American Horror Story 3x02

American Horror Story 3x02

Nach dem grandiosen Auftakt fällt es American Horror Story schwer, die Geschichte auf ähnlich hohem Niveau weiterzuerzählen. Vor allem die Szenen mit Taissa Farmiga bewegen sich doch sehr nahe am Trashabgrund.

Ein Pakt mit dem Teufel? Ehepaar Foxx nach dem Geschlechtsakt. / (c) FX
Ein Pakt mit dem Teufel? Ehepaar Foxx nach dem Geschlechtsakt. / (c) FX

She is like a cat in the dark / And then she is the darkness.“ Gleich der erste Song, den Stevie Nicks als Sängerin in die bereits bestehende Erfolgsband Fleetwood Mac einbrachte, schaffte es in die Ruhmeshallen der Musikgeschichte. Für Misty Day (Lily Rabe), die Hexe mit der Kraft zur Wiederbelebung, ist Stevie jedoch noch viel mehr. Sie sei die „White Witch“, „the only witch before you I've ever known.“ An dieser Stelle gelingt der neuen Episode von American Horror Story besonders gut, was die Serie bisher schon immer ausgezeichnet hatte. Die Verquickung von düsterer Optik mit brachial-fröhlichem Sound ist mittlerweile zum Markenzeichen von „AHS“ geworden.

Stevie Nicks is my hero

Dies ist nicht die einzige Szene, in der die Dienste der begnadeten Songwriterin Nicks in Anspruch genommen werden. Auch zu Beginn sorgt sie für die - eigentlich antiklimatische - musikalische Untermalung. Zu den Klängen von „Edge of Seventeen“ erfahren wir, dass Misty Day jegliche Lebewesen wieder ins Leben zurückholen kann - und seien dies Alligatoren. Die beiden fiesen Alligatorenjäger werden also zu Gejagten, nachdem Misty ihnen ihre eigene moralische Verrohung vorgehalten hat: „This is wrong. All wrong. Murder. Rot.“ Das Zusammentreffen von Misty Day und Zoe Benson (Taissa Farmiga) vereint fortan das stärkste Stilmittel der Serie mit der größten Gefahr, der sich das Format durch seine „Popkulturalisierung“ aussetzt.

Von der Teufelsnonne zum Hexenpunk: Lily Rabe als Misty Day in %26bdquo;American Horror Story%26ldquo;. © FX
Von der Teufelsnonne zum Hexenpunk: Lily Rabe als Misty Day in %26bdquo;American Horror Story%26ldquo;. © FX

Gemeint ist das drohende Abrutschen in allzu trashige Erzählkonstruktionen. Zuvor hatten Zoe und ihre immerzu auf Ärger versessene „Klassenkameradin“ Madison (Emma Roberts) erfolgreich versucht, den in der letzten Episode getöteten Kyle (Evan Peters) ins Leben zurückzuholen. Doch es reicht ihnen nicht, nur seine Einzelteile wieder zusammenzuflicken, nein, sie gerieren sich sogleich als Dr. Frankenstein und bauen sich einen neuen, besseren Kyle. Der will jedoch noch nicht so recht funktionieren und deshalb nimmt sich die Reinkarnationsexpertin Misty des Falles an. Immerhin wusste Kyle, dass er auf den plötzlich auftauchenden Wachmann der Leichenhalle einzudreschen hatte. Auch die gebührende Zuneigung zu seiner „Schöpferin“ lässt Monster-Kyle nicht vermissen - genau wie eine bisher nicht weiter erläuterte Furcht vor Misty Day.

Das muntere popkulturelle Zitieren funktioniert in Boy Parts also nur teilweise. Während im erwähnten Handlungsstrang die Referenzen eindeutig sind, kann über einen Zusammenhang zwischen Fiona Goodes (Jessica Lange) furchteinflößenden Fähigkeiten und den berühmten „Jedi Mindtricks“ aus „Star Wars“ bislang nur spekuliert werden. Jedenfalls setzt sie diese eindrucksvoll und gleich an mehreren Stellen ein. Zum einen missbraucht sie ihre dunkle Gabe, um die beiden Mordermittler des NOPD davon zu überzeugen, dass sie in Zoe und Madison die falschen Verdächtigen vor sich sitzen haben. Dann schickt sie ihre beiden jungen Eleven in den Nachhilfeunterricht. Zum anderen nutzt sie ihre Begabung als Feuerteufel, um gegenüber der unsterblichen Marie Laveau (Angela Bassett) eine beeindruckende Machtdemonstration zu vollführen.

Fiona sucht weiterhin nach dem Elixier für ewiges Leben und scheint mit dem Auffinden Laveaus diesem Ziel einen großen Schritt nähergekommen zu sein. Den entscheidenden Hinweis hatte ihr die ebenfalls unsterbliche Delphine LaLaurie (Kathy Bates) gegeben, die in der Auftaktepisode von Fiona aus ihrem hölzernen Grab befreit wurde. Eine Logikfrage sollte an dieser Stelle auch bei einer Serie wie American Horror Story gestattet sein: Wieso ist das Holz von LaLauries Sarg in den 180 Jahren, die sie unter der Erde verbracht hat, nicht verrottet?

I loved my girls my own way. Even the ugly one.

Doch wollen wir uns nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten, sondern zum wahren Kern der Serie vorstoßen. Hier befinden sich nämlich nicht nur Hexen im Kampf mit ihren irdischen Häschern, sondern auch in einem existentialistischen Krieg gegeneinander. Auffallend eindeutig wird die Grenze dabei entlang der Hautfarben gezogen, die Narben der dunklen Ära der Sklaverei sind noch lange nicht verheilt - und werden dies wohl niemals sein. Laveau genügt es jedenfalls nicht, LaLaurie vor 180 Jahren ihrer gesamten Familie beraubt und mit dem Fluch der Unsterblichkeit belegt zu haben. Jetzt, da LaLaurie aus ihrem Grab befreit wurde, greift sie auf die Dienste des Minotaurus zurück - jenes Sklaven, den LaLaurie vor knapp zweihundert Jahren in ihrem Gruselkabinett mit einem Stierkopf versehen hatte.

Just another day in %26bdquo;N%26#039;awlins%26ldquo;? Delphine LaLaurie (Kathy Bates) und Fiona Goode (Jessica Lange) beim Flanieren. © FX
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Dieser Erzählbogen ist dabei nicht der einzige, der durch Rückblenden weiter illuminiert wird. Auch die Vorgeschichte der schwer adipösen Queenie (Gabourey Sidibe) bekommt weitere Ausformulierung. Sie ist in Miss Robichaux's Academy aufgenommen worden, weil sie ihre Voodookräfte als Managerin eines Fastfoodrestaurants einmal zu oft missbrauchte, um sich einen missliebigen Kunden vom Leib zu halten. Auch ihre Herkunft wird mittels popkultureller Referenzen ausgeleuchtet: „I grew up on white girl shit like Charmed and Sabrina, the teenage cracker. I didn't even know there were black witches.

Schließlich werden wir Zeuge eines unheimlichen Sexrituals, das der Leiterin der Hexenakademie, Cordelia Foxx (Sarah Paulson) endlich zur so sehnlich erhofften Schwangerschaft verhelfen soll. Bislang hatte sich Fionas Tochter standhaft geweigert, ihre dunkle Magie für die Zeugung neuen Lebens einzusetzen. Auf Drängen ihres Ehemannes Hank lässt sie sich jedoch zu einer Anrufung der sinistren Fruchtbarkeitsgeister überreden. Er dürfte anschließend den leidenschaftlichsten und intensivsten Sex seines Lebens erfahren, inklusive brennender Kreise, schlüpfender Schlangen und einem treibenden Dubstepsoundtrack.

Fazit

Neben den mehrmaligen Stevie-Nicks-Rezitationen zeigt auch die Szene zwischen Cordelia Foxx und ihrem Ehemann sehr anschaulich, was American Horror Story so einzigartig macht: die Verschmelzung von düsteren Legenden, Fantasy, Gore und Popkultur. Persönlich könnte ich nicht glücklicher darüber sein, dass die dritte Staffel bisher über einen solch mitreißenden, weil poppigen Soundtrack verfügt.

Gleichzeitig zeigt Boy Parts jedoch auch, wie schmal der Grat ist, auf dem die Autoren der Serie wandeln. Die Szenen mit dem wiederbelebten Kyle stürzen beinahe ins Primitiv-Trashige ab, geschmackvoll inszenierter Horror geht heute anders als bei „Dr. Frankenstein“ im Jahre 1931. Bestes Beispiel: die erste Episode der neuen Staffel.

An der technischen Umsetzung gibt es hingegen nichts auszusetzen. Die Kamera ist wie schon in der Auftaktepisode kaum zu bändigen, sie bleibt oft ganz nah an den Protagonisten und erzeugt so für kurze Momente die sogenannte „Fischaugen-Optik“, ohne das entsprechende Objektiv dafür einzusetzen. Der Soundtrack wurde schon zur Genüge erwähnt, er könnte für kommende Horrorproduktionen stilbildend sein.

Genau wie ihr Charakter Fiona Goode überstrahlt Schauspielerin Lange das übrige Ensemble, sogar Kathy Bates wirkt neben ihr blass. In Angela Bassett hat sie jedoch eine würdige Gegenspielerin gefunden. Ihr Austausch im Friseursalon von Marie Laveau ist von mitreißender Intensität. Aufgelockert wird die teilweise düstere, teilweise schaurige Episode durch allerlei Humor und Klamauk. Queenies „teenage-cracker“-Kommentar wurde bereits erwähnt, auch Zoes „Did we just marry the devil? Because I don't know if I'm down with that.“ sorgte bei mir für mehr als nur ein Schmunzeln. Übrigens genau wie Madisons Reaktion auf den scheinbar gescheiterten Wiederbelebungsversuch: „Well, that was a bust.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 17. Oktober 2013
Episode
Staffel 3, Episode 2
(American Horror Story 3x02)
Deutscher Titel der Episode
Der perfekte Freund
Titel der Episode im Original
Boy Parts
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 16. Oktober 2013 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 27. November 2013
Autor
Tim Minear
Regisseur
Michael Rymer

Schauspieler in der Episode American Horror Story 3x02

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