noch als zuvor ein spritziges, lautes, obskures Splatterfestival, das unheimlich gute Laune macht - mit klassischem Horror oder Suspense aber nicht mehr viel zu tun hat.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 7. November 2013(American Horror Story 3x05)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 3x05
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