Where's Wanda? 1x01

Where's Wanda? 1x01

Die frisch bei Apple TV+ gestartete Miniserie „Where's Wanda?“ ist ein gelungener Mix aus Drama, Crime und Comedy, mit dem man von der ersten Minute an Spaß hat. Mehr dazu in unserem Review zu den ersten beiden Folgen.

Szenenfoto aus „Where's Wanda“ mit Axel Stein und Heike Makatsch in geheimer Mission.
Szenenfoto aus „Where's Wanda“ mit Axel Stein und Heike Makatsch in geheimer Mission.
© Apple TV+

Das passiert in der Miniserie „Where's Wanda?“

Die Klatts sind eine ganz normale Familie, die in der ganz normalen Kleinstadt Sundersheim leben - bis zu dem Tag, an dem Tochter Wanda spurlos verschwindet. Obwohl die Polizei alles Mögliche unternimmt, bleibt das Rätsel um Wanda ungelöst, bis die Klatts schließlich ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Nach dem Fund eines Kleidungsstücks in einem Container liegt für die verzweifelten Eltern nahe, dass das 17-jährige Mädchen irgendwo in der Nachbarschaft gefangen gehalten wird. Also beginnen sie systematisch, die Häuser ihrer Nachbarn mit aus dem Dark Net erworbenen Equipment zu verwanzen. Die Überwachungsaktion verläuft für die Klatts zunächst ergebnislos, nichtsdestotrotz bringen die in den Häusern versteckten Kameras manch schmutziges Geheimnis ans Licht...

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Simple Prämisse, stark umgesetzt

Die Prämisse von „Where's Wanda?“ klingt zunächst einmal recht simpel, ist bei näherem Hinsehen aber irgendwie auch genial. Die Tochter der Klatts verschwindet spurlos, wurde wahrscheinlich entführt und könnte noch in der heimatlichen Kleinstadt Sundersheim gefangen gehalten werden. Also werden die Eltern des Mädchens zu Ermittlern und decken dabei die kleinen und großen Geheimnisse ihrer Nachbarschaft auf.

So einfach ist es dann aber wieder doch nicht, denn die von Oliver Lansley und Zoltan Sprandelli erdachte Miniserie bei Apple TV+ ist wesentlich tiefsinniger, als man denkt. In der spannend inszenierten Handlung schwingt nicht nur jede Menge schwarzer Humor, sondern auch eine große Portion Sozialkritik und Metaphern-hafte Bildspielerei mit. Das beginnt schon, als die titelgebende Figur Wanda am Tag eines skurrilen Volksfests wie Rotkäppchen (Stichwort: roter Umhang) ausstaffiert einen (ebenfalls knallroten) Roller besteigt und ihm nahegelegenen Wald spurlos verschwindet.

Entführt wurde sie - so legt die letzte Szene der Debütfolge nahe - zwar nicht vom bösen Wolf, aber von einer Person, die sich offensichtlich in die Rolle des lokalkolorierten Monsters Nuppelwockel begibt, dessen Geschichte im stark überzogen gezeichneten „ganz normalen“ Örtchen Sundersheim gerade gefeiert wird.

Interessanterweise erfahren wir das aber erst nach einigen Minuten Laufzeit aus dem Off von Wanda selbst, die in den ersten beiden Episoden als bissige, aber durchaus informative Erzählerin fungiert. Die Serie begrüßt uns stattdessen mit einer fast schon beängstigenden, thrillerartig inszenierten Szene, in er ein in orangefarbenen Overalls gekleidetes Ehepaar ein Haus betritt, um dort vorgeblich die Feuermelder zu überprüfen.

Im Dialog mit der Besitzerin kommt dann erst heraus, dass die beiden die Eltern der spurlos verschwundenen Wanda und im ganzen Ort bekannt sind. Das ist ein geschickter Einstieg in die Thematik, auch, weil wir sofort ahnen, dass mit den Klatts auch sonst etwas nicht stimmt. Tatsächlich checkt Vater Dedo (Axel Stein besagten Feuermelder nämlich gar nicht, sondern platziert dort eine illegal erworbene Überwachungskamera.

Nachdem Dedo und seine Frau Carlotta (Heike Makatsch) das Haus verlassen haben, folgt ein Schnitt und wir blicken in den Keller der Klatts, wo deren Sohn Ole (Leo Simon) vor einer beeindruckenden Monitorwand sitzt und offensichtlich die gesamte Nachbarschaft ausspioniert. Bis zur Beantwortung der Frage, was zur Hölle da gerade geschieht, lassen uns die Serienmacher allerdings noch ein wenig zappeln.

Selbst nach dem ansprechend gestalteten Intro erfahren wir noch nicht sofort mehr. Stattdessen stellt uns Wanda per Voice-Over, begleitet von frechen, surreal anmutenden Bildern, das Örtchen Sundersheim vor. Sundersheim ist oberflächlich betrachtet eine ganz stinknormale Kleinstadt, in der es sich gut leben lässt. Nichtsdestotrotz lässt sich anhand der von der volkstümlichen „Nacht des Nuppelwockels“ bestimmten Szenerie bereits erahnen, dass sich hinter der Scheinnormalität viel mehr als der schlichte Alltagswahnsinn verbirgt.

Die lokale Sage wird indes eine zentrale Rolle einnehmen, wie Wandas aus dem Off vorgetragener Kommentar nahelegt. Wenn sie sagt: „Die besten Geschichten beginnen doch immer mit einem Ungeheuer, oder? Allerdings sterben in den Geschichten normalerweise die schrecklichen Ungeheuer und nicht die jungen Mädchen.“ ist das für den Verlauf der acht Teile durchaus wörtlich zu verstehen. Anhand des Teasers erfahren wir also, mit wem wir es zu tun bekommen, wo wir sind und dass es ein Verbrechen aufzuklären gilt.

Die ersten hundert Tage

Die nächsten Minuten fassen dramatisch zusammen, welche Qualen Wandas Eltern nach ihrem Verschwinden durchleiden. Nach den komödiantischen Bildern der ersten Szenen trifft uns die Verzweiflung von Carlotta und Dedo wie ein Hammerschlag. Spätestens jetzt wird deutlich, dass „Where's Wanda?“ Comedy- und Dramaelemente so geschickt miteinander kombiniert, dass einerseits die Spannung nie zu kurz kommt, die Serie dem Publikum andererseits aber auch genug Zeit zur Erholung lässt.

Besonders geschickt inszeniert ist in diesem Zusammenhang etwa eine Live-Show, in die die Klatts eingeladen werden. US-amerikanisch angehaucht steht der Moderator im feinen Zwirn vor der Kamera und begrüßt ernst die Zuschauenden. Der sich nach XY-Manier anschließende karikaturhaft überzeichnete Kurzfilm, der die Geschehnisse des Entführungstags darstellen soll, ist eine einzige Satire und Kritik an die Sensationslüsternheit des modernen TV-Publikums, die sich durch einige witzige Einfälle noch steigert.

Während Dedo hoffnungslos überschminkt mit einem defekten Hocker kämpft, versucht Carlotta die Fassung zu bewahren und bittet emotional um die Mithilfe der Bevölkerung. Offensichtlich geht es der Regisseurin aber mehr um die Quote, als um die Menschen, deren schlimmes Schicksal sie da soeben rücksichtslos vermarktet.

In einem Gänsehaut erzeugenden Monolog bricht schließlich die ganze Wut und Hilflosigkeit aus Carlotta heraus. Zurecht prangert sie in harten Worten die Medien für die Ausbeutung von Menschen an, deren Geschichten dramatisch genug sind, um die Zuschauerzahlen in die Höhe zu treiben. Personen und ihre Schicksale verkommen in diesem Szenario zur Ware, die man verkaufen muss, solange die voyeuristische Kundschaft nach ihr verlangt.

Der in dieser Sequenz präsentierte Mut, ernsthaft und ehrlich vorgetragene Sozialkritik mit einem beinahe aberwitzig agierenden Protagonisten zu kombinieren, ist schlicht brillant, da die Serienmacher auf diese Art keineswegs verleugnen, selbst Teil des Systems zu sein.

Nach 70 Tagen erfolgloser Polizeiarbeit durch die von Nikeata Thomson mit manchmal zu großem emotionalem Abstand gespielten Kommissarin, nehmen die Klatts die Sache schließlich selbst in die Hand. Während die Polizistin voll und ganz auf die Sache fokussiert ist und sich langsam aber sicher vorantastet, beschließen Dedo und Carlotta nach dem Fund eines Kleidungsstücks von Wanda in einem nahegelegenen Müllcontainer, etwas zu unternehmen.

Die ersten Versuche, die Nachbarschaft auszuspionieren, um so vielleicht den Verbleib ihrer Tochter zu erfahren, sind mit zahlreichen gut gemachten Slapstick-Elementen angereichert, die einen harten, aber spannenden Kontrast zu den teils düsteren Szenen und Dialogen bilden. Die Kameraführung sorgt dabei immer wieder für Überraschungsmomente. Hier ist die Steadicam ganz nah bei Dedo als er ungeschickt in ein Haus einbricht, dort zeigt sie demonstrativen Abstand, wenn ein Nachbar hilflos sein Mitgefühl zu bekunden versucht.

Die Figuren

Die hervorragend von Heike Makatsch und Axel Stein gespielten Klatts bleiben indes stets im Fokus der Geschehnisse. Makatsch und Stein sind so präsent, dass andere wichtige Figuren manchmal sogar unter den Tisch zu fallen drohen. So ist von Leo Simon als Ole im ersten Teil von „Where's Wanda?“ beispielsweise viel zu wenig zu sehen, obwohl er für den weiteren Handlungsverlauf ab Folge zwei immer wichtiger wird. Nach und nach erhalten wir dann auch kleine Einblicke in die tieferen Gefühlsebenen des Protagonisten.

Ole schwankt zwischen der zerfressenden Trauer um seine Schwester und dem Wunsch nach Liebe des von ihm umschwärmten Schulschönlings, fühlt sich aber gleichzeitig von seinen Eltern nicht richtig wahrgenommen. Erst als sie ihn in ihre Überwachungspläne einweihen und er die entscheidende Idee beisteuert, rückt er stärker ins Rampenlicht und wird von nun an ein nicht unterschätzender Faktor im Ensemble.

Nikeata Thompson kontrastiert hingegen die Klatts durch die betonte Zuschaustellung von Abstand. Für sie als Polizistin gilt es in erster Linie, einen Fall aufzuklären. Die Gefühle der Eltern spielen dabei bislang eine eher ungeordnete Rolle. Zudem muss sie die Klatts immer wieder ausbremsen, womit die Figur antagonistische Züge, jedoch mit einem großen Entwicklungspotential erhält.

Nicht zu unterschätzen ist letztlich auch Wandas (gespielt von Lea Drinda) Einfluss, auch wenn sie abgesehen von einigen wichtigen Rückblenden lediglich auf dem Off agiert. Die von ihr vorgetragenen schwarzhumorigen und zynischen Kommentare tragen entscheidend zur surrealen Atmosphäre der Miniserie bei und sind daher wichtig zum tieferen Verständnis der Umstände.

Fazit

Obwohl die zweite Folge nicht ganz so stark wie die Debütepisode ist, zeichnet sich schon ab, dass Where's Wanda? ein großartiges Stück deutsche Serienkunst mit internationalem Touch ist. Die Geschichte ist ideenreich erzählt, verfügt über die richtige Mischung aus Dramatik, Spannung und Comedy und ist darüber hinaus auch noch ungewöhnlich gut ausgestattet.

Heike Makatsch und Axel Stein sind das unbestreitbare Dreamteam der Serie. Obwohl schauspieltechnisch so unterschiedlich veranlagt, spielen sich die beiden Künstler geschickt die Bälle zu und demonstrieren eine abwechslungsreiche und mitreißend emotionale Bandbreite, die nahezu perfekt ist. Es macht einfach Spaß Carlotta und Dedo dabei zu beobachten, wie sie in bester Absicht ihre Nachbarn ausspionieren. Man hofft und bangt mit ihnen, ärgert sich über die Ignoranz ihres Umfelds und sehnt Wandas Rückkehr herbei. Für uns gibt es dafür 5 von 5 Überwachungskameras.

Verfasser: Reinhard Prahl am Mittwoch, 2. Oktober 2024

Where's Wanda? 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Where's Wanda? 1x01)
Titel der Episode im Original
Die Klatts
Länge der Episode im Original
42 Minuten
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 2. Oktober 2024 (Apple TV)
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Mittwoch, 2. Oktober 2024
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 2. Oktober 2024
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Mittwoch, 2. Oktober 2024

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