You: Review der Pilotepisode

© lizabeth Lail und Penn Badgley in „You“ (c) Lifetime
In der Pilotepisode des Thrillers You lernen wir die Gedankengänge des New Yorker Buchhandlungsmanagers Joe (Penn Badgley, Gossip Girl) kennen, der sich in die junge Studentin Guinevere (Elizabeth Lail, Once Upon a Time) verliebt, als sie eines Tages in seinen Laden spaziert. Doch Joes Plan, ihr Herz zu erobern, umfasst sehr viel mehr als nur einen harmlosen Flirt...
Was geschieht in der Pilotepisode?
Schon während ihrer ersten Begegnung analysiert und interpretiert Joe akribisch alles, was ihm an Guinevere auffällt. Doch zu mehr als einer angeregten Konversation zwischen den beiden kommt es zunächst nicht. Zum Glück reicht ihm der Name auf ihrer Kreditkarte, um mit der Magie des Internets und der sozialen Medien die freiwillig bereitgestellten Details ihres Lebens unter die Lupe zu nehmen. Doch das ist ihm nicht genug, denn hinter seiner freundlichen Fassade und vermeintlich guten Intentionen verbirgt sich eine Karriere als obsessiver Stalker, weshalb er, nachdem er ihre Adresse herausfindet, in ihrer Abwesenheit ihr Apartment durchstöbert und ihr auf Schritt und Tritt folgt.
Als sie nach einem frustrierenden und alkoholgetränkten Abend betrunken auf die Gleise der U-Bahn stürzt, ergibt sich für Joe eine einmalige Gelegenheit und er ist natürlich zur Stelle, um sie zu retten. Schließlich begleitet er sie im Taxi nach Hause, doch bevor etwas zwischen ihnen geschehen kann, taucht ihr Freund Benji (Lou Taylor Pucci) auf und macht Joe einen Strich durch die Rechnung.
Zusammen mit Guineveres Freundin Peach (Shay Mitchell) sind sie ihm ein großer Dorn im Auge, denn nicht nur behandeln sie ihre Freundin nach Joes Meinung schlecht, Benji steht ihm natürlich auch direkt im Weg zu seinem romantischen Glück. Doch Joe hat dafür schon eine Lösung parat, denn in seinem schalldichten Keller lassen sich praktischerweise nicht nur Bücher konservieren, sondern auch finstere Dinge tätigen.
Also lockt er Benji unter dem Vorwand, ein Investor für dessen frische Firma zu sein, dorthin und zieht ihm ordentlich eins über den Schädel. Dessen endgültiges Schicksal, nachdem er wieder zu sich kommt, bekommen wir (noch) nicht zu sehen. Eine für Joes Hilfe dankbare Guinevere schaut zeitnah bei ihm im Laden vorbei und diesmal ergreift er die Gelegenheit, sie auf ein Getränk einzuladen. Das Fundament für eine wunderbare Beziehung ist also gelegt, solange die Leichen im Keller bleiben und niemand mehr in die Quere kommt.
Der Richtige ist gleich um die Ecke
Bereits vor der Veröffentlichung der ersten Staffel hat Lifetime schon eine zweite Staffel von You bestellt, was frühzeitig eine Menge Vertrauen für das Projekt der Produzenten Greg Berlanti (bekannt von diversen DC-Serien auf The CW und zum Beispiel Eli Stone) und Sera Gamble (Supernatural, The Magicians) demonstriert. Stoff dafür gibt es in Form der Romanvorlage „YOU - Du wirst mich lieben" von Autorin Caroline Kepnes, zu der bereits eine Fortsetzung erschienen ist. In Deutschland sind die neuen Folgen sehr zeitnah nach ihrer Ausstrahlung bei Netflix zu sehen.
Ist dieser Vertrauensvorschuss nun gerechtfertigt? Die erste Episode konnte mich schon einmal abholen, was an vielen Faktoren liegt: „You“ schlägt eine einladende tonale Mischung aus Psychothriller und düsterer Romantik mit einem zynischen Schuss Humor und Gesellschaftskritik an, die man als Mix aus Serien wie Gossip Girl, vor allem in Bezug auf das Setting am Rande der New Yorker High Society, und Dexter einordnen könnte. Das besondere Merkmal ist dabei die Erzählweise, denn wir bekommen die Geschichte aus der Perspektive von Stalker und sehr wahrscheinlich auch Killer Joe per innerem Monolog erzählt. Joe hat eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und seine Schlussfolgerungen und Begründungen werden dem Zuschauer nachvollziehbar dargelegt.
Früh entsteht dadurch das aus vielen Serien mit Antihelden als Hauptdarsteller bekannte Phänomen, dass man sich trotz Warnsignalen und schnell auch bösartigen Handlungen dabei erwischen könnte, dem Täter in gewisser Weise Empathie oder gar Sympathie entgegenzubringen. Joe handelt aus seinen für sich guten Intentionen heraus und kümmert sich unter anderem um den Nachbarsjungen, dessen Eltern und vor allem dessen Vater wohl nicht gerade zur angenehmsten Sorte von Mensch gehören. Sein exzessives Stalking geschieht natürlich im Namen der Liebe und überschreitet dafür allerdings sehr schnell jedwede Grenze, da ihm in dieser Hinsicht jeglicher moralischer Kompass zu fehlen scheint und er perfide die alltägliche Naivität seines Opfers ausnutzt. Aber wer würde denn schließlich nicht an zufällige Begegnungen glauben und gleich das Schlimmste annehmen?

Dabei demonstriert die erste Episode auch in gewisser Weise unser in manchen Fällen toxisches Verhältnis zu sozialen Medien und mahnt die Freizügigkeit an, mit der wir private Informationen im Internet von uns preisgeben. Das bedeutet allerdings nicht, dass an vielen Ecken nicht anzumerken ist, wie überspitzt und wenig subtil mit manchen Ereignissen und Rahmenbedingungen umgegangen wird: Um Joes Handlungen ein Stück weit zu rechtfertigen beziehungsweise nachvollziehbarer zu machen, verfallen ein paar Figuren wie der aggressive Alkoholikernachbar und Guineveres Freund Benji (Lou Taylor Pucci), dessen Gesicht im Lexikon wohl neben dem Begriff douchebag stehen dürfte, in Klischees. Auch Joes „Serienkillerkeller" und seine eindeutig zweideutige (mordlustige) Buchreparatur sind alle als Wink mit dem Zaunpfahl so offensichtlich in die Handlung eingebaut, dass man auch auf den billigen Plätzen schnell mitbekommt, wie diese einzuordnen sind.
Das sind natürlich einerseits eindeutig Punkte, die man bemängeln kann, doch andererseits garantiert diese Herangehensweise aber auch, dass einem nicht so schnell langweilig wird. Denn, um den Unterhaltungsfaktor hochzuhalten, wird diese Überzeichnung als Stilmittel eingesetzt und dann sind eben manche Charaktere mal extra unausstehlich, extra naiv oder extra unverschämt (wie etwa Guineveres Professor). Elizabeth Lail passt bisher gut in ihre Rolle, aber vor allem Penn Badgley trifft eine wunderbare Balance aus gruselig und freundlich und die Implementierung der Narrative als innerer Monolog funktioniert bisher gut, denn schnell gewöhnt man sich an Joe als Erzähler und lässt sich von dessen Ausführungen und treffsicheren Beobachtungen einspannen. Dass Stalking und die Konsequenzen dieser Obsession dabei zu harmlos wegkommen, mag zwar aufgrund der Erzählperspektive eines Menschen, der sich als einer der Guten ansieht, eine berechtigte Sorge sein, doch bereits am Ende der Episode werden wir zum ersten und sicherlich nicht zum letzten Mal damit konfrontiert, was über den ohnehin schon mehr als gruseligen Eingriff in die Privatsphäre am Ende auf die Opfer von Mr. Goldberg wartet, die es wagen, seiner Liebe im Weg zu stehen...
Fazit
You startet in seiner ersten Episode mit guten Ansätzen und schickt sich an, zu einem spannenden und zynischen Psychothriller mit klug gewählter Erzählperspektive zu werden, welcher die Immersion schon beinahe unangenehm leicht macht. Die Geschichte bedient sich, zur letztendlichen Förderung der Narrative, manchmal ein wenig zu sehr überspitzter Figuren, sorgt aber gerade dadurch auch dafür, dass der Fokus auf stetiger Unterhaltung bleibt. Denn langweilig wird einem in diesen ersten rund 50 Minuten nie. Ob der Stoff über eine Staffel hinaus spannend bleiben kann, wird sich allerdings noch zeigen. Der Auftakt kann sich zumindest schon mal sehen lassen.
Der Trailer zur Serie „You":