Walker - Independence: Review zur Pilotfolge

© The CW
Walker: Independence
Wer die Serie Walker verfolgt, dürfte bereits mitbekommen haben, dass es nun mit Walker: Independence ein Prequel gibt, welches Ende des 19. Jahrhunderts in Texas spielt. Nicht weit von Austin entfernt (wo die Mutterserie mit der Walker-Familie angesiedelt ist), gibt es den kleinen Ort Independence, wo wir in der Pilotfolge die meisten Figuren kennenlernen. Independence ist auch das Ziel von Abigail Walker (Katherine McNamara) und ihrem Mann Liam (Brandon Sklenar), der sich um den Posten des Sheriffs beworben hat. Doch ehe sie ihr Ziel erreichen, scheint die Reise bereits vorbei zu sein als ein Unbekannter Liam erschießt, Abby schwer verwundet und ihren Wagen in Flammen setzt.
Lange vor dem Vorspann wird hierbei übrigens deutlich, dass wir uns in einer neuen Westernserie befinden, die nicht unbedingt zimperlich mit ihren Figuren umgeht. Der anfängliche Schock sitzt, Abby wird anschließend von Apachen gefunden und gesund gepflegt und lässt sich von Calian (Justin Johnson Cortez) den Weg zur Stadt zeigen. Dort angekommen, macht sie direkt ein paar Bekanntschaften mit Kate (Katie Findlay) und einem gewissen Hoyt Rawlins (Matt Barr), ehe sie den örtlichen Deputy Augustus (Philemon Chambers) aufsucht, dem sie den Überfall schildern möchte. Umso überraschter ist sie, dass es mit Tom Davidson (Greg Hovanessian) bereits einen neuen Sheriff gibt - vermutlich der Mörder ihres Mannes, womit das Staffel- oder auch Serienthema feststehen dürfte.
„Walker: Independence“ erfindet das Rad sicher nicht neu und backt nach dem schockierenden Anfang zunächst kleinere Brötchen. Es gilt, die vielen Gestalten in und um Independence kennenzulernen, ihre Rollen innerhalb der Stadt zu erfahren, ihre Gesinnungen auszuloten und für Abby natürlich, eine Lösung für ihr Dilemma zu finden. Während wir hauptsächlich ihr folgen, gibt es jede Menge Western-typische Szenen und Figuren zu entdecken. Viele Leute ziehen schnell die Waffe, es gibt einen Banküberfall, es gibt mit Kate jemanden, der (vermutlich) über alles in der Stadt bescheid weiß, die Prostituierten (hier „weiße Tauben“ genannt) sind im Umfeld des Saloons präsent, Kartenspiele und ein vielleicht zwielichtiger Hotelbesitzer in Form von Hagan (Mark Sheppard).
Ausbalanciert wird das Ganze mit hilfsbereiten Figuren wie Kai (Lawrence Kao), der die örtliche Wäscherei betreibt und Calian, der zwischen zwei Welten agiert. Und selbst Hoyt, der ganz gewiss kein aufrechter Bürger ist, trägt seinen Teil dazu bei, um uns diese Westernwelt näherzubringen, die zwischen Schwarz und Weiß angesiedelt ist. Mit anderen Worten treffen wir auf ein Szenario, welches keineswegs unbekannt und damit eher vertraut wirkt.
Um noch einmal auf die Mutterserie Walker zurückzukommen, werden sich die Zuschauergeister hier vermutlich scheiden. Es gibt natürlich eine Verbindung, die nicht nur aus Namen besteht. Aber rein thematisch wie genretechnisch gibt es gewaltige Unterschiede zwischen beiden Serien. Das Familienthema mag hier präsent sein, aber eher am Rande. Es gibt in Independence auch keine Teenager (mit eigenen Problemen), die zum Drama beitragen. Von daher lässt sich einfach behaupten, dass man „Independence“ ganz sicher unabhängig von der Mutterserie betrachten kann (und andersrum auch). Ob man mit dieser Serie etwas anfangen kann, lässt sich leicht nach dem Piloten feststellen. Unsereins wäre jetzt erstmal vorsichtig neugierig.
Hoyt
Gut, dieses Thema muss natürlich angesprochen werden. Denn während der Hoyt Rawlins der Mutterserie die erste Staffel nicht überleben sollte, kann Matt Barr hier weitermachen und erhält sogar den gleichen Namen und eine ähnliche Rolle. Dieser Hoyt kommt als Womanizer daher, hat mit Lucia Montero (Gabriela Quezada) sogar eine (fast) feste Freundin und hinterlässt auch einen Eindruck bei Abby (der er den Ehering klaut). Außerdem steckt er hinter dem Banküberfall, zieht schnell seinen Colt und hinterlässt kurioserweise ebenfalls beim Zuschauer einen äußerst charmanten Eindruck. Matt Barr weiß offensichtlich genau, wie er diese Rolle zu spielen hat, was definitiv ein Pluspunkt ist und Spaß macht.
Etwas nüchtern betrachtet ist Hoyt aber kein „feiner Kerl“, sondern eben ein Gesetzloser mit hauptsächlich egoistischen Zügen. Beim Banküberfall ist auch offensichtlich, wer sich hinter dem klassischen Tuch versteckt, welches er sich um den Mund gebunden hat. Nicht nur Abby hätte da ausmachen können, wer gerade die Bank überfällt, zumal Hoyt offenbar stadtbekannt ist. Das war eine blöde Aktion, mit der er scheinbar konsequenzlos davonkommt, warum auch immer.
Die Beziehung zu Lucia wird derweil durch seinen Kontakt mit Abby ein bisschen in Frage gestellt. Denn Lucia sieht im Folgenverlauf immer wieder, wie die beiden miteinander tuscheln und ist offenbar von Eifersucht geplagt. Über Abby müsste sie sich nicht den Kopf zerbrechen, aber nach allem, was wir über Hoyt im Auftakt erfahren, sind Lucias Zweifel an seiner Treue sicher berechtigt. Und Beziehungsdramen gehören auch zu einer Westernserie dazu. Mal schauen, wohin das läuft.
Abby
Abby ist unsere Hauptfigur, was nie in Frage gestellt wird. Okay, es gibt ein paar Szenen, die hauptsächlich Hoyt betreffen, aber ansonsten folgen wir Abby auf ihrem Werdegang. Und der kann sich durchaus sehenlassen. Sie trifft mittellos in Independence ein, kann dort erste Kontakte knüpfen (Kate und Hoyt) und möchte ihr Leid dem Deputy Augustus schildern. Jedenfalls, ehe sie bemerkt, dass es bereits einen neuen Sheriff gibt, der der Mörder ihres Mannes sein könnte, aber auch noch andere Motive mitbringt.
Als Zuschauer sind wir an Abby gebunden, denn durch sie erfahren wir, wie die Dinge in Independence laufen, wer wer ist und wer welche Ambitionen hegt. Das ist gut und macht Spaß. Aber was die Auswahl ihrer Verbündeten angeht, hätte sie bei Hoyt vorsichtiger sein müssen. Ich stelle wohlgemerkt nicht in Frage, dass Hoyt einen guten Verbündeten abgibt. Aber nachdem er sie beim ersten Kontakt beklaut hat, schnell bei der Waffe ist und außerdem noch eine Bank ausraubt, wäre ich bestimmt vorsichtiger gewesen, ehe ich mich als Geisel angeboten hätte.
Calian ergibt da schon allein deshalb mehr Sinn, weil er (zusammen mit den anderen Apachen) Abby das Leben gerettet und nach Independence gebracht hat. Ihm kann sie vertrauen, wenngleich wir bislang nur wenige Eindrücke von Calian erhalten haben, der nicht gerne in der Stadt gesehen wird und auch beim eigenen Volk eher bei den Außenseitern zu finden ist. Mehr zu seinen Hintergründen werden wir aber sicher noch erfahren.
Was Abby betrifft, wäre ich mir noch etwas unsicher, ob sie die Serie tragen kann. Zumindest im Piloten trifft sie einige fragwürdige Entscheidungen. Angefangen damit, dass sie Augustus nicht den Vorfall schildert, der ihr beinahe das Leben gekostet hätte und ihren Mann tot zurückließ. Denn es hätte nichts dagegengesprochen, den Deputy zu der Stelle zu führen, wo womöglich Tom Davidson seine Missetat begangen hat. Andererseits ist ihr Zögern verständlich, denn wenn sie nicht vorsichtig ist, läuft sie Gefahr, erneut am falschen Ende einer Pistole zu stehen. Dennoch scheint es bei ihr keine klare Linie zu geben. Bei einigen Belangen zögert sie, bei anderen wiederum wirken ihre Entscheidungen zu extrem, um glaubwürdig zu sein.
Independence
Was die Stadt betrifft, lernen wir noch viele weitere Figuren kennen, wenn auch oft nur kurz. Am sympathischsten sehe ich bislang Kai, der im wahrsten Sinne des Wortes für die dreckige Wäsche zuständig ist und Abby eine Suppe anbietet. Dicht gefolgt wird er von Kate, die über viele Geschehnisse im Ort Bescheid weiß und vorerst die Hauptinformationsquelle für Abby darstellt. Auf ihre Hintergrundgeschichte dürfen wir noch gespannt sein.
Ansonsten ist der Hotelbesitzer Hagan nur verdächtig kurz zu sehen, als die Party für den neuen Sheriff in Gang kommt. Davidson selbst entgeht hier nur knapp einer tödlichen Kugel von Abby, deren Schuss von Hoyt abgelenkt wird. Wobei ich mir an Abbys Stelle nicht so sicher wäre, ob es sich bei Davidson auch um den Mörder von Liam handelt - die Gesichtsbehaarung passt zwar und die Annahme liegt nahe, aber ich würde noch nicht ausschließen, dass jemand anderes das Paar überfallen hat.
Bislang haben wir nur kurz in die Verhältnisse im Ort hineingeschnuppert und ich wäre durchaus neugierig auf mehr. Potenzial ist sicher vorhanden, auch wenn bereits nach dem Piloten klar sein sollte, dass die Serie kein gigantisches Budget erhalten hat und qualitativ im Mittelfeld einzuordnen ist. Das ist kein neues Deadwood und es wird auch keine einzigartige Geschichte erzählt, wie sie kürzlich in 1883 zu sehen war. Vielleicht gelingt es den Machern aber - um bei Vergleichen zu bleiben - ein neues Hell on Wheels um die Stadt Independence auf die Beine zu stellen. Also, rein qualitativ und natürlich mit Fokus auf Abby und die Stadt und deren Einwohner. Doch, diese Richtung könnte mir gefallen.
Fazit
Das Westernrad wird mit Walker: Independence sicher nicht neu erfunden und wer hier auf ein Setting ähnlich wie bei der Mutterserie Walker gehofft hatte, könnte enttäuscht sein. Obwohl, Hoyt Rawlins (auch wenn er ein Vorfahr sein muss) ist definitiv ein Pluspunkt. Bei vielen Figuren bleibt derweil noch abzuwarten, ob und wie diese weiter ausgebaut werden und wo die Reise hingehen soll. Abbys Reise wird derweil recht klar vorgegeben und könnte sich interessant entwickelt, aber noch ist für mich unklar, was genau ich von ihr halten soll. Ich würde für den Auftakt dreieinhalb von fünf Sternen vergeben. Und Ihr?
Hier abschließend der aktuelle Trailer zum Serienstart der Serie „Walker: Independence“: