We Are Who We Are: Review der Pilotepisode

We Are Who We Are: Review der Pilotepisode

Der italienische Regisseur Luca Guadagnino hat für HBO und Sky die neue Coming-of-Age-Serie We Are Who We Are geschrieben und inszeniert. Die Geschichte spielt auf einer Militärbasis. Vieles erinnert an Call Me by Your Name...

We Are Who We Are (c) HBO/Sky
We Are Who We Are (c) HBO/Sky
© e Are Who We Are (c) HBO/Sky

Knapp 165.000 US-Soldaten sind in mehr als 150 Ländern außerhalb der Vereinigten Staaten stationiert. Die neue Miniserie We Are Who We Are spielt in einer amerikanischen Militärbasis nahe Venedig. Ein Setting, mit dem man automatisch einen Mann in Verbindung bringt: den preisgekrönten „Suspiria“-Regisseur Luca Guadagnino, der bereits in seinem Sommerstreifen „Call Me by Your Name“ die Geschichte eines Amerikaners in Italien erzählt hat. Und auch in seinem brandneuen Achtteiler, den er für HBO und Sky Atlantic geschrieben und inszeniert hat, geht es um die erste Liebe und jugendliche Rebellion.

Für den amerikanischen Kabelsender HBO ist We Are Who We Are (oder auch „WAWWA“) die dritte Serie Made in Italy - davor kamen schon My Brilliant Friend und The Young Pope. Die Zuschauerzahlen dürften sich auch diesmal wieder im Rahmen halten. Tatsächlich haben zur Pilotepisode namens Right here, right now #1 am Montag, den 14. September nur knapp 100.000 Menschen eingeschaltet. Chloe Sevigny (Big Love) sorgt als Star der Serie offenbar für wenig Interesse.

Worum geht's?

Sevigny spielt Sarah Wilson, die als Colonel nach Italien versetzt wird, wo sie die US-Basis in Chioggia leiten soll. Kennenlernen dürfen wir das Mini-Amerika mitten in Europa durch die Augen des 14-Jährigen Fraser (Jack Dylan Grazer), der ihn Sohn ist. Und auch ihre Frau Maggie (Alice Braga), die im Lazarett anheuert, gehört klar zum festen Kern der Charaktere. Die Familie geht auffällig liebevoll miteinander um, obwohl die vielen Umzüge rund um die Welt selbstverständlich eine große Zerreißprobe darstellen. Vor allem der Teenager scheint einen gewissen Fatalismus entwickelt zu haben, weil er immer neue Freunde finden muss. Den Großteil der ersten Episode betrinkt er sich mit Bier und Wein, um seine Schüchternheit zu überwinden. Gleichzeitig hat er stets Kopfhörer eingesteckt, um sich vor den Gleichaltrigen abzuschirmen.

Die freche Britney - gespielt von Francesca Scorsese, Martin Scorseses Tochter - lässt sich trotzdem nicht abwimmeln. Ziemlich offensichtlich macht sie Fraser sexuelle Avancen, obwohl sie weiß, dass er noch Jungfrau ist. Um nicht komplett zu vereinsamen, zieht der Neuling trotzdem mit. Am Strand lernt er dann auch Britneys Freundin Caitlin (Jordan Kristine Seamon) kennen, zu der er auf Anhieb eine tiefe Verbindung spürt. Erst am Ende der Episode schafft es, in Kontakt mit ihr zu treten. Abgeschreckt wird er zunächst auch durch ihren Rowdy-haften Bruder Danny (Spence Moore II) und dessen ältere Freunde.

We Are Who We Are
We Are Who We Are - © HBO/Sky

Bittersüße Coming-of-Age-Momente wie diese finden sich in We Are Who We Are zuhauf. Will man Guadagnino unbedingt kritisieren, könnte man anmerken, dass vor allem die jüngeren Charaktere allesamt Klischees darstellen. Das beginnt schon beim Protagonisten Fraser, dem unsicheren Rebellen. Aber auch die promiskuitive Britney oder die enigmatische Caitlin sind strenggenommen altbekannte Typen. In dieser Hinsicht war „Call Me by Your Name“ deutlich individueller, obwohl auch die grandiosen Schauspielleistungen von Armie Hammer und Timothee Chalamet damals dazu beigetragen haben dürften.

Ein K.-o.-Kriterium sind die Charaktere für We Are Who We Are ohnehin nicht (vielleicht wurde der Serientitel genau aus dieser Überlegung heraus gewählt). Euphoria, eine andere HBO-Serie, hat längst bewiesen, dass man Klischees auch bewusst annehmen kann, um ihnen einen neuen Twist zu geben. Wichtig ist vor allem, dass die Inszenierung interessant ist - und darin ist Guadagnino ein wahrer Meister. Wenn er Italien filmt, dann hat man das Gefühl, selbst im Stiefelstaat zu stehen. Alles fühlt sich so echt und warm und sinnlich an. Er gibt allen Szenen die Ruhe und Zeit, die sie nun mal brauchen.

Was uns inhaltlich erwartet, wird vermutlich wenig spektakulär. Wer Guadagnino schaut, erwartet kleine Poesie - nichts allzu Pompöses. Fragen kann man sich zum Beispiel, was genau es nun mit Fraser und seinem Freund Mark auf sich hat. Und ob seine Faszination für Caitlin wirklich von romantischer Natur ist. Oder er ist einfach bisexuell, was ein weiteres Thema wäre, das sich mit „Call Me by Your Name“ überschneidet. Gleiches gilt dann für die Liebe zur Kunst. Nicht nur hat Fraser einen vortrefflichen und vielseitigen Musikgeschmack, er liest auch gute Bücher. In dem Fall „The Wild Boys: A Book of the Dead“ von William S. Burroughs. Darin geht es passenderweise um eine Gruppe junger Menschen, die in einer autoritären Diktatur leben und mit Humor und Chaos dagegen ankämpfen. Ähnlich sieht sich wohl auch Fraser auf der Militärbasis...

Fazit

Alles in allem ein äußerst vielversprechender Serienstart von We Are Who We Are bei HBO (wann Sky den Achtteiler zeigt, ist aktuell noch unklar). Der Chefautor und Regisseur Luca Guadagnino spielt in dem Coming-of-Age-Drama all seine Stärken aus, die besonders im Stilistischen und Audio-Visuellen liegen. Die Handlung und Figuren bleiben dabei ein wenig auf der Strecke. Trotzdem ist das generelle Setting der Miniserie durchaus erfrischend. Auch politisch gibt eine US-Militärbasis in Europa einiges her, besonders aktuell. Es lohnt sich also, dran zu bleiben. Ein letztes bisschen Sommer vor dem Herbst.

Hier abschließend noch der Trailer zur HBO/Sky-Miniserie We Are Who We Are:

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