American Horror Story 3x04

Die neue Staffel von American Horror Story macht so richtig Spaß. Sie gönnt ihren Zuschauern kaum eine Atempause, sie überwältigt uns mit visuellem Bombast und beschwört sämtliche Horrorelemente hervor, die in den letzten beiden Staffeln ausgelassen wurden. Das alles ist unheimlich unterhaltsam, weil ausgezeichnet umgesetzter Trash. Gleichzeitig bleibt die Serie jedoch harmlos, echte Bedrückung löst sie kaum je aus. Die Musikvideoästhetik verhindert eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der eigentlichen Thematik.
Who's the baddest witch in town?
Vielleicht hat die Serie niemals den Anspruch gehabt, sich ernsthaft mit ihren eigenen Sujets auseinanderzusetzen. Trotzdem habe ich den Eindruck, als hätten die beiden vergangenen Staffeln mehr in ihre Figuren investiert, als sei versucht worden, dem Zuschauer echte Empathie zu den Charakteren zu entlocken. In Coven wirken sie jedoch wie Protagonisten eines möglichst knalligen, bunten und immerzu lauten Gruselkabinetts. Weil dieser Zirkus jedoch soviel Spaß macht, fällt es leichter, über fehlende Substanz hinwegzusehen.

In der Halloween-Episode Fearful Pranks Ensue bekommt nun unser stummer Haushälter Spalding (Denis O'Hare) seinen großen - oder besser: grausigen - Auftritt. Wir finden heraus, dass sein größtes Hobby darin besteht, in seinem mit Puppen vollgestopften Kämmerchen mit ebenjenen Teeparties zu veranstalten und sich dem Anlass entsprechend zu verkleiden. Nach dem von ihm beobachteten Mord an Madison (Emma Roberts) durch Fiona (Jessica Lange) hebt er seinen Puppenwahn jedoch auf eine neue Eskalationsstufe. Madisons Leiche dient ihm fortan als Gesprächspartnerin - wobei das mit dem Sprechen angesichts seiner fehlenden Zungen schwierig werden dürfte.
Auch die Geschichte von Spaldings Sprachlosigkeit wird in der neuen Episode erhellt. So ist dafür nicht etwa Fiona verantwortlich, wie uns die bisherige Dramaturgie überdeutlich suggerieren wollte. Nein, in einem Akt selbstaufopfernden Märtyrertums schnitt sich Spalding selbst die Zunge heraus, um den Mord der jungen Fiona (Riley Voelkel) an ihrer Supreme-Vorgängerin Anna Leigh Leighton zu vertuschen. Sein einfacher Grund für die Selbstverstümmelung: „I have always loved you.“
Selbst angesichts der deutlichen Neigung der Serie, in ihrer neuen Staffel vorrangig eine visuell beeindruckende Horrorparty abzufeiern, muss eine Frage erlaubt sein: Wieso hat Myrtle Snow (Frances Conroy) Spalding nicht schon vor 40 Jahren dazu gezwungen, den Namen der Mörderin von Leighton aufzuschreiben? Gebracht hätte es freilich nichts, denn dieses Geheimnis wird Spalding in sein mit Puppen ausgestattetes Grab mitnehmen.
Makes you wiser somehow. More thoughtful.
Jedenfalls bekommt es Fiona mit dem Hexenrat zu tun. Dieser besteht aus der bereits erwähnten Myrtle, dem exaltierten Bestsellerautor Quentin (Leslie Jordan) und der zugeknöpften Cecily (Robin Bartlett). Einberufen wurde der Rat nicht etwa von Cordelia (Sarah Paulson), die sich über ihren verschwundenen Teppich wundert, sondern von der misstrauischen Nan (Jamie Brewer), die zwar anhand Madisons fehlender Stimme in ihrem Kopf merkt, dass sie gestorben sein könnte, dies jedoch nicht beweisen kann. Diverse Rückblenden später wissen wir, dass Fiona und Myrtle Erzfeinde sind, Fiona für das Ende des Waffenstillstands zwischen Salem-Hexen und Voodoopriesterinnen aus New Orleans verantwortlich ist und Queenie eine ganz einfache Erklärung für Madisons Verschwinden hat: „Madison Montgomery is a stone cold bitch that loves hard drinking, big dicks and trouble. If she's dead it's probably because she got wasted and offered the grim reaper a handjob or something.“

Sehr witzig das Ganze, weil sehr vulgär. Weniger witzig sind die furchteinflößenden Fähigkeiten von Marie Laveau (Angela Bassett), die im Streitgespräch zwischen Fiona und Cordelia als Mächtigste aller Hexen identifiziert wird. Marie beweist dies eindrucksvoll, als sie zweimal - einmal im Jahre 1961 und einmal in der Gegenwart - die Toten zum Leben erweckt und diese Zombiearmee auf ihre Gegenspieler hetzt. Das Ziel der Gegenwartszombies ist Miss Robichaux's Academy. Dort sollen sie Rache nehmen für den Mord am Minotaurus, den Laveau zuvor losgeschickt hatte, um sich des Schicksals der auferstandenen und mit einem plötzlichen Sinneswandel gesegneten Delphine LaLaurie (Kathy Bates) anzunehmen. Nun müssen diesen Job eben Delphines Zombietöchter erledigen.
Neben diesen zentralen Handlungssträngen erfahren wir Neues über Cordelias Ehemann Hank (Josh Hamilton), der sich anscheinend im Internet auf Opfersuche macht, um sie nach wildem Sex im Hotelzimmer einfach zu erschießen. Dieses neue Rätsel paart sich mit dem Verschwinden von FrankenKyle (Evan Peters), den Zoe (Taissa Farmiga) eigentlich mit einer Portion Rattengift ein zweites Mal von allen irdischen Leiden erlösen wollte und der Frage, welcher als Sensenmann verkleidete Hobbit Cordelia Säure ins Gesicht gespritzt hat. Außerdem scheint der gutherzige Luke (Alexander Dreymon) ein Auge auf Nan geworfen zu haben. Na dann...
Fazit
Die neue Episode von American Horror Story beweist: Die Serie ist grandioser Trash, sehenswerter Horrorpop, ästhetisch hochwertiges Gruselfernsehen. Wobei das Gruselelement dabei wahrlich kleingeschrieben werden sollte, denn echte Beklemmung konnte bei mir bisher keine der ausgestrahlten Episoden der neuen Staffel auslösen.
Aufgefangen wird dies durch eine überzeugende, weil ungewöhnliche Bildsprache, einen treibenden Soundtrack, tolle Kameraeinstellungen, ein herausragendes Ensemble, ausreichend Gore und einen ungenierten Griff zu sämtlichen Elementen des Horrorgenres. American Horror Story ist sehr viel cooler als es furchteinflößend ist.
Für diesen Coolness-Faktor zahlen Autoren und Produzenten jedoch einen Preis. Zugunsten größtmöglichen Spektakels opfern sie dramaturgische Stringenz, Kohärenz und damit letztlich auch erzählerische Substanz. Weil die knalligen Elemente momentan noch soviel Spaß machen, fällt dies nicht weiter ins Gewicht. Trotzdem bleibe ich skeptisch, ob eine gesamte Staffel davon getragen werden kann.
Wahrlich erstaunlich ist die schauspielerische Brillanz, die die Serie in ihrer neuen Ausgabe vereint. Angesichts der Schwergewichte Bates, Lange und Bassett hatte ich ganz vergessen, dass Frances Conroy genauso zu den wiederkehrenden Hauptdarstellern gehört. Die Feindschaft ihres Charakters mit Fiona Goode bringt eine weitere spannende Konfliktebene in die Serie. American Horror Story bleibt schön, bunt und laut. Jetzt muss es nur noch mitreißend werden.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 31. Oktober 2013(American Horror Story 3x04)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 3x04
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