Young Wallander 2x01

© oster zur Serie Young Wallander (c) Netflix
Kurz eingeordnet
Als der Streamingdienst Netflix 2018 eine Prequel-Serie zum fiktiven schwedischen Kommissar Kurt Wallander ankündigte, war die Freude bei den Fans groß. Schließlich gehören die ersten Jahre des in sich zerrissenen Polizeibeamten mit dem sechsten Sinn zu den am wenigsten beleuchteten im Buchuniversum von Henning Mankell. Der Schriftsteller prägte mit seiner „Wallander“-Reihe das Subgenre des Nordic-Krimis mit seinen oft starken Noir-Elementen in den 90er und 2000er-Jahren entscheidend mit. Er schuf eine dysfunktionale Figur in einem tristen Umfeld, im dem es weder an Härte, noch an gut durchdachten Fällen fehlte.
Es verwundert daher nicht, dass bereits ab 1995 (in Deutschland ab 2003) zunächst Verfilmungen mit Rolf Lassgard („Schachnovelle“) und 2005 die vielleicht beste Adaption mit Krister Henriksson in der Titelrolle folgten. 2008 ging es fast nahtlos weiter, diesmal rein britisch, als mit Kenneth Branagh („Tod auf dem Nil“) in der Hauptrolle eine weitere Neuauflage ihren Weg auf die Fernsehbildschirme fand.
Kein Wallander

Man sollte also meinen, der kultische Schwede hätte inzwischen lang genug im europäischen Fernsehen ermittelt und niemand würde es ihm übelnehmen, wenn er endgültig in Rente ginge. Als schließlich die erste Staffel von Young Wallander auf Netflix online gestellt wurde, hätte sich mancher Hardcore-Fan gewünscht, dass er dort wohl auch besser geblieben wäre. Die Serie krankte vom Beginn an an ihrer Konzeption und verprellte damit zumindest einen guten Teil der Fangemeinde. Der als Executive Producer fungierende Jon Mankell (Millennium-Filme) machte drei große Fehler, die der Serie bis heute anhaften und sich für manchen auf den Sehgenuss der zweiten Staffel auswirken könnten.
Erstens versetzte er die jungen Jahre des (noch) zukünftigen Ermittlers in die Gegenwart. In Anbetracht der Tatsache, dass der Titel (Fehler Nummer zwei) ein Prequel impliziert, eigentlich ein No-Go. Jede Leserin und jeder Leser weiß, dass Wallander seine Karriere in den 90er Jahren begann. Wie kann seine Vorgeschichte dann in der Jetzt-Zeit angesiedelt sein? Erschwerend kommt hinzu, dass zumindest seine Anfänge bei der Mordkommission durch die Kurzgeschichtensammlung „Wallanders erster Fall“ schon längst niedergeschrieben wurden und es daher gar keiner neuen Geschichte bedurft hätte. Diese höchst verwirrenden Änderungen hinterlassen einen bitteren Beigeschmack, der in dieser Form unnötig gewesen wäre. Und damit kommen wir zu Fehler Nummer drei, der Tatsache nämlich, dass der Name Kurt Wallander nur aus einem einzigen Grund in die Serie einfloss: um ihn monetär auszuschlachten.
Die falsche Wahl
Viel gemeinsam hat die von Adam Palsson gespielte Figur nicht mit seinem großen Vorbild. Sicherlich, Namen Orte, wichtige Eckdaten und so weiter wurden mehr oder weniger sauber in die Neuadaption übertragen. Auch bemüht sich Regisseur Jens Jonsson („Jäger - Tödliche Gier“) sichtlich um den typischen Nordic-Noir-Look, der Krimis und Thriller dieser Art so angenehm von deutschen oder britischen Produktionen unterscheiden. Doch so richtig anfreunden mag man sich mit dem aus „Die Brücke: Transit in den Tod“ bekannten Schauspieler nicht, zumindest als Kurt Wallander. Das liegt weniger an der durchaus ansehnlichen Leistung des Mimen, als vielmehr an der Tatsache, dass man als Zuschauer und Leser ein ganz bestimmtes Bild von seinem Lieblings-Kommissar im Kopf hat, dem Palsson einfach nicht gerecht wird.
Motiviert

Das alles ist ein wenig schade, denn wenn man es schafft, der Serie unvoreingenommen zu begegnen, kann man durchaus seinen Spaß mit dem neuen Wallander haben. Produktionstechnisch gesehen machen Serienerfinder Ben Harris („Devils“) und sein Team vieles richtig. Optik und Feeling passen, der Score fügt sich prima ein, die schauspielerischen Leistungen gehen in Ordnung und die Startepisode verspricht einen spannenden Kriminalfall in einem düsteren Milieu.
Interessant ist, dass man bis auf den Ausgangspunkt (den Mord an einen jungen Mann, der brutal mit einem Auto überfahren wird) keine Vorstellung davon hat, wohin Wallander seine Ermittlungen führen werden. Trotzdem mangelt es den ersten 45 Minuten weder an Spannung noch an Unterhaltungswert. Schön ist auch, dass die Drehbuchautoren die von Henning Mankell in seine Romane integrierte Kritik an politische Themen wie Fremdenfeindlichkeit und ein tief verwurzeltes Misstrauen in die Polizei aufgreifen. Das ist ein hoch motivierter Ansatz, dem literarischen Vorbild gerecht zu werden. In Verbindung mit der Geschichte, die zunächst wie ein ganz gewöhnlicher Kriminalfall wirkt, dann aber handfeste Thriller-Züge anzunehmen beginnt, darf man sich also auf spannende rund 270 Minuten und sechs Teile freuen.
Fazit
Ja, Young Wallander, trägt den falschen Titel und schürt Erwartungen, die die Serie gestandenen Fans gegenüber so nicht erfüllen kann. Allerdings ist die Serie auch eindeutig für ein jüngeres Publikum gedacht, das eben nicht bis ins letzte Detail weiß, wie die Hauptfigur tickt und welche Schuhe sie am liebsten trägt. Insofern macht das Produktionsteam von den Yellow Bird Productions (u. a. Stieg Larssons Millenium-Filme) mit ihrem neuesten Projekt vieles richtig. Wer Nordic-Crime mit britischem Einschlag mag und bereit ist, sein Wissen über Kommissar Kurt Wallander in die hinterste Ecke des Gedächtnisses zu verdrängen, findet auf Netflix eine Serie mit vielversprechenden Ansätzen vor, die einen näheren Blick wert ist.
Hier abschließend noch der Trailer zur schwedisch-britischen Krimiserie „Young Wallander“ beim Streamingdienst Netflix:
Du kannst die Serie Young Wallander jetzt sofort bei Netflix streamen.
Verfasser: Reinhard Prahl am Donnerstag, 17. Februar 2022Young Wallander 2x01 Trailer
(Young Wallander 2x01)
Schauspieler in der Episode Young Wallander 2x01
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