White Gold 1x01

White Gold 1x01

Frage der Woche: Was erhält man, wenn ein unsympathischer Wichtigtuer und seine Kumpels alles und jeden über den Tisch ziehen und dabei zu 80er-Songs cool-debil in die Kamera grinsen?

Ed Westwick, Joe Thomas und James Buckley in „White Gold“ / (c) BBC Two
Ed Westwick, Joe Thomas und James Buckley in „White Gold“ / (c) BBC Two
© d Westwick, Joe Thomas und James Buckley in „White Gold“ / (c) BBC Two

The Wolf of Essex

1983 - ein Jahr, das der eine oder andere von uns durchaus live erlebt haben mag. Ein Jahr, das aber auch zunehmend weit weg klingt. Der Eindruck wird dabei nur noch verstärkt, je mehr man sich über die Geschehnisse von vor 34 Jahren ins Gedächtnis ruft. Im Stern wurden die Hitler-Tagebücher abgedruckt - und stellten sich kurz darauf als Fälschung heraus. AIDS rückte erstmals in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. In Buxtehude wurde als Modellversuch die erste Tempo-30-Zone eingerichtet, die Regierung beschloss derweil, bleifreies Benzin einzuführen und Udo Lindenberg trat sensationell in Ostberlin auf. Ach ja - und Microsoft kündigte in Las Vegas Windows 1.0 an. Man merkt es schon: Wir haben es hier mit einer Zeit zu tun, die wir eigentlich gar nicht mehr kennen (wollen).

Doch just in dieses Jahr verlegt Autor und Produzent Damon Beesley, bekannt durch seine Arbeit an The Inbetweeners, seine neue Serie White Gold und wählte damit einen Pfad, der durch drei Staffeln Ashes to Ashes (ebenfalls BBC-produziert) bereits betreten oder im schlimmsten Falle gar ausgetreten worden war.

Doch statt eine im Koma liegende Polizistin als Anomalie in die Achtziger zu schicken, folgen wir hier dem Treiben von Vertreter Vincent Swan, der während der Thatcher-Ära in Essex mit seinem Team doppelt verglaste Fenster verhökert. Dass dieser Swan bereits in den ersten dreißig Serienminuten eher Widerling als Bezugsperson wird, liegt zum Großteil am gelackt-überreizten Spiel von Ed Westwick, der schon zu Gossip Girl-Zeiten mit Null-Mimik und ausbaufähigem Charisma aufwartete. Dass es viel besser geht, einen Antihelden zum emotionalen Fokus zu machen, zeigen nicht zuletzt Serien wie Dexter oder House of Cards, wobei Letztere natürlich den besseren Vergleichswert bietet. In beiden Fällen steht ein - ich bitte für die Wortwahl um Verzeihung - Arschloch im Zentrum des Interesses, der immer wieder die vierte Wand durchbricht, indem er süffisant zum Publikum spricht, und kaum eine Gelegenheit ungenutzt lässt, gegen Konventionen zu verstoßen.

Fitzpatrick
Fitzpatrick - © Lavender und Vincent Swan in „White Gold“ BBC Two

Doch wo Kevin Spacey eine Aura der Faszination aufbaut, stößt Westwick uns nur ab. Da hilft es auch wenig, dass er ebenfalls bereits in der ersten Episode seine Frau betrügt, die währenddessen mit der gemeinsamen Tochter Zuhause sitzt. Ein toller Hecht, der Herr Swan.

Gut, dass Damon Beesley zumindest so clever war, seine beiden Stars aus The Inbetweeners mit an Bord zu nehmen. James Buckley und Joe Thomas überzeugen als schräge Kumpels und Kollegen und bringen zumindest etwas von der Herzlichkeit in den Cast, die Frontmann Westwick leider völlig abgeht. In ihren Solo-Momenten kommt dann auch der kauzig-britische Humor am besten zu tragen. Sei es, wenn es um die verhinderte Popstar-Karriere von Lavender geht (er verließ die Band kurz vor dem großen Durchbruch), oder wenn Fitzpatrick eine alte Dame mit fadenscheinigen Argumenten („Is your son Neil Armstrong?“) über den Tisch zieht. Richtig sympathisch ist das alles nicht - aber immerhin lustig. Dennoch bleiben auch diese beiden in der Summe nur holzschnittartige Cartoon-Charaktere, die sich primär durch One-Liner definieren.

Ich geh mal ein Fenster verkaufen, Bro

Historisch betrachtet ist die Serie zudem längst nicht so relevant und bissig wie sie vielleicht hätte sein können. Man porträtiert eine Phase, in der windige Möchtegerns die Macht über die uninformierte Mittelschicht besaßen. In der ein schicker Anzug und „gut reden können“ ausreichte, um andere zu übervorteilen. Das ist zwar durchaus eine interessante Beobachtung, trägt das Format aber nicht. Letztlich braucht man dafür eben auch ein potentes Drehbuch sowie einen Hauptdarsteller, der als Anker taugt. Und hier kommen wir dann eben leider immer wieder auf den schmierigen Swan zurück.

Trend verpennt?

In Sachen Cast, Sprüche und Handlung ist also eher wenig zu holen. Bleibt das Setting der Serie, welches klar auf die Generation abzielt, denen die Achtziger noch in schriller Erinnerung sind. Doch mit den Trends ist das eben so eine Sache. Als Ashes to Ashes lief, gab es in fast jeder Stadt 80er-Partys, die Radiosender spielten die Hits rauf und runter und im TV wurde das Jahrzehnt wiederentdeckt und sanft totgesendet. Heute ziehen bereits viele Radiostationen die weniger bekannten Hits wieder aus dem Verkehr, 90er-Partys sind inzwischen deutlich häufiger anzutreffen und auch sonst ebbt die Retrowelle für das Jahrzehnt der modischen Aussetzer langsam wieder ab.

So bleibt die Umsetzung zwar kompetent, kann aber kein Momentum mehr aufbauen. Alles ist leider so oder so ähnlich schon mal dagewesen. Für Fans der Musik wird aber natürlich einiges geboten. Mitwippen ist immer wieder möglich und erlaubt. Dass jedoch die Songs in Sachen Abmischung die vernuschelten Monologe oft an den Rand der Unverständlichkeit drängen, ist äußerst ungünstig. In Sachen visueller Umsetzung bietet man uns Stilmittel wie schnelle Schnitte, eingefrorene Sequenzen und das bereits angesprochene Sprechen mit dem Publikum. Nichts, was man wirklich bräuchte oder was der Serie auf den letzten Metern - und somit wenigstens in einer technischen Kategorie - zu einem Alleinstellungsmerkmal verhelfen würde.

Fazit

Die Antwort auf meine rhetorische Frage aus dem Teaser lautet somit: White Gold ist eine Serie, die man gerne auslassen darf. Weder Freunde des britischen Humors, noch die der Achtziger oder jene, die The Inbetweeners mochten, werden adäquat bedient. Wir haben es hier mit einem blutleeren, ungünstig gecasteten und auch nur moderat spaßigem Vehikel zu tun, das mit mindestens einem Bein zu spät aufgestanden ist. Es kann zwar durchaus sein, dass die Serie ein Publikum findet, es wäre aber auch kein Verlust, wenn nicht.

Verfasser: Björn Sülter am Freitag, 2. Juni 2017

White Gold 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(White Gold 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Vertreter sind wie Vampire
Titel der Episode im Original
Salesmen Are Like Vampires
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Mittwoch, 24. Mai 2017 (BBC Two)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 14. September 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 14. September 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Donnerstag, 14. September 2017
Autor
Damon Beesley
Regisseur
Damon Beesley

Schauspieler in der Episode White Gold 1x01

Darsteller
Rolle
James Buckley

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