Victoria 1x08

Victoria 1x08

Der royale Trend im fiktiven Seriengeschäft hält an: Noch vor The Crown präsentierte ITV das Historiendrama Victoria über die gleichnamige, junge Königin Englands aus dem 19. Jahrhundert. Auch in Deutschland ist die sehenswerte Serie mit Jenna Coleman in der Hauptrolle nun angekommen.

Jenna Coleman als Königin Victoria I. in „Victoria“ / (c) ITV
Jenna Coleman als Königin Victoria I. in „Victoria“ / (c) ITV
© enna Coleman als Königin Victoria I. in „Victoria“ / (c) ITV

Schwer wiegt der Kopf, der die Krone trägt. Augenblick mal, das hatten wir doch dieses Jahr schon! Genau, in The Crown, dem vorzüglichen Historiendrama über Queen Elizabeth II., mit dem Streamingriese Netflix uns Anfang November begeistern konnte. Ein paar Monate davor schickte sich der britische Fernsehsender ITV aber an, dem US-amerikanischen VoD-Unternehmen mit einer eigenen, königlichen Serienproduktion zuvorzukommen. So feierte im August dieses Jahres die von Buchautorin Daisy Goodwin erdachte und geschriebene Serie Victoria ihre Premiere in Großbritannien, wo das Format sehr ordentlich (acht Millionen Zuschauer bei der ersten Episode, im Schnitt circa 7,5 Millionen pro Folge) aufgenommen wurde.

Zum Weihnachtsfest kommen nun auch die „Royals“-Fans hierzulande in den Genuss, der jüngsten Königin in der Geschichte Englands dabei zusehen zu können, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Thron erklomm und sich tapfer allen Widerständen stellte.

Sky hat die achtteilige erste Staffel seit dem 25. Dezember im Programm (auch über Sky Go, Sky On Demand und Sky Ticket vefügbar) und jeder, der die Möglichkeit hat, „Victoria“ über diese Wege abzurufen, sei dies ans Herz gelegt. Denn nicht nur diejenigen, die die Historie des englischen Adels mit Interesse verfolgen, dürften hier an der richtigen Adresse sein. Serienschöpferin Daisy Goodwin hat eine aufschlussreiche, mit vielfältigen und -schichtigen Charakteren gefüllte Serie geschaffen, die sehr gut die Balance zwischen lehrreicher Geschichtsstunde und packendem Drama hält.

Gloriana Hallelujah

Victoria“ funktioniert perfekt als eine Art companion piece zu Netflix' „The Crown“, wobei ersteres zeitlich in zweierlei Hinsicht vor der opulenten Serienproduktion über das Leben der nach wie vor amtierenden englischen Königin anzusiedeln ist. Zum einen war „Victoria“, wie bereits erwähnt, einige Wochen vor „The Crown“ zu sehen. Zum anderen stellt die Protagonistin in der ITV-Serie die Ururgroßmutter von Elizabeth II. dar und wirkte im 19. Jahrhundert, das nachträglich nicht ohne Grund als das „viktorianische Zeitalter“ Englands bezeichnet wird, da sich das Land unter der Regentschaft der über 60 Jahre lang im Amt befindlichen Königin in einem stetigen, wirtschaftlichen Aufschwung befand.

Wer nun nach „The Crown“, die weitaus prominenter beworbene und kostspieligere Serie, in „Victoria“ reinschaut, der wird nicht herumkommen, festzustellen, dass zum Beispiel die Unterschiede beim verfügbaren Budget (die erste Staffel von „The Crown“ kostete immerhin mehr als 100 Millionen US-Dollar) deutlich erkennbar sind.

Auch die ganz großen Namen in der Darstellerriege sucht man bis auf ein paar Ausnahmen vergebens. Das macht „Victoria“ aber mitnichten zu einer abgespeckten Discounterversion der Mammutproduktion von Netflix. Das Format entdeckt nach einem verhaltenen Beginn recht flott seine eigenen Stärken in der mit vielen talentierten, wenn auch nicht allzu bekannten Darstellern bestückten Besetzung sowie in den mitunter sehr persönlichen Geschichten der verschiedenen auftretenden Charaktere.

ITV
ITV - © ITV

No ordinary woman

Den absoluten Fixpunkt der Serie macht selbstredend die titelgebende Hauptfigur Königin Victoria I. aus, zwischen der und ihrer bekannten Ururenkelin Elizabeth einige Parallelen erkennbar sind. Victoria wurde mit gerade einmal 18 Jahren zur Königin von England und musste sich infolgedessen nicht nur wegen ihres zierlichen Körperbaus, sondern auch aufgrund konservativer Ansichten ihrer männlichen Zeitgenossen immer wieder gegen verschiedenste Widrigkeiten durchsetzen.

Ob es nun Gegenwind aus ihrer eigenen Familie und ihrem engsten Kreis an Vertrauten gewesen ist oder ob die Politiker des englischen Parlaments beim Amtsantritt der jungen Königin und mit Blick auf ihre Fähigkeiten Bedenken hatten: Victoria gab nicht klein bei und prägte folglich als Regentin eine Epoche des industriellen und wirtschaftlichen Fortschritts. Und all das, während sie in jungen Jahren große Verantwortung übernehmen, viele Opfer bringen und unzählige schwere Entscheidungen treffen musste.

Ähnlich wie in The Crown von Netflix ist es in Victoria teilweise hochspannend mit anzusehen, wie aus einem kleinen, unschuldigen, wissbegierigen Mädchen eine geforderte Königin wird. Diese lernt Tag für Tag neue Aspekte ihrer Aufgabe, meistert diese auf eigene Art und Weise, macht aber natürlich auch Fehler, die dann wiederum bestraft werden.

The little queen

In der aus Doctor Who bekannten Jenna Coleman, Jahrgang 1986 wohlgemerkt, hat man eine sehr gute Besetzung Victorias gefunden, deren sehr jugendlicher, unerschrockener Charakter eine wunderbar treibende Kraft in dieser Serie darstellt. Wenn man um unsere „Heldin“ herum immer wieder besserwisserische, alteingesessene Herren mit weißen Backenbärten sieht, die der unerfahrenen Königin einreden wollen, was sie darf und kann und was sie nicht darf und kann (vor allem letzteres), dann ist es erfrischend, wenn sich Victoria bestimmt, aber auch gerne mal frech durchsetzt und selbstbewusst ihren Weg verfolgt. Dieser Weg hat die echte Victoria am Ende zu einer der beliebtesten Regenten mit einem gewaltigen wirtschaftlichen und kulturellen Vermächtnis gemacht.

Support

An Victorias Seite lassen sich hier aber auch genügend Fürsprecher finden, die in ihr das fleischgewordene Potential eines neuerlichen Aufschwungs des britischen Imperiums erkannten - eine Entwicklung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch eintraf und mit Sicherheit noch Thema in der Serie sein wird. Denn letztere wurde bereits um eine zweite Staffel verlängert. Sie schließt mit der Geburt von Victorias erster Tochter ab.

Zu Beginn der Staffel steht das bedeutende Verhältnis zwischen der Königin und dem damaligen Premierminister Lord Melbourne (ein exzellent aufgelegter Rufus Sewell - der Typ Schauspieler, der immer gut ist, egal, wo er auftritt), eine Art Vaterfigur und ein wichtiger Berater für sie in jederlei Hinsicht, im Mittelpunkt. In der zweiten Staffelhälfte verlagert sich der Fokus mehr auf einen weiteren wichtigen Faktor in der Persönlichkeitswerdung Victorias: die Ehe mit ihrem Gatten Albert (Tom Hughes).

Die innige, wenn auch anfangs etwas holprige, dann jedoch für beide Seiten sehr erfüllende Beziehung des jungen Königspaars (er wurde auch 1819 geboren, die Hochzeit fand 1840 statt) ist ein weiterer erfolgsbringender Aspekt des Dramas. Wo Victoria deutlich offenherziger erscheint, präsentiert sich Albert reservierter, wenn auch keinesfalls weniger abenteuerlustig.

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ITV - © ITV

The young prince

Die auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Eheleute verbinden beim genaueren Hinsehen viele Gemeinsamkeiten. Das unermüdliche Streben nach Wissen, bedingungslose Hingabe zueinander, ein Durchsetzungsvermögen gegen all die Stimmen, die ihnen ihre Positionen nicht zutrauen. Und, so kitschig es klingen mag: aufrichtige Liebe. Goodwin und ihre Regisseure investieren viel Zeit in diese Charakterbeziehung und es zahlt sich aus, fiebert man doch alsbald mit dem Paar mit.

Jedoch bleiben sowohl Victoria als auch Albert eigenständige Charaktere mit persönlichen Problemen, denen sie sich alleine stellen müssen und bei denen sie letztlich Unterstützung vom jeweils anderen erfahren. Sei es bei Alberts Kampf um Respekt und seiner Suche nach seiner Funktion innerhalb der Institution der englischen Krone oder Victorias frustrierender Einsatz dafür, eben nicht nur als Legehenne eines potentiellen Erben angesehen zu werden, sondern eben auch als das, was sie ist: eine der mächtigsten Frauen der Welt.

Zu guter Letzt profitiert Victoria davon, dass hier schlichtweg das getan wird, was in jeder guten Serie Pflicht sein sollte: Man nimmt sich ausnahmslos Zeit für die Charaktere. Und damit sind nicht nur die prominentesten unter den vielen auftretenden Figuren gemeint. Nein, auch der Haus- und Hofstaat, der die junge Königin umgibt, wird immer wieder ins Rampenlicht gerückt, selbst, wenn das zwischendrin nur kurz passiert.

Diese Perspektive macht aber das Salz in der Suppe aus und dürfte so einige Serienkenner an eine andere, bekannte und beliebte ITV-Serie erinnern, namentlich Downton Abbey. Die Handlung der Serie gibt den Charakteren ausreichend Zeit, sich zu entfalten, so, dass wir sie sehr gut kennenlernen. Wir erfahren von ihren persönlichen Zielen und ihren Träumen und können uns so letztendlich auch mit dem einen oder anderen identifizieren.

She did it her way

Es ist auf dem Papier eine sehr einfache Erfolgsformel, doch viele andere Serienproduktionen scheitern immer wieder daran, dass man sich als Beobachter für die Charaktere und das, was passiert, wirklich interessiert. Nicht so in „Victoria“, egal, wie banal mancher Handlungsbogen auch sein mag. Vieles kann man dem Format nicht vorwerfen, außer vielleicht, dass man sich sehr gerne dem großen Melodram und einer wahrscheinlich schon fast unvermeidbaren Theatralik hingibt. Viel fehlt dann nicht mehr zu einer klassischen Geschichte von Jane Austen, in der komplexe Beziehungsgeflechte, Eifersüchteleien und intrigante Machtspielchen auf der Tagesordnung stehen. Ebenso wie die eine oder anderen Momentaufnahme, die von überdramatischem Herzschmerz bestimmt ist.

In Victoria treibt man es in dieser Hinsicht jedoch nie auf die Spitze. Dankenswerterweise, möchte man meinen, braucht es das auch gar nicht. Die Serie zeichnet neben vielen anderen positiven Punkten eine geerdete Grundfassung aus, während sich die Macher hinter der Serie und alle Beteiligten oft genug selbst bewusst sind, wie absurd das gesamte royale Getue doch sein kann. Ebenso, wie hilfreich es sein kann, gelegentlich dem einfachen Spaß zu frönen. Diesem Beispiel folgt man als Zuschauer doch gerne und so kann man sich von dem Historiendrama schlichtweg sehr gut unterhalten lassen.

Trotz immer wieder ernsten Themen ist das Format nämlich alles andere als stocksteif, ein Risiko, das in diesem Genre immer gegeben ist. Und ganz nebenbei ist es eine Freude, der gut erzählten Geschichte zu folgen und mehr über eine der bedeutsamsten Persönlichkeiten aller Zeiten im englischen Adelshaus sowie über ihr komplexes Leben zu erfahren.

Trailer zu „Victoria“:

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 29. Dezember 2016
Episode
Staffel 1, Episode 8
(Victoria 1x08)
Titel der Episode im Original
Young England
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Sonntag, 9. Oktober 2016 (ITV)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 30. Dezember 2016
Autor
Daisy Goodwin
Regisseur
Oliver Blackburn

Schauspieler in der Episode Victoria 1x08

Darsteller
Rolle
Tom Hughes
Daniela Holtz
Peter Firth
Adrian Schiller
Eve Myles
Nigel Lindsay
David Oakes

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