Die Pilotfolge von „The Twisted Tale of Amanda Knox“ ist Spannung pur

Die Pilotfolge von „The Twisted Tale of Amanda Knox“ ist Spannung pur

Mit der Serie „The Twisted Tale of Amanda Knox“ greift Disney+ stilvoll und mitreißend einen der bekanntesten Justizskandale der jüngeren Geschichte auf.

Szenenfoto aus der Serie „The Twisted Tale of Amanda Knox“
Szenenfoto aus der Serie „The Twisted Tale of Amanda Knox“
© Disney+

Das passiert in der ersten Folge der Serie „The Twisted Tale of Amanda Knox“

Italien, am 1. November 2007: Die neunzehnjährige US-Amerikanerin Amanda Knox (Grace Van Patten) lebt seit einigen Monaten mit zwei Kommilitoninnen in einer Wohngemeinschaft in der hübschen Stadt Perugia. Nach einer gemeinsam mit ihrem neuen Freund Raffaele Sollecito (Giuseppe De Domenico) verbrachten heißen Nacht kommt sie unbeschwert nach Hause und bemerkt plötzlich, dass die Tür offensteht. Kurze Zeit später steht fest, dass ihre Mitbewohnerin, die britische Austauschstudentin Meredith Kercher (Rhianne Barreto), brutal ermordet wurde.

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Aufgrund ihres naiven und unüberlegten Verhaltens gerät Knox in den Fokus des auf sie fixierten Staatsanwalts Giuliano Mignini (Francesco Acquaroli, Unwanted). Nach stundenlangen Befragungen kommt Amanda zunächst frei, doch nur, um sich kurz darauf in Untersuchungshaft wiederzufinden. Für die junge, unschuldige Frau beginnt ein Albtraum, der in einem der größten Justizskandale Italiens münden wird...

Der Fall Amanda Knox

Der Engel mit den eiskalten Augen.“ Mit solchen und ähnlichen sensationsheischenden Namen schlug die weltweite Presse ab dem Jahr 2008 auf eine junge Frau ein, deren einziges Verbrechen Naivität gepaart mit Selbstüberschätzung war. Als Amanda Knox und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito am 1. November 2007 die Polizei wegen eines möglichen Einbruchs in Amandas Studentenunterkunft anriefen, ahnten sie noch nicht, dass sie bald die tragischen Antihelden eines Justizirrtums mit fast biblischen Ausmaßen werden würden.

Biblisch deshalb, weil der offensichtlich tiefgläubige ermittelnde Staatsanwalt Giuliano Mignini in dem gewaltsamen Tod an der britischen Austauschstudentin Meredith Kercher nicht weniger als einen satanisch motivierten Mord sah. So begann trotz fehlender Beweise, falsch interpretierter Indizien, übersehenen oder schlampig aufgenommenen Spuren und entgegen der Analysen von Experten ein Prozess, der eine wahre Odyssee nach sich zog.

Zwischen 2008 und 2013 wurde Amanda Knox verurteilt, nach einer Berufung freigesprochen, erneut verurteilt und 2013 endlich vom höchsten italienischen Gericht wegen erwiesener Unschuld endgültig und unwiderruflich freigesprochen. Skandalös: für ihre zu Unrecht erlittene Haft- und Verhörmethoden, die vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit Folter gleichgesetzt wurden, erhielt Knox gerade einmal 18.000 Euro Entschädigung. Der tatsächliche Täter, der Meredith Kercher brutal vergewaltigt und erstochen hatte, kam indes 2021 nach nur 14 Jahren Haft auf freien Fuß. Möglicherweise zu früh, wie sich kurz darauf herausstellte, denn schon einige Monate nach seiner Entlassung ermittelten die Strafbehörden erneut gegen ihn wegen körperlichen und sexuellen Missbrauchs.

Die Serie

Die teils mit haarsträubenden und von Vorurteilen geprägten Methoden führten bereits im Jahr 2016 zu einer Dokumentation beim Streamingdienst Netflix, an der Amanda Knox als Produzentin mitwirkte und die auf ihrem Buch „Zeit, gehört zu werden“ (Droemer, 2013) basiert. Nun nahm sich die Konkurrenz von Disney+ mit der neuen Serie „The Twisted Tale of Amanda Knox“ des Themas an, erneut mit Knox als ausführender Produzentin an Bord. Als Showrunnerin fungiert die durch ihre Arbeit an Gossip Girl und This Is Us bekannte K. J. Steinberg, die sich des Stoffes erfreulicherweise hochprofessionell und mit dem gebotenen Ernst annimmt.

Das Cold Open lässt noch nicht unbedingt darauf schließen, was die Zuschauenden erwartet. Aus dem Off erzählt uns die übrigens großartig on Grace Van Patten (Tell Me Lies) gespielte Amanda im Jahr 2022, versteckt auf dem Rücksitz eines Autos liegend, von ihrer Jugend. Zwar erahnt das Publikum aufgrund des sorgenvollen Verhaltens ihrer Begleiter, dass sie sich möglicherweise in Gefahr begibt, doch ein harter Cut lässt diese Vermutung schnell verblassen. Die nun aus dem Off von der Protagonistin erzählerisch begleiteten Szenen lassen eher an eine fröhliche Soap Opera mit Sitcom-Elementen, denken, als an ein wendungsreiches True-Crime-Drama.

Der mutig inszenierte starke Kontrast dürfte bei einem Teil der Zuschauerschaft für einige Verwirrung sorgen und den Gedanken schüren, sich im falschen Genre oder einer Serie zu wähnen, die völlig unangemessen mit der Thematik umgeht. Beides bestätigt sich nicht, denn nachdem wir in einem schnellen Abriss Amandas Jugend miterlebt und sie nun nach einer heißen Nacht mit ihrem neuen Freund gesehen haben, schwenkt Steinberg geschickt in das Mord- und Gerichtsdrama ein, das uns über die nächsten sieben Folgen begleiten wird.

Gnadenlos naiv

Szenenbild aus der Serie „The Twisted Tale of Amanda Knox“
Szenenbild aus der Serie „The Twisted Tale of Amanda Knox“ - © Disney+

Die Naivität der Protagonistin, ihr missverständliches Verhalten und ihre unbeschwerte und leider manchmal auch dumme Herangehensweise an wichtige Ereignisse wie Befragungen durch die Polizei, nehmen bisweilen erschütternde Ausmaße an. Amanda, so viel wird schnell klar, ist kein prüdes, gläubiges Mädchen, sondern eine junge Frau, die sich austobt und sich noch lange nicht gefunden hat. Sie hat oft Männerbesuche, zieht durch ihre Unordnung den Unmut ihrer Mitbewohnerinnen auf sich, trägt die falsche Kleidung zu falscher Zeit und lässt sich ohne den Beistand eines Anwalts oder eines Dolmetschers vernehmen.

Sowohl die reale Amanda Knox als auch K. J. Steinberg lassen also keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Hauptfigur der Dramaserie Fehler macht. Keiner davon rechtfertigt aber das, was während der Mordermittlungen geschieht. So ist sie sowohl der Kommissarin der Carabinieri als auch Staatsanwalt Mignini aufgrund ihres modernen Lebensstils ein Dorn im Auge, womit sie quasi von Anfang an zur Hauptverdächtigen wird.

So laufen schon die ersten Befragungen durch die Polizei darauf hinaus, ihr einen Strick zu drehen, wo immer es möglich ist. Als verhärtende Indizien gelten dabei wenig nette Aussagen ihrer angeblichen Freundinnen oder die Sorgenlosigkeit, mit der Amanda zunächst den Tatort betrat. Man spürt sofort, dass die Faktenlage mehr als dünn ist, umso erstaunter ist man, dass die US-Amerikanerin nicht einmal ansatzweise merkt, dass man ihr den Mord nicht nur zutraut, sondern auch zuschreibt.

Technisch stark

Dank geschickter Kameraführung während der Vernehmungen, den oft wechselnden Blickwinkeln sowie Zeitsprüngen zwischen der Jetztzeit der Serie und dem Jahr 2007 gelingt es dem Produktionsteam hervorragend, die gegen Amanda bestehende Stimmung einzufangen. In einer Situation schauen wir durch die Augen einer Mitstudentin, die sich darüber moniert, wie Amanda nach Geborgenheit suchend auf Raffaeles Schoß sitzt und sich mit ihm küsst. Im nächsten Moment arbeitet die Kamera während einer Vernehmung mit leicht von oben oder von der Seite gefilmten Porträtaufnahmen, um Nähe zwischen dem Publikum und der Protagonistin zu erzeugen.

Besonders eindrücklich ist die erste Befragung, in der die nur rudimentär Italienisch sprechende Amanda ohne jeglichen Beistand versucht, ihre Erlebnisse zu schildern. Die Beamten begegnen ihr mit Ablehnung, Kälte und Arroganz, doch sie selbst bemerkt die Stimmung nicht. Derartige Szenen ziehen sich durch den gesamten zweiten Teil der Pilotfolge und vermitteln ein Gefühl der Hilflosigkeit, aber auch des Drucks der von Anfang an aufgebaut wird, um sie dorthin zu lenken, wo die Polizei sie haben möchte.

Einseitigkeit

Das alles mag die Geschichte auf den ersten Blick recht einseitig erzählt wirken lassen, vor allem mit dem Wissen im Hinterkopf, dass Amanda Knox als ausführende Produzentin ein nicht unwesentliches Mitspracherecht an der Produktion genoss. Dem kann und muss man vielleicht sogar aber entgegenhalten, dass die Ermittlungen nach allem, was über den Fall zu lesen ist, tatsächlich niemals ernsthaft in eine andere Richtung als einer Täterschaft und ab 2008 Mittäterschaft gingen.

Für die Staatsanwaltschaft stand von Anfang an fest, dass Knox eine Mörderin ist und in der Öffentlichkeitswahrnehmung wurde sie dank sensationslüsternem Boulevardjournalismus auf teilweise unterstem Niveau als verantwortungslose, sexsüchtige und rachlüsterne Person gesehen.

Vor allem im konservativen, nicht selten noch immer von veralteten Frauenbildern geprägten Italien zerriss man die junge Frau regelrecht in der Luft und selbst für Meredith Kerchers Eltern bestand kaum ein Zweifel, dass Amanda ihre Tochter ermordet hatte. Insofern ist es auch mit dem Wissen im Hinterkopf, dass hier tatsächlich eine Unschuldige jahrelang im Gefängnis saß, gut und richtig, wenn Knox die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt.

Fazit

The Twisted Tale of Amanda Knox“ beginnt verwirrend, entwickelt sich dann aber schnell zu einem handfesten True-Crime-Drama mit Binge-Potential. Die Pilotfolge folgt einem Erzählmuster auf zwei Ebenen, wobei das Jahr 2007 zu Recht im Fokus steht. Grace Van Patten zeigt sich in bester Spiellaune und das italienische Ensemble gliedert sich ebenfalls nahtlos in das positive Gesamtbild einer Miniserie ein, die auf keiner Watchlist eines Genrefans fehlplatziert ist.

Wir verteilen daher viereinhalb von fünf Ermittlungen.

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