We Were the Lucky Ones 1x01

We Were the Lucky Ones 1x01

Die sehenswerte US-amerikanische Drama-Miniserie „We Were the Lucky Ones“ erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die aus dem von Deutschland besetzten Teil Polens ins sowjetisch annektierte Lemberg flieht und in den Kriegswirren auseinandergerissen wird. Mehr dazu in unserem Review zur ersten Folge.

Szenenfoto aus der Serie „We Were the Lucky Ones“
Szenenfoto aus der Serie „We Were the Lucky Ones“
© Hulu und Disney+

Das passiert in der Pilotfolge der US-Serie „We Were the Lucky Ones“

Polen, im Frühling 1939. Während die Bedrohungslage durch das nationalsozialistische Regime steigt, nimmt auch im beschaulichen Radom der Antisemitismus zu. Die alteingesessene Händlerfamilie Kurc spürt die Auswirkungen durch ausbleibende Kundschaft und die Abkehr alter Freunde, doch Familienoberhaupt Sol weigert sich hartnäckig, die Zeichen zu erkennen.

Am 1. September 1939 überfällt die Wehrmacht das Land, am 6. Oktober kapituliert die polnische Armee. Von diesem Moment an wird das Leben für die Familie immer unerträglicher, bis Sols Tochter Halina und ihre Freundin Bella zur Flucht in sowjetisch besetzte Lemberg aufbrechen. Derweil sitzt ihr Bruder Addy in Paris fest und die Soldaten Jakob sowie Genek befinden sich in Lemberg. So werden die Kurcs auseinandergerissen. Es wird Jahre dauern, bis die Überlebenden wieder zusammenfinden...

Hier der mal der englsichsprachige Trailer zur Serie „We Were the Lucky Ones“:

Ein Statement gegen das Vergessen

Szenenfoto aus der Serie „We Were the Lucky Ones“ mit Joey King
Szenenfoto aus der Serie „We Were the Lucky Ones“ mit Joey King - © Hulu und Disney+

In Zeiten des unverhohlenen Populismus, der Etablierung alter und neuer Feindbilder und zunehmender Menschenverachtung kommt eine Serie wie We Were the Lucky Ones genau zur richtigen Zeit. Denn der Achtteiler zeigt in dramatischen Bildern, was geschieht, wenn wir den unveräußerlichen Menschenrechten abschwören.

Die Kurcs sind eine gut situierte Familie, die sich als Händler, Ingenieure oder Künstler in Polen ein sorgenfreies Leben aufgebaut haben. Der zunehmende Antisemitismus zerstört diese Scheinidylle jedoch bereits in den ersten Minuten der Pilotfolge und macht deutlich, dass Rassenhass ein durchaus globales Phänomen ist. Die Feindlichkeit, die der Familie in Radom entgegenschlägt, ist jedoch nichts im Vergleich zu den Torturen, die sie nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht über sich ergehen lassen muss.

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Blutarm und doch intensiv

Obwohl sich Serienerfinderin Erica Lipez und ihr Autoren-Team eine zu drastische Bildsprache sparen und die Geschichte damit erstaunlich familienfreundlich halten, hören wir doch genug, um uns die barbarischen Gewaltausbrüche von Soldaten und eigens aufgestellten Einsatzgruppen der sogenannten Sicherheitspolizei und des SD lebhaft vorstellen zu können.

Damit setzt „We Are the Lucky Ones“ stark auf die Kraft der Imagination, ein Stilmittel, das dem Handlungsverlauf in der Debütfolge sichtlich guttut. Ohne störende Blutorgien können wir uns so ganz auf die Protagonisten einlassen, wobei Joey King als Halina, Hadas Yaron als Mila, Eva Feiler als Bella Tatar und Logan Herman in der Rolle des Addy den Löwenteil der Screentime erhalten.

Dennoch spielen ebenso die restlichen Kurcs eine nicht unwesentliche Rolle. Vater Sol (Lio Ashkenazi) weigert sich beispielsweise standhaft, die Wahrheit über die Nazis zu erkennen und treibt damit seine Familie beinahe in die Vernichtung. Tochter Mila versucht wiederum mit aller Kraft und gegen alle Widerstände, ihre Tochter durchzubringen.

Lediglich Halina und Bella sind aber zunächst beherzt genug, dem sich immer stärker andeutenden Wahnsinn zu entfliehen. Doch auch sie müssen sich kaltherzigen Soldaten und anderen Gefahren stellen. In Episode zwei, Lemberg, findet sich Halina beispielsweise an einem Militärposten mit einer geladenen, an die Stirn gedrückten Luger wieder und entgeht nur knapp ihrer Ermordung.

Die Technik

Dies ist alles ist technisch hervorragend aufgearbeitet. Der Historizität der Miniserie wird mit authentischen Kostümen, Requisiten, Sets und Locations Rechnung getragen. Die Farbgebung bewegt sich im bräunlich-grauen Spektrum und wird von einer bisweilen manchmal vielleicht etwas zu sparsamen Beleuchtung unterstützt. Besonders hervorzuheben ist indes der auffallend klare und gut abgemischte Ton, der die Geschichte auch auditiv zum Leben erweckt. Erwähnenswert ist darüber hinaus noch die von Jon Ehrlich (House) und Rachel Portman („Never Let Me Go“) auf den Punkt geschriebene Musik, die in einigen Szenen für den dramatischen Background sorgt.

Von der Pilotfolge ausgehend erweist sich ebenso die Wahl des Ensembles als goldrichtig. Halina ist eine junge, selbstbewusste Frau, manchmal störrisch, aber klug, mutig und liebenswert. Mila startet als überforderte Mutter, derer Mann in einen verlorenen und deshalb sinnlosen Krieg zieht. Im Verlauf der Pilotfolge von „We Are the Lucky Ones“ wird sie zur starken Frau, immer auf die Sicherheit ihres Kindes bedacht, klug taktierend und mit dem richtigen Gefühl für die Situation. Sol ist sowohl kulturell als auch mental alteingesessen und vermag sich nicht an die neue, lebensgefährliche Situation anzupassen, bis es zu spät ist die Familie aus ihrem Heim vertrieben wird.

Mitten drin agieren reichlich Statisten als deutsche Soldaten, die ihre Rollen gut ausfüllen und eine kühle feindliche Atmosphäre erschaffen. Lebt die erste Hälfte der Episode noch von der Angst vor dem Einmarsch, erhöht das Produktions-Team ab der Mitte das Bedrohungsmoment stark. Dort in der Ecke schlagen Soldaten einen alten Mann. Eine junge Frau wird von einem Wächter während des Arbeitsdienstes brutal zu Tode geprügelt, weil sie eine Rübe für ihr Kind unter dem Mantel versteckt. Wehrmachtsangehörige machen sich über Flüchtende lustig und so weiter. So führt uns die Handlung zurück in eine Zeit, die ältere Semester nur noch aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennen und jüngere Menschen höchstens aus Dokumentationen.

Damit ist „We Were the Lucky Ones“ ein klares Statement gegen das Vergessen. Die Negierung des Holocaust, die Schaffung neuer Feindbilder und die Hetze gegen alles Andersartige lassen uns - die wir die Schrecken des Krieges und des Massenmords nie erleben mussten - nur allzu schnell vergessen. Doch die Ermordung von über sechs Millionen Menschen und der gewaltsame Tod von insgesamt 50 Millionen im Zweiten Weltkrieg durch Waffen und Hunger sind kein Hirngespinst. Das beweist unter anderem die Tatsache, dass der als Basis für die Adaption dienende gleichnamige Historienroman von Georgia Hunter auf der Familiengeschichte der Autorin basiert.

Fazit

Umarmung! Szenenfoto aus der Serie „We Were the Lucky Ones“
Umarmung! Szenenfoto aus der Serie „We Were the Lucky Ones“ - © Hulu und Disney+

Schon alleine das Thema von „We Were the Lucky Ones“ würde den Achtteiler in Zeiten wie diesen sehenswert machen. Vielleicht vermögen Serien und Filme das zu erreichen, was Geschichtsbüchern heute leider viel zu oft verwehrt bleibt: aufzurütteln und zum Nachdenken anzuregen nämlich. Davon einmal ganz abgesehen ist die Geschichte aber zudem spannend, technisch gut umgesetzt und mit einem starken Cast gesegnet. Für spannende und emotional ansprechende Unterhaltung dürfte damit gesorgt sein.

Wir vergeben daher: viereinhalb von fünf Sternen.

Verfasser: Reinhard Prahl am Mittwoch, 19. Juni 2024

We Were the Lucky Ones 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(We Were the Lucky Ones 1x01)
Titel der Episode im Original
Radom
Länge der Episode im Original
53 Minuten
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 28. März 2024 (Hulu)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 19. Juni 2024
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Mittwoch, 19. Juni 2024
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 19. Juni 2024
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Mittwoch, 19. Juni 2024

Schauspieler in der Episode We Were the Lucky Ones 1x01

Darsteller
Rolle
Joey King
Logan Lerman
Robin Weigert
Lior Ashkenazi
Sol
Amit Rahav
Eva Feiler
Hadas Yaron
Henry Lloyd-Hughes
Sam Woolf
Michael Aloni
Moran Rosenblatt

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