Vinyl 1x10

Dass die HBO-Dramaserie Vinyl mit ihrer ersten Staffel hinter den Erwartungen sämtlicher Beteiligter - Produzenten, Senderchefs und Zuschauer - zurückgeblieben ist, dürfte ein offenes Geheimnis sein. Von der ersten Verkündung, dass sich Regielegende Martin Scorsese und Rocklegende Mick Jagger zusammenschließen würden, um eine Serie über die vielleicht spannendste Zeit der New Yorker Musikgeschichte zu machen, bis zur Ausstrahlung der Finalepisode Alibi entwickelte sich die Euphoriekurve kontinuierlich nach unten.
An excuse for bad behaviour
Aus Sendersicht wurde dafür bereits ein Schuldiger ausgemacht: Showrunner Terence Winter wurde nach Fertigstellung der ersten Staffel entlassen. Ersetzt wird er für die bereits bestellte zweite Staffel durch den TV-Newcomer Scott Z. Burns, der sich mit den Drehbüchern zu Filmen wie „The Informant!“ und „The Bourne Ultimatum“ empfehlen konnte. Ob er es jedoch schafft, die Arbeit eines erfahrenen Mannes wie Winter zu verbessern, darf zumindest angezweifelt werden.
Genau dieser große Erfahrungsschatz ist es auch, der die Nachricht über Winters Entlassung so überraschend machte. Nicht nur war Winter der engste Mitarbeiter im Team von „Sopranos“-Schöpfer David Chase, er bewies auch mit seiner Arbeit als Showrunner von Boardwalk Empire, dass er eine fesselnde Geschichte erzählen kann, die an der Kreuzung von Fakt und Fiktion angesiedelt ist. Genau diese Verschmelzung ist jedoch eine der Schwächen von Vinyl. Wo sich historische Figuren in „Boardwalk Empire“ noch mühelos unter die fiktiven mischten, wirkt in „Vinyl“ jeder Auftritt eines realen Rockstars (der von einem Schauspieler gespielt wird) wie der hilflose Versuch, Aufmerksamkeit zu generieren.
In der Auftaktepisode versucht Richie Finestra (Bobby Cannavale), einen Deal mit Led Zeppelin einzutüten, später folgen Auftritte von Alice Cooper, Elvis Presley, den Ramones, Kool DJ Herc, John Lennon und vielen weiteren Megastars der damaligen Zeit, deren Namen auch heute noch jeder kennt, der sich auch nur ein bisschen für Musik interessiert. Deren grandiose Musik, an die wir durch ihre Gastspiele zwangsläufig denken müssen, ist denn auch ein Stolperstein für die ersonnene Kunst der Serie - und das ist kein Wunder, erscheint es doch wie ein unmögliches Unterfangen, die Nasty Bits am Reißbrett zu etwas so Coolem wie The Who oder die New York Dolls zu machen.

Es gibt Ausnahmen von dieser Beobachtung. Die Nasty Bits hören sich nicht immer grausam an, wobei der Song, mit dem sie am Ende beim Publikum ankommen, so weit weg von Punk ist wie Heino von einem Auftritt im Berghain. Ihr Manager Lester Grimes (Ato Essandoh) darf sich indes über die beste Szene der gesamten Staffel freuen, in der er seinen rotzlöffeligen Protegés die wichtigsten Gitarrenakkorde zeigt. So gut die Szene auch ist, so traurig stimmt sie gleichzeitig, zeigt sie doch auf, welch großes Potenzial dem Format innewohnt.
Those who say, don't know
Noch trauriger ist, wie mit der interessantesten Figur der Serie umgegangen wird. In Lesters Handlungsbogen treffen gleich zwei bedauerliche Entwicklungen aufeinander. Er wurde von Richie Finestra einst hintergangen, weil dem das eigene Fortkommen wichtiger war als die Karriere des ersten Künstlers, den er jemals unter Vertrag genommen hatte. Bezahlen musste Lester dafür mit der eigenen Stimme - ein Souvenir der Mafiosis, mit denen sich Richie eingelassen hatte. Wäre es genau umgekehrt gelaufen - eine Serie ohne Mafiosis, dafür mit einem singenden Lester - hätte „Vinyl“ wohl mehr Spaß gemacht.
Im Vergleich zur Vernachlässigung des begabten Bluesmusikers wiegt das Festhalten am Mafiaplot ungleich schwerer. Wer aus der ungewöhnlich großen Produzentenschar (insgesamt sind es 15) dafür verantwortlich ist, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen, wenngleich sich Martin Scorsese angesichts seiner Vorgeschichte schnell an die Spitze der Verdächtigenliste setzt. Wer auch immer hier das letzte Wort hatte, ist zweitrangig - wichtig ist, dass dieser Handlungsstrang der Serie dramaturgische Fesseln ans Bein gebunden hat.
Der Mord an Buck Rogers (Andrew Dice Clay) am Ende der Pilotepisode und die nachfolgende Verwicklung mit Pate Galasso (Armen Garo) ist das letzte Mosaikstückchen in der Vervollständigung des klischeehaften Antihelden. Die Charakterzeichnung von Richie Finestra ist das größte Problem der Serie, weil sie sich einerseits damit begnügt, ihm sämtliche Antiheldenklischees anzuhängen, ihm gleichzeitig aber kaum eine identifikationswürdige Eigenschaft zuschreibt. Wo Tony Soprano witzig und ein stellenweise liebevoller Familienvater war, wo Walter White intelligent und Don Draper der Beste in seinem Job war, ist Richie nichts von alledem.

Es dauert bis zur Finalepisode, bis wir endlich eine Ahnung davon bekommen, warum Richie ein guter Musikmanager ist. In den neun Episoden davor sehen wir ihm jedoch pausenlos dabei zu, wie er seine Familie vernachlässigt, seine Kollegen und Freunde beleidigt, Frauen herabwürdigt und sich absurde Mengen Kokain in die Nase jagt. Die Glorifizierung des „Bolivian Marching Powder“ erreicht ein beinahe lächerliches Niveau - ganz so, als wollten uns Jagger, Winter und Konsorten unbedingt davon überzeugen, wie toll es ist, ständig high zu sein.
Those who know, don't say
Nun erwarte ich von einer HBO-Serie selbstredend keine Lektionen über die Gefahr des Konsums harter Drogen, eine differenziertere Betrachtung wäre aber durchaus wünschenswert gewesen. Gleiches gilt für die Darstellung der weiblichen Charaktere, was in der Finalepisode besonders deutlich hervortritt. Richies Ehefrau Devon (Olivia Wilde) tritt darin gar nicht mehr auf, obwohl ihr Handlungsbogen zum Ende der Staffel endlich eine vielversprechende Richtung eingeschlagen hatte. Davor durfte sie lediglich die gehörnte Ehefrau mimen.
Die ehrgeizige Aufsteigerin Jamie (Juno Temple), eine der besten Figuren der Serie, wird indes zum dämlichen Blondinchen reduziert, das es natürlich nicht lassen kann, mit gleich zwei Mitgliedern der Bits in die Kiste zu springen. Für ihre engelsgleiche Geduld mit den - ausschließlich männlichen - Punkgören wird sie von Richie schließlich dadurch honoriert, dass sie ihren Job behalten, die von ihr entdeckte Band aber nicht mehr managen darf. Der einzige Lichtblick in dieser Hinsicht ist Andrea Zito (Annie Parisse), die sich bald nach ihrer Anstellung als fähigere Führungskraft herausstellt als all ihre männlichen Counterparts.
Wenngleich es an der ersten Staffel von Vinyl viel zu kritisieren gibt, ist lange nicht alles schlecht. Mancher Gastauftritt einer historischen Figur - wie der von Andy Warhol (John Cameron Mitchell), der mehr ist als ein reines Gimmick, oder der von CBGB-Gründer Hilly Kristal (David Vadim) - funktioniert sehr wohl. Überdies wird die herausragende visuelle Umsetzung von ebenso hinreißenden schauspielerischen Leistungen komplementiert, die nicht nur ein Wiedersehen mit vielen bekannten HBO-Gesichtern bringen, sondern den Figuren trotz ihrer Holzschnittartigkeit auch Leben einhauchen.
Und dann ist da natürlich dieser fantastische Soundtrack, der sich niemals auf altbekannten Hits ausruht, sondern stets auch weniger geläufige Songs großer Künstler hervorkramt. Ganz am Ende schaffen es sogar die Nasty Bits, sich im Vergleich nicht anzuhören wie eine pubertierende Schulband. Die Musik ist es denn auch, die in der zweiten Staffel unbedingt im Vordergrund stehen sollte, handelten die besten Szenen der ersten doch nie von Kokain oder der Mafia oder dem Mord, sondern von ebenjenem Gefühl, das Richie am Ende so treffend beschreibt: „Every generation is full of lost, fucked-up kids who need to hear that they are not alone.“
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 18. April 2016(Vinyl 1x10)
Schauspieler in der Episode Vinyl 1x10
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