Wu Assassins: Kritik zum Martial-Arts-Epos auf Netflix mit Iko Uwais und Katheryn Winnick

Wu Assassins: Kritik zum Martial-Arts-Epos auf Netflix mit Iko Uwais und Katheryn Winnick

Die neue Martial-Arts-Serie Wu Assassins erzählt die Geschichte eines auserwählten Kriegers, der fünf finsteren Mächten entgegentreten muss, um die Zerstörung der Welt zu verhindern. Klingt episch, stellt sich jedoch weitaus abgedroschener dar, als es sich die Macher vorgestellt haben. Unterhaltsam ist das Ganze aber allemal. Irgendwie.

Wu Assassins (c) Netflix
Wu Assassins (c) Netflix
© u Assassins (c) Netflix

Diese Kritik bezieht sich auf die ersten drei Episoden von Wu Assassins.

In den Hochzeiten von Peak TV ist es wahrlich ein Leichtes, sich auf kleine Experimente einzulassen. Die Auswahl ist mittlerweile so groß, dass es fast schon unmöglich ist, den Überblick zu behalten, welche brandneuen Titel wo und wann ihre Premiere feiern. Umso besser! Warum nicht hin und wieder die Serientombola anschmeißen und völlig beliebig einen der vielen Kandidaten, die unsere kostbare Freizeit füllen sollen, aus dem gigantischen Topf ziehen, der sich mittlerweile schneller wieder füllt, als dass er auch nur ansatzweise geleert werden kann. Klar, jede freie Minute, die man hat, ist extrem wertvoll und wenn man schon mal eine Stunde in eine Sache investiert, dann soll dabei auch gefälligst was herumkommen. Doch nicht wenige suchen eben genau das: eine zwanglose Serienproduktion, die auf ihre ganz eigene Art und Weise Reizpunkte setzt, eine kleine Duftnote inmitten unserer überschaubaren Aufmerksamkeitsspanne hinterlässt und eventuell sogar zu einer unerwarteten Überraschung avancieren kann.

Ob der Netflix-Neustart Wu Assassins, ab diesem Donnerstag, den 8. August auf der Streamingplattform verfügbar, all diese Dinge fertigbringt, darf angezweifelt werden. Und dennoch bin ich mir sicher, dass diese seltsame, irgendwo in den frühen 2000er Jahren feststeckende Serie ihr Publikum finden wird. Von der äußerst wirren Geschichte, lauen Effekten (für die man sich gefühlt bewusst entschieden hat) und arg hölzernen, platten Dialogen, die teilweise so zum Besten gegeben werden, dass es einem kalt den Rücken runterläuft, mal ganz abgesehen - es gelingt „Wu Assassins“ erstaunlicherweise immer wieder, bei dieser absurden Jonglage sämtliche Bälle in der Luft zu halten. Dabei hilft natürlich auch, dass die kampfsporterprobte Besetzung um Star und Produzent Iko Uwais sowie die Verantwortlichen hinter den Kulissen - unter anderem mischt Martial-Arts-Fachmann Stephen Fung mit - ordentlich auf den Putz hauen. An Wucht mangelt es hier sicherlich nicht, wenngleich Sinn und Verstand scheinbar recht früh in der zehnteiligen ersten Staffel das Handtuch werfen.

Diese Einschätzung ist jedoch gar nicht einmal böse gemeint. John Wirth (Hell on Wheels) und TV-Tausendsassa Tony Krantz (Felicity, „Sports Night“, 24 und vieles mehr) haben sich eine sehr austauschbare Erzählung zusammengesponnen, die im San Francisco unserer Zeit spielt und recht schnell übernatürliche Züge annimmt, was einige Zuschauerinnen und Zuschauer womöglich auf dem falschen Fuß erwischt. Die Hauptfigur ist der von Uwais gespielte Kai Jin, der sich eigentlich als verkannter Spitzenkoch verdingt, bis auf einmal das Schicksal an seine Türe klopft: Er ist der Auserwählte, der große „Wu Assassin“, der mit der Kraft von tausenden toten Mönchen einer alten chinesischen Sage gleich mehreren schrecklichen Übeln den Kampf ansagen soll. Aber sicher doch. Kai Jin hat natürlich andere Sorgen, aber diese Rolle als legendärer Haudrauf ist ihm nun einmal vorbestimmt. Also los! Selbst, wenn er dabei an die eigene Familie gerät, genauer gesagt den Triaden-Boss Uncle Six (Byron Mann) und Vater von Kai Jin, der selbst über besondere Fähigkeiten verfügt...

Im Großen und Ganzen sind das gesamte Setting von „Wu Assassins“, die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander egal, so hart sich das auch anhören mag. San Francisco ist ein spannender Schauplatz für diese Art der Geschichte, insbesondere mit Blick auf die komplexe Historie asiatischer Migrant/-innen, die sich einst in der Metropole an der Westküste der USA niedergelassen haben (siehe Warrior von Cinemax). Doch in den ersten drei Folgen ist dieser Aspekt leider eine zu vernachlässigende Randnotiz. Wir bewegen uns zwar durch Chinatown und verbringen die meiste Zeit mit asiatischstämmigen Figuren, doch der Großteil der Szenen entspricht dem Abhaken klassischer Stereotypen und Handlungsorten, die eben nicht fehlen dürfen, wenn es um die asiatische Gemeinde San Franciscos sowie kriminellen Organisationen in diesem Bereich geht. So entsteht rein äußerlich recht schnell ein eher generischer Eindruck von „Wu Assassins“, verschenkt man doch gerade zu Beginn der Staffel einiges an Potential und Ideen, um der Serie einen originellen Anstrich zu verpassen.

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Womöglich fehlt den beiden Serienschöpfern John Wirth und Tony Krantz schlichtweg das kulturelle Bewusstsein, um die richtige Töne zu treffen - ein Problem, das in der Industrie hinlänglich bekannt ist. Sobald in der ersten Episode von Wu Assassins jedoch eine wabbelig animierte Wasserschlange über den TV-Bildschirm flimmert, die unsere Heldenfigur Kai Jin in die Mangel nimmt, ändert sich die Wahrnehmung dieser Serie so oder so schlagartig. Auch ich blickte in diesem Moment ein wenig ungläubig auf. Als hätte man mich in die späten 1990er oder frühen 2000er Jahre zurückkatapultiert, die von derartigen computergenerierten Effekten in halbgar produzierten Martial-Arts-Actionstreifen nahezu gesäumt waren. Und je mehr ich mir von „Wu Assassins“ angesehen habe, desto deutlicher wurde mir bewusst, dass die Serie genau dieses Genre der einfachen und oft recht unsinnigen, aber sicherlich mit Leidenschaft auf die Beine gestellten Direct-to-DVD-Produktionen bedient.

Mit dieser Erkenntnis, die, wie bereits erwähnt, sehr früh in „Wu Assassins“ kommt, schaut sich der Netflix-Neustart gleich ganz anders. Nicht, dass es allein dadurch zu einem qualitativen Quantensprung kommen würde. Aber als Zuschauer/-in kann man das Gesehene fortan weitaus besser einordnen als noch zuvor. Nun stellt sich wiederum die Frage, inwiefern sich die Verantwortlichen des Charakters ihrer eigenen Serie bewusst sind oder eher zufällig den Nischengenre-Nagel auf den Kopf getroffen haben. Aber selbst, wenn Wirth, Krantz, Fung und wie sie alle heißen eine epische Erzählung im Sinn hatten, die doch bitte schrecklich ernst genommen werden soll: Letzten Endes ist es doch uns überlassen, was wir daraus machen, wie wir „Wu Assassins“ schauen und als was wir diese Serie wahrnehmen, oder? Und so fand ich mich plötzlich in der komischen Situation wieder, dass mir viele Plotentwicklungen zwar hanebüchen vorkamen und mir das Verhalten einiger Charaktere den letzten Nerv raubte - ich aber dennoch interessiert weiterschaute, um zu erfahren, wohin all diese Unzulänglichkeiten schlussendlich führen würden.

Gleichzeitig wurde die äußerst dynamische Kameraführung in den zahlreichen Faustkämpfen, von denen es so einige zu begutachten gibt, immer ansehnlicher. Uwais, der einem breiteren Publikum durch Gareth Evans' „The Raid“ ein Begriff geworden ist und seit jeher fleißig an seiner Karriere als Schauspieler sowie als Kampfchoreograf arbeitet (kleine Empfehlung am Rande: der brutale „The Night Comes for Us“, ebenfalls auf Netflix zu sehen), zeichnet hier mitverantwortlich für die derben Prügeleien, die dankenswerterweise fast ohne Schnitte auskommen und dadurch stets von einer mitreißenden Direktheit geprägt sind. Der eher wilde Kampfstil, beim dem es zum guten Ton gehört, den Kopf seines Widersachers gnadenlos gegen Wände oder auf Edelstahl-Küchentresen zu ballern, ist anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig, macht aber irgendwann eine ganze Menge Laune.

Gleiches gilt für die Darbietungen, die zunächst für Irritation sorgen, im weiteren Verlauf aber durchaus passend zum allgemeinen, sympathisch-minderwertigen Flair von „Wu Assassins“ erscheinen. Katheryn Winnick (Vikings), die ebenfalls Regie geführt hat, gibt sich vollends ihrer Rolle als kernige Undercoverpolizistin hin, während Byron Mann (Altered Carbon, The Expanse oder auch Ryu in dem unsäglichen „Street Fighter“-Film von 1995) als mächtiger Gangsterboss olle Plattitüden von sich gibt und sichtlich Spaß daran hat, diesem menschgewordenen Klischee Leben einzuhauchen. Iko Uwais merkt man indes an, dass er gerade erst seine Karriere als Schauspieler in englischsprachigen Produktionen begonnen hat, doch das macht der agile Kampfsportler eben durch anderweitige Talente - wie das gekonnte Verteilen von Backpfeifen - wieder wett. Darüber hinaus tummeln sich hier noch allerlei alteingesessene Recken wie Jeff Fahey (Lost) und Tzi Ma, der immer wieder gern gesehene Mark Dacascos (zuletzt großartig in John Wick 3) oder gar Tommy Flanagan (Sons of Anarchy), der einen weiteren Unterweltboss mimt, mit dem nicht gut Kirschen essen ist.

Und so hat man in Wu Assassins eine ganz eigenartige Mixtur aus durchaus charmantem Trash, unterbewusstem Genrebewusstsein, grober Action, obskuren Fantasyelementen, einem einsatzfreudigen Cast sowie simplen Drehbüchern zusammengerührt, die zwar kein explosives Ende nimmt - weder im positiven noch im negativen Sinne -, aber zweifellos über einen sehr eigenen, sehr speziellen Unterhaltungswert verfügt. In den restlichen Episoden der ersten Staffel wird sich unter anderem zeigen müssen, wie vor allem ein paar der weiblichen Charaktere weiterentwickelt werden. Neben Winnick tritt die chinesisch-amerikanische Schauspielerin Lin Jun Li am prominentesten in Erscheinung, die in der dritten Episode in eine fantastische Küchenschlägerei mit einer einsilbigen Kampfmaschine namens Zan, gespielt von JuJu Chan, verwickelt ist. Dieser krachende Zweikampf ist so drüber, das er fast schon exemplarisch für „Wu Assassins“ steht. Eine Serie, bei der man sich mehrfach rätselnd an den Kopf fasst oder gar resignierend die Hände vor dem Gesicht zusammenschlägt, um im nächsten Moment dann doch festzustellen, dass all dieser Firlefanz schon wirklich Spaß machen kann. Irgendwie.

Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Netflix-Serie Wu Assassins:

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