Your Friends and Neighbors ist smart erzählte Dramedy mit Pfiff

© Apple TV+
Das passiert in der Serie „Your Friends and Neighbors“
Der erfolgreiche Hedgefonds-Manager Andrew Cooper wurde in der Dramaserie Your Friends and Neighbors vom Streamingdienst Apple TV+ soeben von seinem Boss kalt abserviert. Zu allem Überfluss hat er noch dafür gesorgt, dass andere Unternehmen ihn nun meiden wie die Pest, womit Andrew in finanzielle Schieflage gerät. Denn er ist frisch geschieden und muss das kostspielige Leben seiner Exfrau und der Kinder finanzieren. Als die Lage immer verzweifelter wird, entschließt er sich, eine neue Karriere zu starten: als Einbrecher, der in die Häuser seiner reichen Nachbarn einsteigt und die wertvollen Dinge mitgehen lässt, die dort in Schubladen vergessen auf einen neuen Besitzer warten...
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Mal etwas anderes
Wie viele andere Serien auch spielt „Your Friends and Neighbors“ in der gehobenen Gesellschaft der Reichen und Schönen, konzentriert sich aber nicht auf das schöne Leben der Erfolgreichen, sondern stellt die Kälte und Abgebrühtheit des Systems geschickt infrage.
Um das auf möglichst unterhaltsame, aber durchaus kritische Weise zu tun, konzentriert sich Serienerfinder Jonathan Tropper (See) auf den einst erfolgreichen Hedgefonds-Manager Andrew Cooper, dessen Leben innerhalb kürzester Zeit zusammenbricht und der deshalb zum Einbrecher wird.
Gerade die Idee, Andrew in für ihn unvorstellbare Situationen zu bringen, obwohl er eigentlich ein sympathischer Kerl ist, sorgt dabei für eine gewisse Spritzigkeit, die dem Format sehr gut zu Gesicht steht.
Der Beginn
Die Geschichte beginnt mit einem kurzen Blick in die Jetztzeit der Serie. Andrew erwacht auf dem Boden liegend in einem Haus. Direkt neben ihm findet er eine Leiche und eine riesige Blutlache breitet sich auf dem Parkett des Nobelanwesens aus. Verzweifelt versucht er, die Spuren zu beseitigen, rutscht aber im Garten aus und fällt in den Swimmingpool.
Während Andrew unter Wasser treibt, zieht sein Leben vor seinem geistigen Auge dahin. Der folgende Schnitt führt uns einige Zeit zurück. Der reiche Businessman ist frisch geschieden, weil ihn seine Frau Mel mit seinem besten Freund Nick betrogen hat. In einer kurzen, knackigen und bissigen Rückblende erfahren wir, wie der Finanzier als kleiner Angestellter anfing, sich nach oben arbeitete, seine Frau kennenlernte und eine Familie gründete. Über die Jahre wurde der Erfolg wichtiger als die Menschen um ihn herum und so kam es, wie es kommen musste. Das Resultat: Andrew muss für Frau und Kinder blechen, während Nick nun in seinem Haus lebt, mit seiner Frau schläft und seinen Grill anwirft, um sündhaft teure Steaks zu garen.
Das Interessante ist, dass sich das Mitleid mit der Hauptfigur in Grenzen hält, indes spüren wir aber, dass er kein schlechter Kerl zu sein scheint. Dass wir Andrew mögen, liegt vor allem an dem ebenso eindrücklichen Spiel von Jon Hamm, der seiner Hauptfigur einerseits die Ignoranz eines Erfolgsmenschen verleiht, ihr andererseits aber genug Sympathie verleiht, um sie zu mögen.
Klar, im Grunde genommen ist das Leben dieses Mannes auf Sand gebaut. Er fühlt sich im Haifischbecken der Finanzwelt zu sicher, gibt zu viel Geld aus, vernachlässigt seine Frau bis sie sich in die Arme eines anderen flüchtet und hat Kinder, die sich kaum für ihn interessieren.
Mit anderen Worten verweigert sich Andrew strickt der Realität, bis es zu spät ist. Eines Abends sitzt er in einer Bar und betrinkt sich aus Einsamkeit. Da lernt eine wesentlich jüngere Angestellte seiner Firma kennen und landet mit ihr im Bett. Pech nur, dass sein Boss Jack (Corbin Bernsen) die Situation nutzt, um ihm seine Kunden wegzuschnappen und ihn kaltzustellen.
Wäre Andrew achtsamer durchs Leben gegangen, hätte er diesen fiesen Schachzug vielleicht kommen sehen, doch da er zu sehr von sich überzeugt ist, entgeht es ihm genauso wie alle anderen wirklichen wichtigen Dinge des Lebens...
Charakterbilder

Das ist eine durchaus nachdenkenswerte Charakterzeichnung, die auf die Oberflächlichkeit verweist, die wir in der sogenannten besseren Gesellschaft immer wieder zu sehen bekommen. Charakterlosigkeit, Geld- und Machtgier regieren in Andrews Umfeld; er fühlt sich darin wohl, bis ihn seine Fehler nach und nach einholen.
Dazu passt auch recht gut, dass seine Frau Mel (toll: Amanda Peet) ihn keineswegs hasst. Im Gegenteil: Sie sorgt sich um ihn und man wird das Gefühl nicht los, dass er seine Ehe durchaus hätte retten können, wenn er nur um sie gekämpft hätte. Andererseits ist da sein ehemals bester Kumpel Nick (Mark Tallman), der meint, alles im Leben weglächeln zu können und der eigentlich gar nicht zu Mel passt.
Doch dieser Kontrast verdeutlicht nur, wie wenig Andrew ihr zu geben hatte. Das ist einerseits dramatisch, sorgt aber im Zusammenspiel für einige witzige, im Stil einer Soap Opera gefilmte Szenen.
Als weitere wichtige Nebenfiguren gibt es noch Andrews Finanzberater Barney (Hoon Lee), der es im Gegensatz zu vielen anderen gut mit ihm meint sowie seine Schwester Allison (Lena Hall), die emotionale Probleme hat, aber immer auf Andrew zählen kann.
Alle anderen Personen dienen dazu, das oben erwähnte oberflächliche Beziehungsgeflecht der Nachbarschaft, die der gescheiterte Manager bald ausraubt, vorzustellen. Man trifft sich zu Partys, fragt nach dem Befinden, ohne wirklich wissen zu wollen, wie es dem Gegenüber geht und so weiter. Wer solche Freunde hat, braucht auf den Kern heruntergebrochen keine Feinde, weshalb man Andrew auch nicht böse ist, dass er sie ausnimmt.
Zwischen Drama und Humor
Wie andere Formate ähnlicher Couleur bemühen sich das Autoren-Team und Regisseur Craig Gillespie um eine ausgewogene Mischung aus Drama und Humor. So viel in Andrews Leben auch schiefgeht, viele Szenen ringen uns dennoch ein Schmunzeln ab. Egal, ob Andrew seinen Nachbarn nach einer verpatzten Party aus Rache heimlich an die Hausbar pinkelt, er dem Freund seiner Tochter eins in die Weichteile verpasst oder sein Boss ihn während eines Wellnessaufenthalts im Bad rausschmeißt. Die kleinen, feinen Gags zünden und tun manchmal sogar richtig weh. Genau das sollen sie auch, um den Kontrast zwischen Andrews gewünschten und realen Leben aufs Korn zu nehmen und zu „dokumentieren“, wie er schließlich zum Einbrecher wird.
Auch hier geht es nämlich wieder darum, den Schein aufrechtzuerhalten. Mel merkt sehr wohl, dass etwas nicht in Ordnung ist und bittet ihn sogar, mit ihr zu reden. Wir dürfen davon ausgehen, dass sie Verständnis für seine Situation zeigen würde, wenn er nur bereit wäre, ihr zu vertrauen. Stattdessen belügt er sie und möchte ihr luxuriöses Leben auf jeden Fall weiterfinanzieren. Nicht, weil er so zufrieden damit wäre, sondern weil er nicht als Verlierer dastehen möchte.
Auf den Punkt unterlegen die Serienmacher jede humorvolle Szene mit einer dramatischen Komponente und umkehrt. Nichts geschieht einfach nur um des Effekts willen, alles, was wir in der Pilotfolge sehen, ergibt auf narrativer Ebene Sinn. Dafür gebührt diesem wohl gelungenen Seriendebüt ein hohes Lob.
Fazit
Die Startepisode der Serie „Your Friends and Neighbors“ ist unterhaltsam, sinnig, stark inszeniert und noch besser gespielt. Es macht großen Spaß, Andrew dabei zu beobachten, wie er von einer absehbaren Misere in die nächste gerät und sich noch tiefer in Mist manövriert, ohne endlich etwas aus seinen Fehlern zu lernen.
Vor allem aber ist die implizierte Fragestellung der Serie interessant: Was geschieht mit einem Menschen, der stets über seine Verhältnisse lebte und dessen Kartenhaus nun über ihn zusammenbricht? Andrew wählt den vermeintlich einfachsten Weg und gerät damit, wie im Opening zu sehen, in noch größere Schwierigkeiten...
Meine einzige Sorge ist, dass die erste Staffel zehn Folgen umfasst, die auf unterhaltsame und ansprechende Weise gefüllt werden müssen. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob das Thema für eine so lange Laufzeit genug hergibt, doch das bleibt abzuwarten. Einstweilen freue ich mich durchaus auf die Fortsetzung.
In diesem Sinne vergeben wir vier von fünf Hedgefonds.