Wisdom of the Crowd: Kritik der Pilotepisode 1x01

© effrey Tanner (Jeremy Piven) und seine Entourage in „Wisdom of the Crowd“ / (c) CBS
In der Pilotepisode der Serie Wisdom of the Crowd versucht der Techmilliardär Jeffrey Tanner (Jeremy Piven), einen schweren Schicksalsschlag in Form des Mordes an seiner Tochter zu verarbeiten. Im Zuge dessen erfindet er eine Crowdsourcing App, welche die Verbrechensbekämpfung revolutionieren könnte, und macht damit Jagd auf den Mörder.
Internet Justice
Am Jahrestag der Ermordung seiner Tochter Mia (Abigail F. Cowen) erschüttert Tanner das Justizsystem und seine Aktionäre: Er verkauft seine Firma und ruft eine Social-Media-App namens Sophe ins Leben, die per Crowdsourcing allen Benutzern die Möglichkeit gibt, Hinweise zu Verbrechen beizusteuern, während diese in Echtzeit ausgewertet und an Tanners Team von Experten weitergeleitet werden.
Nachdem er neue Hinweise in Bezug auf die Geschehnisse des Abends, an dem seine Tochter getötet wurde, zutage fördert, stellt ihm die Regierung als Liaison des Gesetzes Detective Cavanaugh (Richard T. Jones) an die Seite. Dieser stellte genau wie Tanner die damalige Verhaftung von Carlos Ochoa (Ramses Jimenez), dem Freund von Mia, infrage, steht dem Konzept der App jedoch kritisch gegenüber.
Die Spur führt sie allerdings zu einem anderen Fall, auf den sie während ihrer Ermittlungen stoßen. Sie benutzen Sophe und ihre User, um zwei mögliche Vergewaltiger in die Ecke zu drängen und zu stellen. Doch trotz dieses unverhofften Erfolges beschließen sie, sich nicht auf ihren Lorbeeren auszuruhen, denn Mias Tod ist immer noch nicht aufgeklärt und die nächsten Hinweise aus der Bevölkerung warten bereits auf der neuen Plattform.
Das auf dem gleichen Namen wie das israelische Vorbild basierende Wisdom of the Crowd offenbart in seiner Pilotepisode ein fragwürdiges Weltbild, während es altbekannte Teile aus dem Procedural-Baukasten von CBS zusammenfügt.
Die Prämisse des Techmilliardärs, der nach einem tragischen Ereignis sich persönlich in der Verantwortung sieht, die Polizeiarbeit mit seiner Erfindung zu revolutionieren, klingt nach einem sehr bekannten Konzept, mit dem APB letzte TV-Season bereits wenig Glück hatte.

Doch der Sender ist mehr als routiniert in der Inszenierung seiner Procedural-Serien und schaffte es in der Vergangenheit immer wieder mit Formaten wie etwa Person of Interest, das Genre aufzuwerten und interessant zu gestalten. Doch diese Ansprüche kann „Wisdom of the Crowd“ in der ersten Episode nur sehr bedingt erfüllen.
Auffällig ist dabei der Mangel an sympathischen Charakteren, da vor allem Hauptfigur Tanner bewusst als egozentrischer Konzernboss mit mäßiger Empathiefähigkeit inszeniert wird. Doch Jeremy Piven ist dafür eine sehr gute Castingentscheidung, denn er schaffte es bereits in seiner Rolle in Entourage, mit einer an sich unsympathischen Figur trotz ihres Charakters zu brillieren. So landete er aufgrund seines Charismas und engagierten Schauspiels in der Gunst des Zuschauers, was auch hier bereits aufblitzt. Wir merken früh, dass hinter Tanner ein Mensch steht, der Gutes tun möchte.
Unterstützt wird er von Richard T. Jones, Natalia Tena und Monica Potter, die ihre Sache ordentlich machen, ohne besonders herauszustechen. Der Rest des Casts, der hauptsächlich für die vereinfacht dargestellte Computermagie zuständig ist, bleibt zumindest in dieser Episode noch relativ blass und hinterlässt noch keinen bleibenden Eindruck. Dafür wäre aber natürlich im Verlauf der Staffel noch genug Zeit.
Das größte Manko der Serie ist jedoch nicht der nur mäßig spannende Fall, sondern die hanebüchene Prämisse, die in dieser Episode in einer geradezu gruseligen Szene gipfelt, die Lynchjustiz auf eine Weise glorifiziert, bei der sich einem die Nackenhaare aufstellen: Aufgerufen durch die App Sophe verfolgt ein Mob von Menschen einen Verdächtigen, über den die User nicht einmal wissen, ob er Zeuge oder Täter ist und umstellen diesen mit den Fackeln und Mistgabeln des 21. Jahrhunderts: ihren Handys. Zuvor wurde bereits ein möglicher Zeuge und letztendlich Unbeteiligter von wütenden Usern krankenhausreif geschlagen, doch: Wo gehobelt wird, da fallen aus Sicht der Erzählung Späne, denn schließlich hat man ja nun den Richtigen erwischt. Wie gefährlich solche Aktionen zudem für alle Beteiligten sein können, wird von dem Jubel über den Verhaftungserfolg schnell unter den Teppich gekehrt.
Trotz berechtigter Gegenargumente von Detective Cavanaugh, der skeptisch anmerkt, dass es einen Grund gibt, warum dafür qualifizierte Polizisten Beweise sieben, ermitteln und Verhaftungen von Zielpersonen durchführen, versucht uns die Serie tatsächlich weiszumachen, dass ihre Wundermaschine eine großartige Erfindung ist. Selbst wenn man kontroversen Diskussionen aus dem Weg geht und nur auf den reinen Unterhaltungsfaktor schaut, so kommt „WotC“ nicht über das Mittelmaß hinaus.
Fazit
Wisdom of the Crowd liefert in seiner Pilotepisode einen faden ersten Fall, ein durchschnittlich interessantes Mysterium und verlässt sich ein wenig zu sehr auf einen klug gecasteten Jeremy Piven in der Hauptrolle. Verharmlosung von Mobmentalität und Selbstjustiz spiegeln zudem ein bedenkliches Weltbild wider, dessen gefährliche Konsequenzen zwar angesprochen, aber nicht konsequent genug angegangen werden.
Darüber hinaus ist der Techmilliardär mir seiner innovativen Erfindung mittlerweile alles andere als eine innovative Serienidee, so dass es ein wenig verwunderlich ist, dass genügend Verantwortliche das Konzept für eine gute Idee hielten, um es durchzuwinken. Aber, wenn das tatsächlich funktioniert, hätte ich da auch noch ein paar Vorschläge: Wie wäre es mit einem mürrischen, aber kompetenten Arzt, der seine Patienten auf die Probe stellt oder einem brillanten Exzentriker, der die Polizei bei ihren Fällen berät. „Call me CBS.“
Serientrailer zu „Wisdom of the Crowd“: