Wynonna Earp 2x12

Wynonna Earp 2x12

Die zweite Staffel der Serie Wynonna Earp hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich - und meistert die Herausforderung mit Bravour. Ein Gastbeitrag von sw2012.

Melanie Scrofano, Tim Rozon und Shamier Anderson in „Wynonna Earp“ / (c) Syfy
Melanie Scrofano, Tim Rozon und Shamier Anderson in „Wynonna Earp“ / (c) Syfy
© elanie Scrofano, Tim Rozon und Shamier Anderson in „Wynonna Earp“ / (c) Syfy

Wie durch ein Wunder erhielt der selbstironische B-Movie-Horror-Western um die mystische Frau mit dem bösen Mundwerk, fragwürdigen Lebenswandel und glühenden Schießeisen eine zweite Staffel - und prompt wurde Hauptdarstellerin Melanie Scrofano selbst ein kleines Wunder zuteil. Kein Problem für Wynonna Earp, ihrer Bande von Dämonenjägern und den Machern der Serie, die von Calgary aus Hollywood zeigen, wie man - oder in diesem Fall frau - es macht. Der Lohn ist eine völlig verdiente dritte Staffel.

In a family way

Manchmal, nur manchmal, schafft man es als Serienjunkie, sich nicht zu spoilern. Bei einigen Serien ist das natürlich unmöglich - spätestens mit dem Abspann einer Folge von Game of Thrones bricht aus dem RSS- und Twitter-Feed so viel heraus, meist mit der Einleitung WTF? OMG! OMG!, dass die grobe Handlung schnell klar wird. Wynonna Earp hat dagegen noch nicht ganz diese Berühmtheit erlangt. Mehr noch, irgendwie versteckte sich die Nachricht von der Schwangerschaft von Melanie Scrofano an diesem Computer erfolgreich zwischen anderen Meldungen. Die Folge: Als Wynonna uns das Ergebnis ihres Tests zeigte, erschallte es auch hier plötzlich: WTF? OMG! OMG!

Neben der ungetrübten Freude für Melanie Scrofano persönlich - gratuliere vom ganzen Herzen, Kinder sind cool - mischte sich in die erste Reaktion Sorge um die Serie. Denn Showrunner von Wynonna Earp ist Emily Andras, die unter anderem für Staffel 4 von Lost Girl mitverantwortlich war - eine Serie, bei der die Macher bekanntlich völlig überfordert waren, als Hauptdarstellerin Anna Silk schwanger wurde. Würde sie Wynonna Earp auch gegen die Wand fahren?

Melanie Scrofano und Dominique Provost-Chalkley in „Wynonna Earp“
Melanie Scrofano und Dominique Provost-Chalkley in „Wynonna Earp“ - © Syfy

In trouble

Kurz gesagt, nein. Der Umgang mit der Schwangerschaft ist vielmehr vorbildlich. Im Gegensatz zu Lost Girl versucht Wynonna Earp nicht, sie zu verstecken, sondern baut sie so in die Geschichte ein, wie sie auch wirklich ist: Eine ganz normale Sache, die nicht unbedingt immer gelegen kommt, die jede Menge Probleme und Herausforderungen mit sich bringt, aber zum Leben dazugehört. Mit ständigen Pinkelpausen, versteht sich.

Dabei gestand Andras selbst Anfang Juli in einem Interview mit Variety ein, dass ihre erste Reaktion an Panik grenzte: „Oh my God, how are we going to deal with this?“ Dann sah sie das Ganze als Herausforderung:

But I also am a woman in this industry, I have kids on my own, I"ve been through it. And one of the things I"m most proud of about Wynonna is it"s such a female-friendly, feminist show. I was like, if any show is going to deal with this, it"s going to be us.

Daher sei sie zu den Leuten in den oberen Etagen gegangen und habe erklärt: Wir müssen das so machen wie „Fargo“. SyFy, betont sie, habe sie nach Kräften unterstützt. Siehe da, siehe da, ein Lerneffekt - die katastrophalen letzten Staffeln von Lost Girl waren wohl nicht ganz umsonst.

One in the oven

Egal was nun hinter den Kulissen passiert ist, vor der Kamera funktioniert es. Klar, in einer Serie, in der die Hauptdarstellerin trinkt, flucht und herumvögelt - nicht wirklich traditionelle mütterliche Verhaltensweisen - ist der dicke Bauch und alles was dazu gehört ein gewisser Fremdkörper. Allerdings bleibt Wynonna (Melanie Scrofano) auch in dieser Situation Wynonna durch und durch, bis hin zum belly bump - ein Schubser mit dem Babybauch. Die Macher konnten sich dabei auf eine Fangemeinde stützen, die zwar klein, aber treu und lautstark genug ist, um überhaupt eine zweite Staffel möglich zu machen.

Im Gegenzug gibt Wynonna das Baby am Ende ab, zu dessen eigener Sicherheit, heißt es. Wer selbst Kinder hat, wird an dieser Stelle geschluckt haben, aber Wynonna Earp ist nicht eine Serie, in der ein Säugling Platz hat. Die Macher lösen damit das Versprechen ein, das sie mit der Wahl des Genres gemacht haben: Ein spaßiger Ritt für Erwachsene mit einer liebenswürdigen, aber verantwortungslosen und ziemlich durchgeknallten Anti-Heldin als Hauptdarstellerin. Um eine gute Mutter zu werden, müsste Wynonna als Figur so große Veränderungen durchmachen, dass sie nicht mehr Wynonna wäre - und diese Serie ist keine Moralität, sondern Eskapismus. Dass am Ende ausgerechnet Wynonnas Mutter vorgestellt wird, geschieht dann mit einem großen Augenzwinkern.

Meanwhile, back at the ranch

Die Macher nutzen die Zeit, um den anderen Figuren mehr Raum zu geben. Die größte Nutznießerin ist eindeutig Waverly - Dominique Provost-Chalkley darf singen, tanzen, Agentin spielen, schöne Kleider anziehen und ein Cheerleader-Tanz ohne Höschen absolvieren. Es ist unübersehbar, dass ihr volles Potenzial in der ersten Staffel bei weitem nicht ausgeschöpft wurde. Katherine Barrell bekommt als ihre Freundin Nicole Haught auch mehr zu tun und eine Backstory komplett mit Ehefrau, bleibt aber von der Rolle als Sidekick des Sidekicks eingeengt.

Melanie Scrofano und Tim Rozon in „Wynonna Earp“
Melanie Scrofano und Tim Rozon in „Wynonna Earp“ - © Syfy

Tim Rozon - der übrigens auch bei Lost Girl dabei war - festigt seine Rolle als Doc Holliday und tut uns den Gefallen, auf die Nachricht von seiner Vaterschaft so zu reagieren, wie man es im vor-vergangenen Jahrhundert als Mann wohl tat, nicht wie ein kalifornischer Hipster von heute. Wer dieses Mal etwas kurz kommt ist Shamier Anderson, aber Agent Dolls hatte dafür in der ersten Staffel schon viel Zeit mit Wynonna.

The same, but different

So ziemlich alle Figuren gehen mit offenen Fragen in die Pause bis zur dritten Staffel - Wynonnas Mutti, Waverlys Abstammung, Geheimakten über den Dämonenboss bei Haught - aber nicht zu vielen. Unklar bleibt auch, was mit Docs Dämonin-Gespielin Rosita (Tamara Duarte) passieren wird, die eigentlich dem Team wertvolle Dienste leistet. Einige offene Fragen, aber nicht zu viele - so wollen wir das haben.

Was ist sonst zur Handlung zu sagen? Weiterhin wunderbar goofy, trotz der ernsten Momente und großen Fragen, die eine Schwangerschaft mit sich bringt, ob im wirklichen Leben oder auf dem Bildschirm. Der Höhepunkt ist die Szene, wo Doc und Wynonna aufeinander schießen, damit sich die einzige, letzte wirkungsvolle Kugel in der Luft teilt - ein so herrlich blödsinnig unwahrscheinlicher Vorgang, dass nur eine Serie wie Wynonna Earp damit durchkommt.

Wir haben weiter einige Elemente, wie sie offenbar zwingend in einer solchen Story auftauchen müssen, wie die Frage „Wie wäre eine Welt ohne Wynonna“ oder erste Diskussionen darüber, ob Dämonen immer böse sind und den Tod verdienen (Rosita) und wie mit Hybriden umgegangen werden soll (fast Waverly, fast das Kind). Hier wird der Einfluss von Buffy the Vampire Slayer wieder deutlich, wie die Folge The Wish und die Beziehung zwischen Buffy (Sarah Michelle Gellar) und Angel (David Boreanaz). Bei einer solchen Serie kommt aber vermutlich am Ende niemand an Joss Whedon vorbei.

Dominique Provost-Chalkley in „Wynonna Earp“
Dominique Provost-Chalkley in „Wynonna Earp“ - © Syfy

Fazit

Dass Wynonna Earp überhaupt eine zweite Staffel bekommen würde, schien lange Zeit unsicher. Als sie dann kam, stand die Serie vor einer Situation, die anderen schon das Genick gebrochen hat - aber sie haben sie fantastisch gemeistert. Mighty fine work, partner, mighty fine.

Mehr noch: Die Art, wie die Zuschauer das Zwischenspiel der Schwangerschaft aufgenommen haben und wie die Macher am Ende geordnet und respektvoll zur Prämisse zurückgekehrt sind, dürfte beide Seiten noch enger zusammenschweißen. Alles sieht danach aus, als ob Melanie Scrofano einen ungeheuren Rückhalt von ihren Kollegen, den Fans und dem Sender genossen hat - ein kollektives „Stand By Your Woman“, sozusagen, mit schönem Gruß an Tammy Wynette. Schade, dass das nicht selbstverständlich ist, schön, dass es hier so gelaufen ist.

Am Ende zitieren wir Melanie Scrofano selbst, die schreibt: „In another world, Wynonna gets to keep her baby and lives happily ever after.“ Ja, das ist ein offizielles Baby-Bild, denn anders können wir diesen Eintrag ja kaum noch schließen. Manche Geschichten haben halt ein Happy End noch bevor sie überhaupt vorbei sind.

Verfasser: Lenka Hladikova am Sonntag, 3. September 2017
Episode
Staffel 2, Episode 12
(Wynonna Earp 2x12)
Titel der Episode im Original
I Hope You Dance
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 25. August 2017 (Syfy)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 22. Dezember 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 22. Dezember 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 22. Dezember 2017
Autor
Emily Andras
Regisseur
Paolo Barzman

Schauspieler in der Episode Wynonna Earp 2x12

Darsteller
Rolle
Shamier Anderson
Tim Rozon
Katherine Barrell

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