
Es ist ein großer Zufall, dass ich mir erst kürzlich die grandiose schwedische Coming-of-Age-Dramedy We Are the Best! angesehen habe und nun die Pilotepisode einer kanadischen Comedyserie ausgestrahlt wurde, die eine sehr ähnliche Geschichte erzählt. In „We Are the Best!“ (eine ausführlichere Rezension dazu gibt es von mir im Serien Taxi) rebellieren drei junge Mädchen als Punks gegen das Establishment (genauer: ihre Eltern). In Young Drunk Punk sind es die beiden Schulabgänger Ian (Tim Carlson) und Shinky (Atticus Mitchell), die dem Muff der elterlichen Bevorzugung entkommen wollen - und daran erst mal scheitern.
Our plan is to right social wrongs
Beide Formate spielen im Jahre 1980 - das eine in Stockholm, das andere in Calgary. Damit hätten sich die Gemeinsamkeiten aber auch schon erschöpft. Was Serienschöpfer Bruce McCulloch nämlich mit seiner Sitcom vorhat, unterscheidet sich elementar vom Ansatz, den Lukas Moodyson (Fucking Amal, Zusammen!, Lilja 4-ever) mit seinem Film verfolgt. Da ist es eigentlich etwas unfair, Serie und Film miteinander zu vergleichen - vermeiden lässt es sich jedoch nicht. Nach der Pilotepisode wünsche ich mir jedenfalls, McCulloch hätte sich nur ein kleines bisschen von Moodyson inspirieren lassen.
Die Auftaktepisode startet fulminant. Ian und Shinky, beide von ihren Mitschülern als Loser verunglimpft, beschließen, die Abschlussfeier ihrer Schule zu kapern. Sie wollen all ihre verblendeten Mitschüler, die sie als „Schafe“ bezeichnen, mit einem Song der Punkband „Buzzcocks“ bekehren. Sie wollen Augen öffnen, Herzen erobern und ihre Botschaft in der Welt verbreiten. Ihnen schlägt aber lediglich Verachtung, Unverständnis und schließlich auch Gewalt entgegen. Es dauert keine fünft Takte, bis einer ihrer Peiniger die Bühne stürmt und einen Faustkampf anzettelt.
Der furiose Beginn endet im Zimmer des Karriereberaters Orenstein (Arnold Pinnock), der einen Anruf der Polizei fingiert, um die Aufmerksamkeit seiner Problemschüler aufrecht zu halten. Die beiden enttarnen das schnell als Gehirnwäsche und breiten ihren Plan für die Zukunft aus: „Our plans are to have no plans.“ („Unsere Pläne sehen vor, keine Pläne zu haben.“) Seine wachsende Verzweiflung über diese beiden hoffnungslos Ziellosen kanalisiert er in die nächste List, indem er einfach behauptet, sie würden ihre Zeugnisse erst bekommen, wenn sie ihm einen echten Lebensplan präsentieren könnten. Zweifelhafte Vorgehensweise für einen Karriereberater - aber immerhin erfolgreich.
Der witzigste Teil der Episode schließt aber leider damit schon ab. Danach kehren die beiden bei Familie McKay ein, wo Shinky von Familienoberhaupt Lloyd (McCulloch) sofort des Hauses verwiesen wird - auch das eine witzige Szene, würde sie im Verlaufe der Episode nicht noch mehrmals wiederholt werden.
Aren't we all at the edge of failure?
Das ist das größte Problem des Piloten: Die Witze werden zu oft wiederholt und ausgereizt. Die beschwingte Anfangsszene wird noch einmal für den Schluss recycelt. Ansonsten verliert die Serie merklich an Schwung, weil die halbwegs innovative Prämisse gewöhnlichen Sitcomverwicklungen Platz machen muss. Das ist ganz amüsant anzusehen, hat mich aber weder zum Lachen gebracht noch emotional berührt - womit wir wieder den Bogen zu „We Are the Best!“ schlagen könnten, einem der für mich emotional mitreißendsten Filme der letzten Jahre.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass kein Nebencharakter den beiden grundlos selbstbewussten Hauptfiguren das Wasser reichen kann. Es wird zwar ersichtlich, dass Ian sein Selbstbewusstsein vom überkompensierenden Vater bekommt, der seinen Job als Wachmann-Slash-Hausmeister einer Grünanlage viel zu ernst nimmt. Das lässt Lloyd aber eher wie ein armes Würstchen erscheinen, dem es schwer fallen dürfte, die Sympathien der Zuschauer auf seine Seite zu ziehen.
Ians Schwester Belinda (Allie MacDonald) und seine Mutter Helen (Tracy Ryan) bekommen in der Auftaktepisode überdies noch zu wenig zu tun, als dass man ihre Figuren schon einordnen könnte. Insgesamt präsentiert sich Young Drunk Punk als harmlose Rezitation hinlänglich bekannter Sitcomelemente, die durchaus Potential hätte, würde sich Serienschöpfer McCulloch etwas mehr zutrauen. So bleibt er nur an der Oberfläche der von uns allen durchlaufenen jugendlichen Suche nach Sinnstiftung und Identität. Das ist ein bisschen schade, denn einer Serienversion von „We Are the Best!“ wäre ich uneingeschränkt aufgeschlossen gegenübergestanden.