Vice Principals 1x09

Es dürfte nicht wenigen ähnlich wie mir ergangen sein, die nach der Pilotepisode von Vice Principals, einer von HBOs jüngsten Versuchen im Bereich der Comedyserien, noch nicht recht wussten, woran sie bei der launigen, oftmals unflätigen Serie von Jody Hill und Hauptdarsteller Danny McBride eigentlich sind. Auch die zweite Folge gab nicht wirklich Aufschluss, wohin die Reise für die Geschichte über zwei skrupelbefreite Konrektoren im Kampf um den prestigeträchtigen Posten des alleinigen Schulleiters an einer Highschool irgendwo in South Carolina hinführen würde.
Sieben Episoden und ein irrsinniges Staffelfinale später wissen wir: „Vice Principals“ hat seinen Weg gefunden. Das immer wieder unbeschreiblich chaotisch anmutende und bitterböse Format profitierte nach kleineren Problemen zu Beginn der Staffel von einer recht einfachen Erfolgsformel. Die beiden Serienschöpfer Hill und McBride, bereits das kongeniale Duo hinter der beliebten Kultcomedy Eastbound & Down, setzen nach einem offensichtlich sehr auf Krawall gebürsteten Auftakt ihr Vertrauen in die Charaktere und warten zwischenzeitlich mit überraschend viel Herz sowie Gefühl auf. Das konnte man sich zu Beginn von „Vice Principals“ eigentlich so gar nicht vorstellen.
Von außen betrachtet bleibt die HBO-Comedy (hierzulande über Sky On Demand, Sky Go und Sky Online zu sehen und im Herbst dann auch auf Sky Atlantic HD) im Laufe der ersten Staffel stets die abgefahrene, kein Blatt vor den Mund nehmende Show, die dahin geht, wo es wehtut. Zu welchen Ideen sich die beiden Vizeschulleiter Neal Gamby und Lee Russell (Walton Goggins) aufschwingen, um ihre Konkurrenz in Person der nimmermüden, hartgesottenen Dr. Melinda Brown (Kimberly Hebert Gregory) zu eliminieren, grenzt an Wahnsinn.
Herausragend eingefangen werden die wilden Eskapaden unserer „Helden“ zu kleinen visuellen Meisterleistungen (Run for the Money, die vierte Episode, in der ein großes Footballduell zweier verfeindeter Schulen ansteht, sticht hier heraus). Diese werden mit so viel Sorgfalt und Ideenreichtum inszeniert, dass es ein wahres Fest ist, Regisseur Jody Hill bei der Arbeit zusehen zu dürfen.
Dieser beweist ein ausgezeichnetes Händchen für optimales Timing, den passenden Einsatz von Slow-Motion-Aufnahmen oder einfach das Gespür für den richtigen Moment, einen Cut zu setzen, um eine Szene oder gar eine ganze Episode zu beenden. Man füge noch einen oftmals pulsierenden Soundtrack hinzu, der sich Anleihen an der Synthpopära der 1970er Jahre nimmt, und fertig ist eine Comedyserie mit schrecklich simpler Prämisse, die aber dennoch mitreißen, faszinieren und ungemein fesseln kann.
Grund dafür ist aber nicht nur diese dynamische, ungemein unterhaltsame Inszenierung. „Vice Principals“ schafft das, woran viele Serie scheitern und uns deshalb recht schnell wieder am Allerwertesten vorbeigehen. Hill und McBride gelingt es, dass wir uns für die Charaktere in „Vice Principals“ interessieren und mit ihnen fühlen, selbst wenn manch einer von ihnen alles andere als sympathisch ist.

Das beste Beispiel dafür ist Neal Gamby selbst, mehrfach unerträglich in seiner Art und Weise, wie er sich aufspielt, aber, wie sich immer wieder zeigt, ein im Kern guter Kerl, der selbst nicht so recht weiß, ob er manchmal vielleicht zu weit geht. Diverse Szenen, in denen er einfach nur ein sorgender Vater sein will, gehen zu Herzen, und auch sein ständiges Hin und Her zwischen einem fiesen, von seinem Kollegen Lee Russell angestifteten Saboteur und einem von Gewissensbissen geplagten, ehrlichen Typen, der die gar nicht mal so verkehrte Melinda Brown ganz gut verstehen und sich mit ihren Zielen als Direktorin identifizieren kann.
Dr. Brown ist wie Neal Gamby ebenfalls ein Charakter, für den man gerne Folge für Folge zur Serie zurückkehrt. Dies liegt zum einen an dem nicht zu erschütternden Auftreten der promovierten Pädagogin und an ihrer Unerschrockenheit, ein paar Dinge umzukrempeln.
Zum anderen ist es aber auch die wunderbare Kimberly Hebert Gregory, die mit so viel Selbstbewusstsein und Energie (vor allem in den letzten Zügen der Staffel) ihrer Figur Leben einhaucht, während diese mit privaten Problemen zu kämpfen hat, die manch einen komplett brechen würden. Auch daher rührt Gambys Respekt für seine neue Chefin, erkennt er doch Parallelen zwischen seinem und Dr. Browns Familienleben und wie falsch es doch eigentlich ist, dieser derartig übel mitzuspielen, um ihren Posten zu ergattern.
Der von Walton Goggins gespielte Lee Russell fällt in diesem Trio da schon am meisten ab, auch wenn in einer kleinen Fokusepisode das unbefriedigende Dasein dieses Charakters beleuchtet wird. Zumeist ist Russell aber einfach nur böswillig und egoistisch, was ihn ein wenig eindimensional macht. Glücklicherweise ist aber auf Goggins Verlass, der in jedweder Form eine Bereicherung ist und seine Antagonistenrolle mit Bravour ausfüllt.
Unser klassischer Protagonist bleibt ohnehin die gesamte Zeit über Neal Gamby, dem man etwas Zweisamkeit mit Lehrerkollegin Amanda Snodgrass (Georgia King) absolut gönnt, man sich aber im nächsten Moment fragt, warum er denn oftmals aus unerfindlichen oder banalen Gründen ein so unfaires Ekel sein muss. Selbstzweifel, Verlustängste und persönliche sowie berufliche Tiefschläge haben Gamby geprägt. Dass es anders gehen kann, zeigt das Staffelfinale, in dem eine schöne Szene zwischen Gamby und dem neuen Mann seiner Exfrau ersterem ein wenig die Augen öffnet.
Doch Neal Gamby bleibt bis zum Schluss der Staffel wankelmütig. Letztlich zieht er seinen anfangs mit Russell gefassten Plan gegen Dr. Brown durch, auch wenn etwas widerwillig. Die Aussicht auf den Direktorenposten war aber stets sein Antrieb und er triumphiert letztlich. Der Preis, den er dafür bezahlt, könnte aber zu hoch sein. Nachdem sein und Russells Wagen in Flammen aufgehen, wird er von einer vermummten Gestalt niedergeschossen. Die Rache Melinda Browns? Oder spielt ihm Lee Russell übel mit, der das Amt des Schuldirektors nicht teilen will? Die Auflösung gibt es im nächsten Jahr...
Bis dahin sollte jeder, der Interesse an einer durchaus derben, expliziten, großartig in Szene gesetzten Comedy mit unerwartet viel Charme und überraschend herzlichen, subtilen Momenten hat, einen Blick in das kurzweilige Vice Principals riskieren.
Trailer zur ersten Staffel der US-Serie „Vice Principals“:
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 24. September 2016Vice Principals 1x09 Trailer
(Vice Principals 1x09)
Schauspieler in der Episode Vice Principals 1x09
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