You - Du wirst mich lieben 4x10

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You ist seit ein paar Jahren das Netflix-Guilty-Pleasure schlechthin, obwohl man sich ja gar nicht schuldig fühlen muss, wenn eine Serie einfach gut darin ist, die Spannung hochzuhalten. Mit der vierten Staffel, die dieses Frühjahr lief, gelang das aber nur zur Hälfte. War der erste Teil noch ein erfrischender Ausflug an einen neuen Handlungsort, verlor sich Part zwei in zügellosen Selbstgesprächen. Mit Season fünf erwartet uns nächstes Jahr das große Finale, was nach den jüngsten Füllmaterialeskapaden goldrichtig erscheint. Hat Joe Goldberg (Penn Badgley) langsam ausgestalkt?
Enttäuscht sein darf man sowieso noch über den feigen Rückzieher am Ende von Staffel drei, als Joe seine Seelenverwandte Love Quinn (Victoria Pedretti) von sich stieß. Ihre Symbiose hätte die Serie auf neue Pfade führen können, doch so beginnt die Reise wieder von vorne. Und wie üblich hat der Protagonist auch diesmal wieder ein neues love interest beziehungsweise Opfer. Die Rede ist von der Milliardärstochter Kate Galvin, gespielt von Charlotte Ritchie (Feel Good). Ihr Charakter wirkt ein bisschen wie eine Fleabag-Fantasie der amerikanischen Macher:innen, um mal gemein zu sein...
Nach dem Umzug nach London neu im Cast sind Tilly Keeper („EastEnders“) als liebenswürdige Aristokratin Lady Phoebe, Lukas Gage (The White Lotus) als ihr sexuell komplizierter Partner Adam Pratt, Ben Wiggins (Pennyworth) als Psychograf Roald Walker-Burton, Aidan Cheng (Devils) als arroganter Künstler Simon Soo, Ozioma Whenu (The Witcher: Blood Origin) als nigerianische Prinzessin Blessing Bosede und „Eragon“-Star Ed Speleers als Politiker Rhys Montrose.
Tati Gabrielle (Chilling Adventures of Sabrina) ist außerdem erneut als Bibliothekarin Marienne Bellamy dabei, die vor Joe nach Paris flieht. Youngster Amy-Leigh Hickman (Safe) spielt außerdem als sympathische Studentin Nadia Farran mit, die unserem Antihelden auf die Schliche kommt. Showrunnerin ist wieder Sera Gamble (The Magicians).
Wie geht's weiter?
Joe, der nach dem Feuertod seiner Frau sein altes Leben in Amerika hinter sich gelassen hat, nennt sich nun Jonathan Moore und unterrichtet an der Universität in London. Einmal mehr vertieft er sich in ein Klischeedasein, diesmal mit „Notting Hill“-Kitsch. Sogar eine kleine Clique angesehener Persönlichkeiten - die meisten davon wurden bereits genannt - konnte er mit falscher Identität unterwandern. Alles läuft erstaunlich gut, bis eines Tages eine Leiche in seiner Wohnung auftaucht, die seine Mördertage zurückzubringen droht. Oder wird Joe hier ein Verbrechen angehängt, mit dem er nichts zu tun hat?

Der sogenannte Eat-the-Rich-Killer scheint es auf die Elite Londons abgesehen zu haben und gleichzeitig ein doppeltes Spiel mit Joe zu spielen. Als dann auch Kate ins Visier gerät, immerhin ist sie die Tochter eines der mächtigsten Männer der Welt, wird die Sache persönlich. Immer wieder muss unser Ich-Erzähler auch abwägen, ob am Ende doch er selbst der Täter sein könnte. Die Serienmacher spielen mit der Unzuverlässigkeit des Dargestellten, übertreiben es dabei aber, besonders zum Ende der Season, als Rhys quasi zum dark passenger von Joe wird...
Was das Autoren-Team offenbar selbst nicht verstanden hat, ist, dass die Faszination dieses Serienmörders nicht darin lag, dass er sich selbst und somit auch wir ihm nicht trauen können, sondern ja gerade darin, dass er stets so selbstkritisch war. Wir hatten es hier mit einem Killer zu tun, der sich über die Probleme von Phänomenen wie cultural appropriation oder Transfeindlichkeit bewusst ist, während er geschickt ausblenden kann, wie unmoralisch sein Stalken oder Töten ist.
Joe Goldberg war dadurch der perfekte Schurke unserer Zeit, weil er zwar die Kirschen auf dem Ethikeisbecher serviert, aber weder das Eis noch den Becher besorgt hat. Er war ein wokes Monster, was aber nicht als Kritik an Menschen zu verstehen war, die sich bemüht haben, sozial gerecht zu sein, sondern an denen, die das für falsch halten. Dass in der vierten Season zunehmend auch das Thema Geld eine Rolle spielte, unterstrich die politische Relevanz der Serie. Doch dummerweise wurde all das in der zweiten Hälfte aufgegeben für einen psychologischen Zwiespalt, der vielleicht spannend zu spielen war für Penn Badgley, Ed Speelers und Co, allerdings nicht sehr spannend anzusehen...
Aus psychologischer Perspektive kann man übrigens noch festhalten, dass ein Psychopath, der sich selbst so gut analysieren kann wie Joe, extrem unwahrscheinlich ist. Doch mehr dazu haben wir hier auch schon in einer Kolumne zu Dexter festgehalten...
Wie ist es?
Alles in allem muss man zur neuen You-Staffel leider das Fazit ziehen, dass die ersten fünf Folgen mit zu dem Besten gehörten, was die Netflix-Serie bislang geboten hat, und dann nach der Halbzeit die Luft raus war... Der Nachschlag gehörte so eher zum Schlechtesten, was uns die Showrunnerin Sera Gamble und Konsorten mit der beliebten Stalkerserie gezeigt haben. Das Motto der Season lautet Licht und Schatten, weshalb wir in unserer Bewertung auch nur bei dreieinhalb von fünf Bärten landen.
Trotzdem ist die Ausgangssituation für die Finalstaffel nächstes Jahr eine ziemlich verheißende, denn Joe hat sich zusammen mit seiner neuen Frau Kate dazu entschieden, klar Schiff zu machen. Mit den besten Spindoktoren, die man sich für Geld leisten kann, hat er seine düstere Vergangenheit beseitigt und will nun wieder ganz er selbst sein. Nur noch eine Frage der Zeit, bis seine Sünden ihn einholen. Hoffentlich endet er nicht als Holzfäller im hohen Norden...
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Staffel der Serie You:
Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 4. April 2023(You - Du wirst mich lieben 4x10)
Schauspieler in der Episode You - Du wirst mich lieben 4x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?