
Als wir Richie Finestra, die von Bobby Cannavale mit großer Hingabe gespielte Hauptfigur des neuen HBO-Retrodramas Vinyl, zum ersten Mal sehen, schaut er mit gierigen Augen in den Abgrund der eigenen Sucht. Jahrelang hat er es geschafft, sauber zu bleiben, hat das wilde Leben im New York der ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahre gegen eine Villa mit Familie in Greenwich, Connecticut eingetauscht. Das nötige Kleingeld für eine solch bequeme Existenz hat ihm die Gründung des Musiklabels American Century eingebracht.
I need a change
Weil die Firma aber lange keinen Topact mehr herausgebracht hat, siecht sie mit solch mittelmäßigen Künstlern wie Lobo, Dr. Hook, Robert Goulet, Donny Osmond oder England Dan and John Ford Coley dahin. Kennt die heute noch irgendjemand? Wahrscheinlich nicht. Deshalb setzt Richie alles daran, einen Deal mit Led Zeppelin abzuschließen. Könnte er die Superstars unter Vertrag nehmen, wäre der geplante Verkauf von „Century“ an die deutsche PolyGram nur noch Formsache. Eine im Kleingedruckten versteckte Klausel verhindert das nun aber.
Zeppelin-Frontmann Robert Plant (Zebedee Row) sowie deren wahnsinnig vulgärer, deshalb aber umso unterhaltsamerer Manager Peter Grant (Ian Hart) entdecken den Passus und empfehlen Richie, ihn sich dorthin zu stecken, wo die Sonne niemals scheint. Seine Partner Zak Yankovich (Ray Romano) und Skip Fontaine (J.C. MacKenzie) dürften darüber alles andere als erfreut sein, was weiter zu Richies Kopfzerbrechen beiträgt. Dort herrscht überhaupt schon ein Stau der Unannehmlichkeiten, schließlich wird er auf der Rückfahrt nach Greenwich (wo er wegen eines tatsächlichen Staus nicht ankommen wird), von der eigenen Vergangenheit eingeholt.
Als Richie ihm unbekannte, faszinierende Musik hört, beordert er seinen Fahrer, einen Umweg zu machen. Dieser führt ihn zu einer Straßenparty, auf der Kool DJ Herc, ein Pionier des Hip Hop, die Plattenteller zum Glühen bringt und eine Kunstform erfindet, die heute als Turntabling bekannt ist. Dort trifft er den schwarzen Blues-Musiker Lester Grimes (Ato Essandoh), mit dem ihn eine schwierige Vergangenheit verbindet. In mehreren Rückblenden werden wir Zeuge von Richies Aufstieg vom Kloputzer zum Plattenmillionär - ein Aufstieg, der mit der Ausbeutung von Lester erreicht wurde. Der hat seinen Ärger darüber nicht vergessen, hält seinen aufgebrachten Kollegen aber davon ab, Richie an Ort und Stelle zu erschießen.

Neben dem geplatzten Zeppelin-Deal und den unangenehmen Erinnerungen steht weiterer Ärger ins Haus. Buck Rogers (Andrew Dice Clay), der Peter Grant in Sachen Vulgarität in nichts nachstehende Besitzer mehrerer Radiostationen, droht damit, keine Songs des Labels mehr zu spielen, weil Donnie Osmond angeblich etwas Abfälliges über ihn gesagt hat. Das wäre eine noch größere Katastrophe als der Abzug der deutschen Unterhändler, weshalb sich Richie überreden lässt, den zwielichtigen Problemlöser Joe Corso (Bo Dietl) anzuheuern.
Looking for sugar
Die Quittung dafür bekommt Mr. Finestra am Abend seines eigenen Geburtstags, der mit einem Geschenk seiner Kollegen - der Gitarre von Blues-Legende Bo Diddley - doch so gut begonnen hatte. Ein Anruf von Corso reißt ihn aus der kurzzeitigen Glückseligkeit. Der Fixer ist seit drei Tagen auf den Beinen, befindet sich seitdem ununterbrochen in der Gesellschaft von Radiomogul Rogers und hat mutmaßlich mehr Kokain durch seine Nase gezogen als Richie in den gesamten Sechzigern. Richies anschließender Versuch, die Worte des völlig unzurechnungsfähigen Rogers mit Sinn zu bekleiden, scheitert grandios.
Viel schlimmer ist aber, dass die Nacht nicht nur im Koksdelirium, sondern sogar mit einem Mord endet. Notdürftig versenken Richie und Corso die Leiche anschließend in einem Gewässer, woraus sie aber wenige Stunden später schon wieder geborgen wird. Nun kann selbst das gegen alle Erwartungen abgeschlossene Geschäft mit dem „Nazi money“ kein Lächeln mehr auf Richies Gesicht zaubern. Während seine Kollegen ausgelassen feiern, tut sich in seinem Kopf schon der Abgrund auf, in den er sich bald darauf stürzen wird. Zunächst wütet er betrunken im eigenen Heim, was ihm den Schock seiner Kinder und den Zorn seiner Ehefrau Devon (Olivia Wilde) einbringt. Dann fährt er ins Greenwich Village, um sich dort einen Eight Ball zu besorgen.
Wir sind nun wieder am Beginn der Pilotepisode angelangt, kehren aber vom Drogen- noch einmal zurück zum Musikrausch. Den Kopf voller vom abgebrochenen Rückspiegel gezogenen Kokain hört Richie die dumpfen Klänge eines Rockkonzerts. Und weil ihn das Gespür des Musikkenners auch nicht verlässt, wenn er high ist, stolpert er in den Mercer Arts Center, wo die New York Dolls gerade ihren Punk-Hit „Personality Crisis“ zum Besten geben. Die Band rockt so sehr, dass sie das gesamte Gebäude zum Einsturz bringt - ein Ereignis übrigens, das 1973 in New York ganz ähnlich stattgefunden hat. Die von Rodrigo Prieto wunderbar geführte Kamera fährt anschließend langsam auf den Trümmerhaufen, erblickt unseren Helden und fokussiert sein Auge, das glänzt wie schon lange nicht mehr. Es ist mit neuem Lebensmut erfüllt.
All diese Geschichten erzählt der knapp zweistündige Pilot in exquisiter Verpackung. Scorsese gibt ihm seinen typischen Stempel mit eleganten Kamerafahrten, einem coolen Voice-over, witzigen Dialogen und viel, viel Musik. Er und Koproduzent Mick Jagger sind sogar so vernarrt in die Musik, dass sie mehrmals Aufnahmen einfließen lassen, die mit der Geschichte gar nichts zu tun haben. Diese und jene Szenen, die zum Narrativ gehören, reißen mit, begeistern und zeugen von einer ungeheuren Energie, die sich meistens in der großartigen Performance von Hauptdarsteller Cannavale ergießt.

Trotzdem wirkt die Auftaktepisode von Vinyl viel eher wie ein Best-of-Album von Dino-Rockern wie den „Rolling Stones“ als eine frische Punk- oder Hip Hop-Platte. Man hat das, was da passiert, alles schon einmal gesehen. Scorseses Regie ist routiniert und weil sie vor Jahrzehnten revolutionär war, auch immer noch äußerst sehenswert. Etwas Neues liefert sie indes nicht. Unter dem gleichen Problem leidet die Dramaturgie: Die Geschichte vom zerrissenen Antihelden hatten wir in den letzten beiden Jahrzehnten so oft - und meistens besser - dass sie kaum zu mehr als einem wissenden Nicken animiert.
Clean living and self-denial
Die bekannten Plotelemente machen nicht bei der Hauptfigur Halt. Der unfreiwillige Mord ist ebenso verbraucht wie die Sekretärin, die versucht, aus der Monotonie ihres Alltags auszubrechen. Die Peggy Olson von „Vinyl“ heißt Jamie Vine (Juno Temple) und schafft es, die Aufmerksamkeit ihres Oberchefs mit einer Kassettenaufnahme der Punkband The Nasty Bits - deren Frontmann von Jaggers Sohn James gespielt wird - zu erhaschen. Neben ihr ist die einzige nennenswerte Frauenfigur im Piloten Richies Angetraute Devon, die leider nicht mehr ist als die unsägliche TV-Trope der nörgelnden Ehefrau.
Der Protagonist selbst ist von einem inhärenten Widerspruch gekennzeichnet. Einerseits scheint er über das absolute Gehör zu verfügen, wenn es darum geht, den nächsten großen Hit auszumachen. Er erkennt nicht nur das Potential von Abba, sondern auch von Hip Hop und Punk, respektive von Kool DJ Herc und den New York Dolls. Aber warum befindet sich seine Firma so sehr im Abschwung, wenn ihr Chef clean ist und den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat, als seinem Gespür zu folgen und den neuen hot shit zu finden?
Diese neue Serie kann als Metapher für den ausstrahlenden Privatsender HBO gelesen werden. Statt wie früher neue Wege zu gehen, setzt man dort auf bekannte (Jagger, Scorsese) und bewährte (Showrunner Terence Winter) Namen. Die Pilotepisode ist ein - stellenweise interessanter, wunderbar aussehender - Aufguss bekannter Erfolgsrezepte: Antiheld, Drogen, Mord, Musik, Kostüme. Vinyl ist das neue Boardwalk Empire, was nichts Schlechtes bedeutet, aber auch nichts Neues, nichts Aufregendes.
In der letzten Ausgabe von 'Axelzucken' habe ich einen Blick auf die fehlende Vielfalt bei denjenigen Sendern geworfen, die sich gerne mit dem Label „Prestigefernsehen“ schmücken. Wie diese Serie in ihrem Auftakt andeutet, könnte mit ihr der Punkt des abnehmenden Ertrags ebenjenes Rezepts erreicht sein. Um ein endgültiges Urteil darüber zu fällen, ist aber mehr als nur eine Episode nötig. Aus „Vinyl“ könnte durchaus noch etwas Besseres werden.