American Horror Story 3x03

American Horror Story 3x03

Die neue Episode von American Horror Story macht unmissverständlich klar, wodurch die dritte Staffel ihre größten Horrormomente generieren will. So ersetzen tiefdunkle psychologische Traumata, allen voran die Mutterkomplexe diverser Charaktere, klassische Schockelemente.

Angela Bassett brilliert als Hexenmeisterin Marie Laveau in „American Horror Story: Coven“. / (c) FX
Angela Bassett brilliert als Hexenmeisterin Marie Laveau in „American Horror Story: Coven“. / (c) FX

Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht.“ Einer der berühmtesten ersten Sätze der Literaturgeschichte stammt vom französischen Existentialisten Albert Camus. In seinem Roman „Der Fremde“ verarbeitete Camus das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter. Die gigantischen Mutterkomplexe einiger Hauptfiguren dienen auch als erzählerische Rahmenhandlung für die neue Episode von American Horror Story. Schon in der zweiten Staffel nahm diese Thematik besonders viel Raum ein, Serienschöpfer Ryan Murphy scheint dafür eine besondere Vorliebe zu hegen.

Bury her deep

Die Episode wurde von James Wong geschrieben, der auch schon für die berüchtigte und bis zum heutigen Tage wohl umstrittenste Akte-X-Episode, Home, verantwortlich zeichnete. Seine Handschrift ist deutlich zu erkennen, an mehreren Stellen geht die Episode hart an die Grenze des psychologisch Erträglichen. Die dritte Staffel von American Horror Story gibt hier eindeutig ihre dramaturgische Ausrichtung zu erkennen. Die Serie wird immer mehr zu einem Psychothriller, klassische Horrorelemente rücken in den Hintergrund. Wie schon zuvor bietet The Replacements wenige Schockmomente, kaum Gore und Suspense. Persönlich habe ich mir noch kein abschließendes Urteil darüber gebildet, einige Spannungsmomente mehr würden der Serie jedoch nicht schaden.

Future %26bdquo;Miss Supreme%26ldquo;: Madison Montgomery (Emma Roberts) zwängt sich bereitwillig in jedes noch so enge Kleid. © FX
Future %26bdquo;Miss Supreme%26ldquo;: Madison Montgomery (Emma Roberts) zwängt sich bereitwillig in jedes noch so enge Kleid. © FX

Zu Beginn sehen wir Fiona Goode (Jessica Lange), wie sie eine weitere schlaflose Nacht mit Pillen und Alkohol zu ertränken sucht. Sie erinnert sich an den Moment in ihrer Jugend, an dem sie selbst zur supreme, zur mächtigsten Hexe auf Erden, wurde. Im Jahre 1971 schlitzte sie ihrer Mentorin und supreme-Vorgängerin Anna Leigh Leighton (Christine Ebersole) kurzerhand die Kehle auf, um noch schneller auf den Hexenthron steigen zu können. Die hatte der forschen Aufsteigerin zuvor gedroht: „I will make it my mission to ensure that you will never take the throne.

Heute befindet sich Fiona in der gleichen Situation wie damals ihre Mentorin. Von ihrem Schönheitschirurgen erhält sie die Nachricht, dass bei ihr kein chirurgischer Eingriff möglich sei, sie habe Krebs. Gleichzeitig erkennt sie in Madison Montgomery (Emma Roberts) ihre Nachfolgerin und Schwester im Geiste. Sie geriert sich als deren Mentorin und will ihr sämtliche Fähigkeiten näherbringen, über die eine supreme verfügen sollte. Nebenbei darf Madison einen Schwank aus ihrer verdorbenen Jugend erzählen: „The last time I saw her she snorted half my coke and then let the cops bust me for it.“ Gemeint ist ihre Mutter. Daraufhin lädt Fiona ihren Protegé auf eine feuchtfröhliche Ausgehnacht ein, mit abschließender Offenbarungsrunde. Für Madison endet das tödlich, Fiona ist darüber wenig unglücklich: „This coven doesn't need a new supreme. It needs a new rug.

Zoe Benson (Taissa Farmiga) befindet sich unterdessen auf ihrer ganz eigenen Rehabilitierungsmission. Sie verarbeitet ihre Schuldgefühle wegen des Mordes am mittlerweile wieder auferstandenen „FrankenKyle“ (Evan Peters), indem sie dessen Mutter Alicia (Mare Winningham) einen Besuch abstattet, sie damit vom Selbstmord abhält und ihr neuen Lebensmut einflößt. Hätte sie vorher gewusst, welch gigantisches Monster Alicia ist, sie hätte Kyle wohl nicht wie einen Zombie an deren Türschwelle abgeliefert. Zumal sie sich dadurch den Ärger des weltweit größten Stevie-Nicks-Fans, Misty Day (Lily Rabe), erspart hätte.

I'm here now

Als Kyle jedenfalls von der überwältigten Mutter in sein altes Zuhause aufgenommen wird, bekommt der Zuschauer seine spätere Beklemmung in ganz kleinen Dosen verabreicht. Erstmals werden wir stutzig, als Mama Alicia Kyle beim Duschen überrascht. Später legt sie sich zu ihm ins Bett. Und was als einfacher Kuss zwischen Mutter und Sohn beginnt, endet in einer verstörenden Szene, die früheren Inzest und Vergewaltigung nicht nur andeutet, sondern förmlich herausschreit: „Nobody knows how to please you, baby.“ So viel fehlgeleitete Mutterliebe erträgt selbst „FrankenKyle“ nicht und so erschlägt er seine Mutter kurzerhand mit einem seiner früheren Pokale. Gibt es eigentlich irgendeine Figur in dieser neuen Staffel, die keine durchweg schreckliche Mutter hatte?

Past %26bdquo;Miss Supreme%26ldquo;: Doch auch ihre Garderobe bewahrt sie nicht vor dem Zorn einer Sterbenden. © FX
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Sarah Paulson kann indes von diversen Mutterkomplexen mehrere Lieder singen. Ihr Charakter aus der zweiten Staffel, Lana Winters, musste schon die Leiden des Mamakindchens Oliver Thredson (Zachary Quinto) ertragen. Nun ist sie mit einer Mutter namens Fiona auch nicht besser dran. Trotzdem wünscht sich Cordelia Foxx nichts lieber, als endlich selbst Kinder bekommen zu können. Nach der Diagnose ihres Hausarztes, wonach dies ein Ding der Unmöglichkeit sei, wendet sie sich in letzter Verzweiflung an Marie Laveau (der Höhepunkt dieser Episode: Angela Bassett). Die empfängt Cordelia auf ihrem Cajun-Thron und gibt ihr einen Einblick in den Ablauf des von ihr praktizierten Fruchtbarkeitsrituals. Mit Hinweis auf ihren „Krieg“ mit Fiona schmettert sie jedoch jegliches Bitten und Betteln Cordelias ab: „Fiona messed with the wrong witch and she knows it. And now you know it.

Die letzte Mutter mit denkwürdigem Auftritt ist die neue Nachbarin von Miss Robicheaux's. Die strenggläubige Joan Ramsey (Patti LuPone) zieht mit ihrem Sohn Luke (Alexander Dreymon) im Nachbarhaus ein. Nach einem Besuch von superslut Madison und Gedankenleserin Nan (Jamie Brewer) sieht sie sich sogleich dazu gezwungen, Fiona wegen des Verhaltens ihrer Schützlinge zu konfrontieren. Die interessiert sich natürlich nicht die Bohne für deren christliche Doppelmoral und lässt Joan gnadenlos abblitzen. Madison ist da viel interessanter, denn: „I conjured the devil.

Kein Teufel, aber dafür ein leibhaftiger Minotaurus erscheint unterdessen dem rollenvertauschten Herrin-Sklavin-Gespann Queenie (Gabourey Sidibe) und Delphine LaLaurie (Kathy Bates). Queenie erkennt in der Kreatur sogleich einen Leidensgenossen und setzt ihre ganz eigene Problembehandlung ein: „We both deserve love like everybody else.“ Sie beginnt, sich selbst zu befriedigen - in der Hoffnung, durch ihre Voodookräfte auch dem Stierkopf großes Vergnügen zu bereiten. Der Plan geht nicht wirklich auf, der Stiermensch scheint sie entführen zu wollen.

Fazit

American Horror Story geht mit seiner neuen Episode an die Grenze des Erträglichen. Die Szenen mit Kyle und seiner Mutter, Queenie und dem Minotaurus oder Cordelias Fruchtbarkeitsritual schreien förmlich danach, zartbesaitete Zuschauer abzuschrecken. Umso mehr Respekt verdienen Serienschöpfer Murphy und Drehbuchautor Wong dafür, sie gnadenlos in The Replacements untergebracht zu haben.

Unterstützt wird die schockierende Dramaturgie wieder einmal von einer grandiosen Bildsprache und einem mitreißenden Soundtrack. Die Szenen, in der die Kamera mal keinen 45-Grad-Winkel (oder gar 90-Grad-Winkel) einnimmt, lassen sich an einer Hand abzählen. Dies gibt dem Zuschauer ein ständiges Gefühl der Unischerheit, des Missbehagens, obwohl er sich eigentlich angesichts ausbleibender Schockmomente zurücklehnen könnte.

Aber darin besteht eben die Kunst von American Horror Story in seinen bisher nur drei neuen Episoden. Die Schockeffekte sind nie billig, nie einfach. Der Schock schleicht sich ganz langsam an und setzt sich in den Gedanken der Zuschauer fest. Wo er denn auch so schnell nicht wieder weggeht.

Deshalb muss dem Drehbuch ein gesondertes Lob ausgesprochen werden. Autor Wong versteht es nicht nur brillant, diese beklemmenden Momente zu schreiben, er findet daneben auch noch genug Zeit, für comic relief zu sorgen, siehe Delphine LaLaurie und Obama in der „Magic Box“. Außerdem legt er Jessica Lange so viele punchlines in den Mund, dass ich kaum mit dem Katalogisieren hinterherkomme. „I've lived a disreputable life, but I've lived it in style. That's the way I'm going out.“ Ende der Diskussion.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 24. Oktober 2013
Episode
Staffel 3, Episode 3
(American Horror Story 3x03)
Deutscher Titel der Episode
Die Nachfolgerin
Titel der Episode im Original
The Replacements
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 23. Oktober 2013 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 4. Dezember 2013
Autor
James Wong
Regisseur
Alfonso Gomez-Rejon

Schauspieler in der Episode American Horror Story 3x03

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