Work in Progress: Kritik zur Showtime-Comedy mit Abby McEnany

© erienposter von Work in Progress (c) Showtime
Bei Showtime startete gestern das große Revival des LGBTQ-Klassikers The L Word. Direkt im Anschluss erschien mit Work in Progress ein thematisch eng verwandtes Format, das aber stilistisch kaum unterschiedlicher sein könnte. Wie der US-Kritiker Alan Sepinwall treffend bemerkt, spricht es wahrlich Bände über den Mangel an Geschichten mit queeren Charakteren, wenn zwei so konträre Produktionen in den Programmplanungen scheinbar trotzdem gut zusammenpassen.
Gefreut hat sich Abby McEnany („Roomies“), Star und Schöpferin von Work in Progress, vermutlich dennoch über den Sendeplatz hinter The L Word - immerhin wird es den Einschaltquoten sicher nicht geschadet haben. Ein kluger Schachzug ihrerseits war aber auch die außergewöhnliche Auftaktszene, die einige Zuschauerinnen und Zuschauer zwangsläufig gefesselt haben dürfte. Ihr Alter Ego, das ebenfalls Abby heißt, sitzt bei ihrer Therapeutin und erzählt dieser von ihrem Plan, sich in 180 Tagen das Leben zu nehmen, wenn sie bis dahin nicht glücklich ist. Statt in Tagen rechnet sie ihre restliche Zeit jedoch in Mandeln, die eine verhasste Arbeitskollegin ihr gab. Daher auch der Titel der Pilotepisode: 180 Almonds.
A Fat, Queer Dyke
Zugegeben, eine reichlich düstere Prämisse, doch recht bald wird klar, dass Abby diese drastische Maßnahme eher symbolisch sieht. Komödiantisch gebrochen wird die Szene ohnehin durch den plötzlichen Tod ihrer Therapeutin, den sich Abby natürlich auch noch persönlich ankreidet. Ihre Schwester Alison (Karin Anglin) ist von all dieser künstlichen Dramatik längst genervt. Kurzerhand beschließt sie, Abby einfach ein Date zu verschaffen, damit sie ihren Frust vergessen kann. Die Wahl fällt auf den 22-jährigen Transgender-Kellner Chris (Theo Germaine), der nicht unbedingt ins typische Beuteschema der 45-jährigen Lesbe passt - und das eben nicht nur wegen des massiven Altersunterschieds...
Trotzdem haben die beiden einen sehr, sehr guten Abend zusammen, während wir lange Zeit mitraten dürfen, ob am Ende eine Freundschaft oder eine Beziehung daraus wird. Das absolute Highlight ist das zufällige Aufeinandertreffen mit der „Saturday Night Live“-Schauspielerin Julia Sweeney, für die Abby nichts als Hass verspürt. Sie schuf in den frühen Neunzigern einen legendären Comedy-Charakter namens Pat, der Abbys echtes Leben zur Hölle machte, da sie selbst sehr große Ähnlichkeit mit der Figur hatte. Der ganze Gag: Niemand weiß, ob Pat nun männlich oder weiblich ist - und niemand will das wissen, weil ja eh niemand Sex mit ihm oder ihr haben würde. Und genau so fühlt sich Abby eben auch.

Bemerkenswert, dass Sweeney die Größe hat, zu ihrem Fehler damals zu stehen und sich nun als fiktive Version ihrer selbst in einer Serie dafür zu entschuldigen. Obwohl man natürlich kritisieren könnte, dass sie am Ende besser wegkommt als alle anderen Figuren in Work in Progress, da sie sich fast wie eine Heilige inszenieren darf. Doch das ist wohl eher der Dankbarkeit von McEnany geschuldet, die vermutlich selbst nicht erwartet hätte, dass Sweeney den Spaß mitmacht.
McEnany selbst gehört übrigens nicht zum „SNL“-Ensemble, zu dem sich ja sonst fast alle anderen berühmten Comedy-Stars Amerikas zählen dürfen. Sie machte sich stattdessen in Chicago einen Namen als Improvisationskomikerin. Dadurch lernte sie auch Tim Mason kennen, der bei Work in Progress nicht nur die Regie übernahm, sondern auch beim Drehbuch mitwirkte. Noch deutlich interessanter ist jedoch die Beteiligung von Lilly Wachowski, die mit ihrer Schwester Lana nicht nur die „Matrix“-Trilogie schuf, sondern auch Netflix' Sense8. Mit Science-Fiction hat die Showtime-Serie sicher nichts zu tun...
Anders als zum Beispiel Tig Notaro in One Mississippi, Pete Holmes in Crashing oder - man mag ihn kaum noch nennen - Louis C. K. in Louie hat sich Abby McEnany in Work in Progress keinen Künstlerjob verpasst, was für eine autobiografische Dramedy einer Komikerin ja eigentlich normal gewesen wäre. Stattdessen hat sie der Protagonistin sogar einen langweiligen Bürojob zugeteilt, was ihre Verzweiflung vielleicht zusätzlich verstärken soll. Man darf gespannt sein, ob dadurch langfristig die Authentizität leidet. Erfrischend ist auf jeden Fall das Setting in Chicago, besonders nach all den Serien in New York.
Fazit
Die offensichtlichste Stärke von Work in Progress liegt im persönlichen Blickwinkel der Serienmacherin Abby McEnany, die eine Geschichte zu erzählen hat, die wir so noch nicht so oft gehört haben. Umso interessanter erscheint da wieder die programmtechnische Koppelung mit The L Word, wo das Queersein meist einfach abgefeiert wird, was ja ebenfalls sehr lobenswert ist. Natürlich gibt es auch in dieser neuen Serie, die sich die Bezeichnung Comedy eigentlich erst noch verdienen muss, ein paar stolze LGBTQ-Figuren, doch die Protagonistin ist zufällig am Hadern mit ihrer Identität. Man darf gespannt sein, wo die Reise hingeht. Und vor allem auch, was passiert, wenn Abby bei der letzten Mandel angekommen ist.
Hier abschließend der Trailer zur neuen Showtime-Serie Work in Progress:
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