You - Du wirst mich lieben 2x10

You - Du wirst mich lieben 2x10

Die Stalker-Serie You kam letztes Jahr zu Weihnachten etwas aus dem Nichts, wurde dank vieler fleißiger Netflix-Binger dann aber zum Hit. Nun erschien die zweite Staffel, die statt in New York diesmal in Los Angeles spielt.

Victoria Pedretti und Penn Badgley in You (c) Netflix
Victoria Pedretti und Penn Badgley in You (c) Netflix
© ictoria Pedretti und Penn Badgley in You (c) Netflix

Die erste Frage lautet natürlich: Ist eine Fortsetzung nach dem Tod der titelgebenden Hauptfigur Beck (Elizabeth Lail), die in Staffel eins das Objekt der Begierde des soziopathischen Stalkers Joe (Penn Badgley) war, überhaupt sinnvoll? Ja, denn, wie wir nun erfahren, bezieht sich der Serienname You nicht auf eine bestimmte Person, sondern kann so ziemlich jede junge, attraktive, kluge Frau meinen, die ins Fadenkreuz von Badgleys durchtriebener Rolle gerät. Man könnte gar behaupten, dass die zweite Staffel dringend nötig war, um genau das klarzumachen: Beck war für Joe nichts Besonderes, denn eigentlich geht es immer um ihn selbst...

Was passiert in Staffel 2?

Nachdem sich Joes Situation in New York zuspitzte und sich die Leichen in seinem Keller langsam stapelten, wurde es für den Buchhändler Zeit für einen Tapetenwechsel. Vielleicht, um sich selbst zu bestrafen - genauso wie es sein in der neuen Staffel mehrfach erwähnter russischer Seelenverwandter Raskolnikow in Dostojewskis Literaturklassiker „Schuld und Sühne“ tut, indem er ins sibirische Exil geht -, entschied er sich ausgerechnet für Los Angeles. Einen Ort also, der an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten ist, die dem altmodischen Social-Media-Muffel Joe ja schon immer ein Dorn im Auge war.

Für einen radikalen Neuanfang eignet sich die Stadt der Engel trotzdem perfekt, zumal sich alle Angelenos mindestens einmal monatlich neu erfinden. Zuallererst klaut sich Joe die Identität eines gewissen Will Bettelheim (Robin Lord Taylor), der sogleich in seinem gläsernen Gefängnis landet, das wie durch Zauberhand von der Ost- an die Westküste transportiert worden scheint. Dennoch ist der Protagonist - nennen wir ihn der Einfachheit halber weiterhin Joe - bemüht, nicht sofort in seine alten Muster zurückzufallen, die ihn immerhin zur Flucht gezwungen hatten. Tatsächlich darf sein Opfer diesmal am Leben bleiben und wird merkwürdigerweise sogar ein guter Freund.

Es sind Momente wie diese, in denen man zum Genuss der Serie hin und wieder beide Augen schließen muss, um die vielen psychologischen Logiklöcher, besonders bezüglich des Verhaltens der Nebenfiguren, ignorieren zu können. Wie schon in Staffel eins trägt Joe erneut mehrere Lagen Plot Armor, die ihn immer wieder davor schützen, erwischt zu werden. Meist kann der Stalker seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, weil alle anderen seinem scheinbar übermenschlichen Charme verfallen, was den Darsteller Badgley vor die Herausforderung stellt, diesem behaupteten Charisma gerecht zu werden. Meiner persönlichen Meinung nach gelingt ihm das nicht immer, obwohl Joe selbstverständlich sehr, sehr schöne Haare hat...

In dieser Beziehung ist You seinem Serienzwilling Dexter, wie in so vielen anderen Belangen auch, sehr ähnlich (übrigens wird die mörderische Showtime-Serie mit Michael C. Hall dieses Jahr sogar namentlich erwähnt). Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Serienschöpfer Greg Berlanti (The Flash) und Sera Gamble (The Magicians) auch diese Staffel wieder mit einer Romanvorlage arbeiten. Die Buchautorin Caroline Kepnes setzte die Geschichte von „You“ 2016 nämlich bereits selbst mit dem Nachfolgewerk „Hidden Bodies“ fort. Die Anzahl der Freiheitsgrade war im Vorfeld also limitiert.

Carmela Zumbado und Jenna Ortega in You
Carmela Zumbado und Jenna Ortega in You - © Netflix

Nun aber zum eigentlichen Thema von You: der Liebe - und die wird in der neuen Staffel auf so forsche Art und Weise eingeführt, dass man sich über die fehlende Subtilität kaum ärgern kann. Joes neue Flamme heißt buchstäblich Love und wird gespielt von Victoria Pedretti (The Haunting of Hill House). Bei ihr handelt es sich um eine selbstbewusste Köchin, die aus einer dysfunktionalen Millionärsfamilie stammt und selbst viel zu früh zur Witwe wurde. Joe braucht ziemlich lange, um die ganze Tiefe ihres Wesens zu verstehen, was seine Gefühle aber umso mehr befeuert. Er sagt selbst mehrmals, dass er noch nie jemanden so sehr geliebt hat, weder Beck noch sein erstes Opfer Candace (Ambyr Childers), die in Season zwei zurückkehrt, um ihren verrückten Exfreund endlich zu Fall zu bringen. Dumm nur, dass die meisten sie selbst als verrückte Exfreundin sehen und nicht den ach so netten Joe. Vielleicht eine Kritik an der Gesellschaft, die vorlaute Frauen ja schon immer gern als hysterisch abstempelte.

Doch zurück zu Love (an dieser Stelle ein kurzer Moment der Stille für das deutsche Synchronstudio, das vermutlich bei jeder Dialogzeile einzeln abwägen musste, ob nun die Figur Love oder das Wort „Love“ gemeint ist), denn sie ist nun das neue „You“, an das sich Joe in seinen inneren Monologen wendet. Schuld an all dem sind Loves kapitalistisch korrumpierte Hippie-Eltern, die ihren Zwillingsbruder allerdings mit einem noch viel schlimmeren Namen straften: Forty (James Scully). Dieser ist auch die fleischgewordene Gottesstrafe für Joe, denn Love gibt es leider nur im Doppelpack mit ihm - und verdammt noch mal, ist Forty eine Nervensäge!

Insgesamt bleibt am Ende der Staffel, dessen Finale hier ohne große Spoiler besprochen werden soll, die Überlegung, ob es nicht auch einen Weg gegeben hätte, die Geschichte ohne Forty zu erzählen. Doch unglücklicherweise ist die Figur zu wichtig für die vielen Wendungen. Und ähnlich ist es auch mit den Schwestern Delilah (Carmela Zumbado) und Ellie (Jenna Ortega), denen ebenfalls ein bisschen zu viel Screentime eingeräumt wurde. Doch, wenn man so darüber nachdenkt, hat es durchaus Sinn, dass alle anderen Charaktere, mit Ausnahme von Joe und Love, eher langweilig erscheinen. Immerhin wird das Ganze aus Joes Perspektive dargestellt und er persönlich hat bekanntlich kein Interesse an anderen. Außer vielleicht an Ellie, mit der sich eine ähnliche Dynamik entwickelt wie in Staffel eins mit Paco (Luca Padovan). Die Nachbarskinder haben in You nämlich nur einen Zweck: den sonst so bösen Protagonisten ein klein wenig freundlicher aussehen zu lassen.

Der spannendste Neuzugang neben Pedretti, die eine großartige Darbietung abliefert und auch die düsteren Facetten meistert, welche erst später dazukommen, ist in meinen Augen Charlie Barnett (Russian Doll), der Loves besten Freund Gabe spielt. Er wurde von den Serienmachern so konzipiert, dass er die ganze Stadt L.A. personifizieren soll, womit er den perfekten Gegenpol zum zynischen New Yorker Joe darstellt. Besonders in Erinnerung bleibt daher auch die Szene, in der der smoothiesüchtige Akupunkteur versucht, den verschlossenen Griesgram von seinen kindlichen Schuldgefühlen zu befreien. Netter Versuch, doch ganz so leicht lässt sich eine vertrackte Psyche wie die von Joe natürlich nicht reparieren. Dass in den Flashbacks immer wieder betont wurde, dass eigentlich Joes Mutter an allem schuld ist, weil sie ihn damals verließ und so sein Verhältnis zur zwischenmenschlichen Liebe für immer zerstört hat, ist übrigens ein weiterer Wermutstropfen, den man bei dieser unvollkommenen, aber ziemlich sehenswerten Serie schlichtweg schlucken muss.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die zweite Staffel von You hat durchaus gute Gründe gefunden, die Geschichte des Stalkers Joe, gespielt von Gossip Girl-Star Penn Badgley, fortzusetzen. Zum einen, weil durch den Ortswechsel nach Kalifornien ein paar interessante Impulse gesetzt werden konnten. Zum anderen, weil es irgendwie nur folgerichtig erschien, der Hauptfigur direkt ein neues Objekt der Begierde zu geben, um zu zeigen, dass nicht die große Liebe ihn böse Dinge hat tun lassen, sondern, dass er einfach schon immer böse war. Umso spannender ist daher nun auch die Ausgangssituation für die potentielle dritte Staffel, die mit großer Wahrscheinlichkeit zustande kommen wird. Die vielen Schwächen der Serie werden locker von ihrer Unterhaltsamkeit aufgefangen.

Hier abschließend der Trailer zur 2. Staffel der US-Serie You:

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Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 31. Dezember 2019
Episode
Staffel 2, Episode 10
(You - Du wirst mich lieben 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Tatsächlich ... Liebe
Titel der Episode im Original
Love, Actually
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 26. Dezember 2019 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 26. Dezember 2019
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 26. Dezember 2019
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Donnerstag, 26. Dezember 2019
Autoren
Sera Gamble, Neil Reynolds
Regisseur
Silver Tree

Schauspieler in der Episode You - Du wirst mich lieben 2x10

Darsteller
Rolle
Victoria Pedretti
James Scully
Ambyr Childers
Carmela Zumbado
Saffron Burrows

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