Vikings 5x04

© jorn (Alexander Ludwig) in „Vikings“ (c) History
Erinnern wir uns doch mal ganz kurz gemeinsam an die allerersten Folgen des Historiendramas Vikings zurück. Die Welt war klein und überschaubar. Ein junger Wikinger namens Ragnar (Travis Fimmel) hatte Träume und Ziele, die ihn früher oder später an fremde Orte führen würden. Episode für Episode, Staffel für Staffel wuchs „Vikings“. An Charakteren, an Schauplätzen, an seinem epischen Ausmaß. Skandinavien, England, Frankreich, Spanien - regelmäßig wurden Grenzen überschritten und neue Gefilde entdeckt. In der aktuellen fünften Staffel erreicht dieser Trend nun seinen vorzeitigen Höhepunkt, nicht umsonst hat Serienmacher Michael Hirst im Vorfeld stolz zu Protokoll gegeben, dass seine Wikinger-Saga so groß und gewaltig ist wie niemals zuvor.
Damit ist aber eben nicht nur das epische Ausmaß von gigantischen Schlachten oder die komplexe Konstellation an diversen Charakteren gemeint. Die Welt der Wikinger an sich öffnet sich auch in Staffel fünf weiter, denn neben all der brachialen Action, den spannenden Ränkespielen und gnadenlosen Machtkämpfen ist „Vikings“, sofern es denn will, auch nach wie vor eine klassische Abenteuerserie, die die Figuren und uns Zuschauer stets mit neuen Welten und unterschiedlichen Kulturen konfrontiert. Dieser Aspekt des Historienformats wird nun in The Plan mal wieder besonders deutlich unterstrichen, wie die Geschichte um Abenteurer Bjorn (Alexander Ludwig) zeigt.
The force of fate
„The Plan“ deckt darüber hinaus aber auch jede andere Facette der Serie ab, was Vor- und Nachteile mit sich bringt. Zum einen ist die thematische Komplexität sowie die Vielfalt der verschiedenen Handlungsstränge und deren Inhalte ein Fest für jeden, der tiefer in die bunte Mischung an Charakteren und Dramen eintauchen möchte. Zum anderen ist es jedoch eine Herausforderung, bei all den Ereignissen, die uns von Skandinavien über England und Island bis nach Sizilien und schon bald Nordafrika führen, den Überblick zu bewahren. So besteht die Gefahr, dass man sich ein wenig verzettelt, was ich „The Plan“ aber nur bedingt vorwerfen möchte.
What lies ahead
Im Großen und Ganzen findet man eine sehr ordentliche Balance zwischen all den Geschichten dieser Episode, auch wenn ich persönlich den Eindruck habe, dass Hirst ganz schön am Rudern ist, um alle Bälle in der Luft zu halten. Wir schauen überall mal etwas kürzer, mal etwas länger rein, was natürlich dem Plot an den unterschiedlichen Handlungsorten hilft, um in Bewegung zu kommen und größere, zukünftige Ereignisse anzustoßen. Man könnte also sagen, dass Michael Hirst wie viele seiner Charaktere ebenfalls einen Plan schmiedet, wenn nicht sogar jetzt schon die erste Phase eines solchen einläutet. Darunter leiden eventuell ein paar der sonst so starken Charaktermomente, im Sinne der Geschichte ist Hirst aber gewillt, dieses Opfer zu bringen.
Fangen wir bei Bjorn an, der in den ersten drei Episoden der fünften Staffel sehr wenig zu sehen war und nun mit seiner Reisegruppe erstmals im größeren Umfang in Erscheinung tritt. Die Ankunft Bjorns im mediterranen Raum und seine ersten Schritte in dieser für ihn fremden Welt haben einen überraschend persönlichen Effekt auf mich. Man sieht ihm seine Abenteuerlust und nahezu kindliche Begeisterung ob all der der neuen Dinge, die ihn erwarten, an. Die Ungewissheit schreckt ihn nicht ab, sie lockt ihn. Und irgendwie spricht mich diese Vorfreude Bjorns auf das Neue und das Ungewisse an. Alexander Ludwigs Augen funkeln geradezu, wenn er in die Ferne blickt und Bjorn sich ausmalt, was da alles auf ihn zukommen könnte. Gefahren, Reichtümer, Wissen, Erfahrungen, egal was. Nie war Bjorn mehr Sohn seines Vaters Ragnars als in diesem Augenblick. Dieses Gefühl sowie Bjorns ansteckende Vorfreude übertragen sich wunderbar auf mich als einfacher Beobachter.

All things change
Im byzantinischen Sizilien angekommen (gedreht wurde dafür in dieser Staffel unter anderem in Marokko in Städten wie Erfoud, Ouarzazate oder auch Errachidia) dürfen wir erst einmal über die sehenswerten Sets staunen, während Bjorn eine wichtige Lektion nach der anderen von seinem Dolmetscher und Informanten Sinric (Frankie McCafferty) lernt. Erstens: Nichts ist so, wie es scheint. Der Kommandant über die byzantinische Festung hat diesen Posten nur inne, weil ihm dieser von einem viel mächtigeren, einflussreicheren Emir aus Nordafrika übergeben wurde. Und dessen Bekanntschaft möchte Bjorn nun schnellstmöglich machen. Zweitens: Die Welt befindet sich permanent im Wandel. Gestern existierte das weltumspannende römische Reich noch, heute spielt es keine Rolle mehr. Die Machtkämpfe der Wikinger, die Kriege untereinander und mit den Engländern sind doch eigentlich nur kleine Tropfen in einem riesigen Fass, das den gesamten Erdball darstellt.
Bjorn scheint fasziniert von dieser Perspektive und passt sich dementsprechend an. Furchtlos und weltoffen stürzt er sich in dieses Abenteuer, etwaige Ambitionen und das Streben nach Macht fesseln ihn ja eh nicht mehr. Je mehr ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee von Michael Hirst, Bjorns Ausflug in ferne Ländereien den internen Streitigkeiten der Wikinger sowie dem Konflikt mit den Engländern gegenüberzustellen. Dieser Handlungsstrang bietet nicht nur Abwechslung, sondern stellt in gewisser Weise auch eine Hommage an diese eine Facette in Vikings dar, die auch das Leben Ragnars bestimmt hat, der jahrelang unsere Hauptfigur war. Ja, man verbindet die Serie gerne mit gewissen Attributen, vor allem die Brutalität wird dabei gerne hervorgehoben. Aber „Vikings“ kann einen nach wie vor auch mit all seinen unterschiedlichen Schauplätzen, dem Drang nach Freiheit und simpler Abenteuerlust verzaubern.
Speaking in riddles
Das haben wir zuletzt ebenfalls bei Floki (Gustaf Skarsgard) gesehen, der stellvertretend für uns Zuschauer das „Wunderland der Natur“ Island entdeckt hat und zu dem Schluss gekommen ist, dass dies nur die Heimat der Götter sein kann, so anmutig, mystisch und ehrfurchtgebietend dieser Ort doch ist. Erneut werden wir mit wundervollen Aufnahmen verwöhnt, die Floki so klein und unbedeutend erscheinen lassen vor all den atemberaubenden Kulissen, die Island zu bieten hat. Interessanterweise schlägt die Handlung um den gläubigen Schiffsbauer nun einen anderen Weg ein, als ich erwartet hatte. Er will diesen fabelhaften Ort nämlich nicht für sich alleine beanspruchen und fasst den Plan, mehr Menschen hierher zu bringen. Wohin dieser Plot führen wird, ist nicht abzusehen, mit der neuen Richtung wirkt man möglicherweise aber dem Risiko entgegen, dass Floki zum Alleinunterhalter verkommt, was irgendwann ein wenig dröge werden könnte.
Humble servants
Fragt sich nur, ob Floki Erfolg haben und wenn ja, wer ihm ins „Land der Götter“ folgen wird. Floki hat hier Frieden gefunden und kann im Einklang mit seinen nordischen Gottheiten leben. So, wie sich Bjorn freigemacht hat und nun fern der Heimat seinen eigenen Weg geht, so hat sich Floki von seinem alten Leben gelöst und sich vollends den nordischen Göttern hingegeben. Wer von all den anderen Charakteren, die wir kennen, wäre bereit, das gleiche Opfer zu bringen? Meine ehrliche Einschätzung: niemand. Sie alle, ob Lagertha, Ubbe und Harald in Skandinavien oder Ivar in England, sind in einem ewigen Kreislauf gefangen, aus dem einige von ihnen womöglich gar nicht ausbrechen wollen. Sie alle verfolgen Pläne und Ambitionen, Frieden zu finden wäre viel zu einfach. Das Spielchen, wer wen wie ausstechen kann und wie sich Macht permanent verschiebt, wird nie ein Ende haben. Und das ist fast schon tragisch.
Schauen wir uns nur einmal das Leben von Lagertha (Katheryn Winnick) an, einer der dienstältesten Charaktere in dieser Serie. Was hat sie nicht alles durchgemacht. Und der Teufelskreis wiederholt und wiederholt sich. Eine Allianz mit Ubbe (Jordan Patrick Smith) gegen Harald (Peter Franzen) ist schnell geschlossen, doch wie sicher ist dieses Bündnis? Sogleich wird wieder intrigiert, diesmal von Ubbes Ehefrau Margrethe (Ida Nielsen), die sicherlich selbst gerne auf dem Thron Platz nehmen möchte. Die ausgebuffte Lagertha erkennt den möglichen Verrat sofort und macht eine klare Ansage. Aber täusche ich mich oder sehe ich da in Lagerthas Gesicht nicht auch eine Spur von Frustration, dass es doch immer wieder das Gleiche ist? Macht korrumpiert und der Mensch ist in dieser Hinsicht extrem anfällig. Aus einem kleinen Funken kann ein großes Feuer werden und oft ist am Ende der Größenwahn nicht weit. Wir sehen es bei Ivar, bei Harald, ja selbst ein Aethelwulf ist davor in gewisser Art und Weise nicht gefeit.

The beginning of the end
Dadurch, dass in The Plan über die Handlungsstränge von Floki und Bjorn (wobei auch hier ein Rückfall in alte Muster noch nicht ausgeschlossen werden sollte) aufgezeigt wird, dass es auch eine andere Lebensweise in der Welt von Vikings gibt, fällt umso deutlicher auf, wie trist und martialisch doch all die anderen Geschichten um die Figuren in Vikings sind. In Skandinavien kommt es zum munteren Stühlerücken, Allianzen werden geknüpft, zum Beispiel auch zwischen Harald und Astrid (Josefin Asplund) in Form einer Hochzeit, langfristig gesehen wissen wir aber bereits jetzt schon, was uns erwartet: Krieg. Ein weiterer blutiger Machtkampf. Neue Intrigen und Verrat. Mehr Leid. Der Anfang vom Ende, wie es der Seher so treffend formuliert.
Ob beabsichtigt oder nicht, Hirst wechselt in „The Plan“ immer wieder zwischen eher optimistischen auf der einen und recht pessimistischen Blickwinkeln auf der anderen Seite hin und her. Diese Dualität ist spannend zu beobachten und trägt natürlich zur Komplexität der Serie bei, die den Charakteren immer wieder Optionen gibt, ihre Leben entscheidend zu verändern, gleichzeitig aber auch durchscheinen lässt, dass sich manche Dinge nie ändern werden und manch einer dem bekannten, gnadenlosen Trott nicht entkommen kann und vielleicht auch gar nicht will. Ivar würde ich zum Beispiel der letztgenannten Beschreibung zuordnen, merkt man ihm doch an, dass er als Anführer der Wikingerarmee in England mittlerweile vollkommen in seinem Element ist und einfach immer mehr möchte.
The force of fate
Während Hvitserk (Marco Ilso) an seiner Entscheidung zweifelt, sich Ivar und nicht Ubbe angeschlossen zu haben, und auch noch von seinem jüngeren Bruder verspottet wird, ist dieser nun erstmals richtig gefordert. Die Engländer wollen die Wikinger in York nämlich von der Außenwelt abschneiden und sie systematisch verhungern lassen, was auch gelingt. Es liegt an Ivar, passende Gegenmaßnahmen zu ergreifen und tatsächlich hat er mal wieder einen perfiden Plan im Köcher. An dieser Stelle muss ich jedoch ein wenig schimpfen. Es kommen bei mir nämlich ein paar Erinnerungen an frühere Staffeln hoch, in denen die englischen Truppen immer wieder von den Nordmännern aufs Glatteis geführt wurden. Anfangs konnte man dies noch damit entschuldigen, dass die Invasoren unbekannt waren und die Engländern von deren Vorgehensweise und Methoden schlichtweg überrumpelt wurden. Im Laufe der Serie kam es dann jedoch immer wieder zu Szenen, in denen die Gegner der Wikinger meiner Ansicht nach viel zu naiv und kurzsichtig agierten. Und ganz ähnlich sieht es hier aus.
The wicked
Ausgerechnet Aethelwulf (Moe Dunford), der es von allen eigentlich am besten wissen sollte, hat er doch schon so manche Schlacht gegen die Wikinger geschlagen, trifft hier einige seltsame Entscheidungen. Der Grund dafür ist sein Ego, fühlt er sich doch von Heahmund (Jonathan Rhys Meyers) in seiner Autorität untergraben. Aber dabei hat der Kriegerbischof - auch wenn sein Gefasel von irgendwelchen göttlichen Visionen sich so anhört, als hätte er nicht mehr alle Kettenglieder an der Rüstung - völlig Recht. Warum so ungestüm voranpreschen und nicht erst noch weitere Informationen einholen, wie es wirklich gerade in York aussieht? Oder wartet halt einfach noch etwas länger ab, so wie es Heahmund vorschlägt. Ivar spielt mit seinen Feinden und führt Aethelwulf hinters Licht, der seine Truppen schnurstracks (wenn auch etwas vorsichtiger als noch in Homeland) in die Stadt führt, in der aller Voraussicht nach die Pest oder was auch immer (ein weiterer Hinterhalt zum Beispiel) auf sie wartet, was die Erfolgschancen der Engländer wahrscheinlich nur noch weiter dezimieren wird.
Aethelwulf begeht diesen Fehler, damit Heahmund als Charakter kompetenter und fähiger wird. Aethelwulfs Verhalten ergibt aber eigentlich keinen Sinn, falscher Stolz hin oder her. Und das ist schade, weil man sich doch bestimmt eine smartere Möglichkeit hätte einfallen lassen können, das Profil von Heahmund zu schärfen, ohne dass die Engländer blindlings in die nächste Falle von Ivar tappen. Natürlich unterstreicht man damit auch noch mal die Raffinesse und den Einfallsreichtum von Ivar. Wenn seine Gegner sich aber selten dämlich anstellen, welchen Wert hat das dann im Endeffekt? Anders gesagt: Einem Kleinkind kann man ohne Mühe seinen Lutscher abnehmen. Und so fühlt sich das Kräfteverhältnis zwischen Engländer und Nordmännern hier an. Das ist eigentlich der einzige Punkt, der mich in The Plan richtig stört. Ansonsten nimmt Michael Hirst die verschiedenen Themen seiner Serie hier sehr gut auseinander, wodurch interessant aufgezeigt wird, was alles in dem Format steckt. Nicht, dass man es vergessen hätte. Es ist aber schön, von Zeit zu Zeit mal wieder daran erinnert zu werden.
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 14. Dezember 2017(Vikings 5x04)
Schauspieler in der Episode Vikings 5x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?