American Horror Story 3x01

Die Castingmeldungen des Sommers hatten es schon erahnen lassen: Für die neue Staffel der Horror-Anthologie American Horror Story haben sich Serienschöpfer Ryan Murphy und seine kreativen Mitstreiter etwas Besonderes vorgenommen. Die Serie sollte schnittiger werden, irgendwie poppiger, mitreißender. Für die Auftaktepisode der dritten Staffel kann nun konstatiert werden: Mission accomplished!
We rot. We die.
„American Horror Story: Coven“ kombiniert eine Coming-of-Age-Geschichte mit dem Übernatürlichen, vermischt Folklore mit Pop, Legenden mit der Gegenwart. Daraus entsteht ein wahrlich wilder Ritt durch verschiedene Epochen, inklusive Horror, Terror, Blut, Magie und einer ordentlichen Portion Girl Power. Die Serie greift auf, was - grob geschätzt - in der letzten Dekade zu einer Art Leitbild der Frauendarstellung geworden ist. Starke Mädchen, starke Frauen nehmen sich, was sie wollen. Sie gehen offensiv mit ihrer Sexualität um, sie sind selbstbewusst, selbstsicher, auch und gerade wegen ihrer dunklen Vorgeschichten.

Untermalt wird dieser krude Mix durch die gelungene technische Umsetzung. Die Kamera ist kaum zu bändigen, fängt Handlung und Protagonisten in den unmöglichsten Winkeln ein und treibt diese unaufhaltsam vor sich her. Hinzu kommt die stimmige Musikauswahl, die manchmal treibend, manchmal bedrückend, dann aber wieder heiter und frohlockend von vergangenen oder zukünftigen Ereignissen kündet. Weiterhin liefern vor allem die jungen Darstellerinnen, allen voran Emma Roberts und Taissa Farmiga, vollen Körpereinsatz. Ihre Figuren strapazieren die eigenen Grenzen, entdecken ihre Fähigkeiten, schleudern und werden geschleudert, leben und lassen leben, leiden und verbreiten Leiden.
Ryan Murphy versteht es, historische Hexengeschichten als Hintergrund der Handlung zu etablieren, ohne diese dröge erscheinen zu lassen. Teilweise glaubt man, sich in einem Videoclip zum Song einer aufstrebenden Gothic-Rockband zu befinden. Wenngleich ich persönlich diese Videoclip-Ästhetik bei anderen Formaten als zu einfach empfinden würde, so geht dieses Konzept hier voll auf. Die vor Kraft und Lebenswillen strotzenden jungen Frauen brauchen einen optischen Widerhall, ihre Energie muss filmisch rasant umgesetzt werden. All das gelingt in Bitchcraft.
Die Geschichte beginnt mit einem Blick zurück ins New Orleans des frühen 19. Jahrhunderts. Dort veranstaltet Madame Delphine LaLaurie (großartig monströs: Kathy Bates) eine Party, um ihre jüngste Tochter endlich mit einem adretten Junggesellen zu verkuppeln. Die widerborstige Letztgeborene lässt sich von ihrer Mutter jedoch nichts vorschreiben und setzt alles daran, sie möglichst effektvoll vor den Kopf zu stoßen. Also drängt sie sich einem schwarzen Haussklaven auf, wohl wissend, was diese Liaison für den jungen Mann bedeuten kann. Natürlich werden die beiden erwischt und LaLaurie arbeitet ihre Wut nicht an ihrer Tochter, sondern an ihrem Untertan ab.
So apparently, I'm a witch
Er bekommt am eigenen Leib vorgeführt, welch kranke Gedanken das Gehirn der Madame bevölkern. Im Keller ihrer Villa beherbergt sie eine unvorstellbar grausame Folterstätte, wo ausschließlich schwarze Männer - fürchterlich entstellt - gefangengehalten werden. LaLaurie ist dem Jugendwahn verfallen. Sie glaubt, durch das Auftragen von menschlichem Blut ewigstraffe Haut bekommen zu können. Später wird sie Besuch von der aus der Sklavenhaft entkommenen Marie Laveau (Angela Bassett) bekommen, die ihr ein Hausmittelchen als Quell ewiger Jugend aufschwatzt. LaLaurie schlingt dieses gierig herunter und stirbt daran - vermeintlich. Denn knappe 200 Jahre später wird sie von Fiona Goode (Jessica Lange) aus ihrem hölzernen Gefängnis befreit.

Die Handlung hat mittlerweile einen Sprung in die Gegenwart gemacht. Dort treffen altbekannte „AHS“-Gesichter mit neuen Namen aufeinander. Zoe Benson (Taissa Farmiga) entdeckt ihre übernatürlichen Fähigkeiten, als sie zum ersten Mal mit einem Jungen schlafen will. Als der stirbt - offiziell an einem Hirnschlag - eröffnet ihre Mutter das dunkle Familiengeheimnis. Ohne genetische Regelmäßigkeit seien bestimmte Frauen der Familie mit einer besonderen Gabe gesegnet, kurzum: Sie sind Hexen. Wunderbar, wie beiläufig und gelangweilt Zoe diese Erkenntnis dem Zuschauer per Voice-Over mitteilt.
Von ihrer Mutter wird Zoe also in ein Mädchenheim nach New Orleans verfrachtet, wo sich jungen Hexen angenommen wird. In Miss Robichaux's Academy trifft sie auf ihre Leidensgenossinnen Madison Montgomery (Emma Roberts), Nan (Jamie Brewer) und Queenie (Gabourey Sidibe), jede mit ihren eigenen speziellen Fähigkeiten ausgestattet. Wie die Hausherrin Cordelia Foxx (Sarah Paulson) zu berichten weiß, gehören Hexen zu einer aussterbenden Sorte: „We are under siege, ladies.“ Und, mit noch mehr Gravitas: „Know this, or face extinction.“
Trotz dieser Erkenntnis verfolgt Foxx einen gewaltfreien Ansatz zum Schutz der jungen Hexen. Sie will ihren Schülerinnen einen verantwortungsvollen Umgang mit ihren besonderen Fähigkeiten und übernatürlichen Kräften beibringen. Fiona Goode steht dieser Philosophie fundamental entgegen. Sie ist eine Supreme, die mächtigste Hexe ihrer Generation, und will die jungen Hexen auf eine Schlacht gegen die übrige Menschheit vorbereiten, ein neues „Salem“ (dort fanden Hexenverbrennungen statt) stehe unmittelbar bevor. Sie weiß: „When witches don't fight, we burn.“
Fazit
Herrlich! So muss Fantasy-TV aussehen. Kantig, eckig, dreckig, versaut, ohne Punkt, ohne Komma. Ryan Murphy brennt in der Auftaktepisode zur dritten Staffel von American Horror Story ein wahres Feuerwerk an Mystery-Grusel-Horrorelementen ab.
Die Schnitte schnell, die Musik treibend, die Bilder delirierend. Aus technischer Perspektive gibt es wahrlich nichts zu meckern. Auch die neuen Darstellerinnen fügen sich nahezu perfekt ins bestehende Ensemble ein. Hellauf begeistert bin ich von der Tatsache, dass hier offensichtlich eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt werden soll, meinem liebsten aller Genres.
Lobend muss weiterhin der Vorspann hervorgehoben werden. Aus den ersten beiden Staffeln von American Horror Story wissen wir ja schon, wie beklemmend ein Vorspann sein, wie perfekt er auf das zu Kommende einstimmen kann. Der neue ist zwar weniger angsteinflößend - so wie die Episode an sich auch keine wirklichen Schocker enthielt-, erfüllt aber den angestrebten Zweck. Er greift vor, was uns in der neuen Staffel erwartet: Viel Pop, viel Gore, viel Dunkelheit. Die TV-Season 2013/2014 hat ihren ersten Hit.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 10. Oktober 2013American Horror Story 3x01 Trailer
(American Horror Story 3x01)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 3x01
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