Valkyrien: Review der Pilotepisode der EntertainTV-Serie

© ast der Serie „Valkyrien“ (c) EntertainTV Serien
Ab heute wird es auf EntertainTV Serien nordisch-kriminell. Die norwegische Produktion Valkyrien startet nämlich auf dem Streamingdienst. Von vielen Medien mit dem Vergleich mit Breaking Bad geadelt, braucht die Scandi-Noir-Serie dennoch etwas, um den Zuschauer für sich zu gewinnen. Aber wenn man erst mal drin ist, hat man eine intelligente Serie für sich entdeckt, die schwer zu beschreiben ist, was jedoch am Ende nur zu ihrem Vorteil erscheint.
Worum es geht
Ravn (Sven Nordin) ist Arzt in einem Krankenhaus, genauso wie seine Frau Vilma (Pia Halvorsen). Auch zu seiner Stieftochter Siv (Ameli Isungset Agbota) hat er ein gutes Verhältnis. Alles könnte so schön bleiben, bis Vilma erkrankt. Für den Anfang bleibt unklar, was genau ihr fehlt, aber wir erfahren, dass es dieselbe Krankheit ist, an deren Forschung sie im Krankenhaus gearbeitet hat. Als Expertin auf dem Gebiet ihres eigenen Leidens will sie das Medikament, an dem sie arbeitet, an sich selbst anwenden. Aufgrund fehlender Zulassungen weigert sich die Chefin der Station jedoch, das zu genehmigen. Leif wertet das als Feigheit wegen des eigenen Jobs und kündigt auf der Stelle. Auf der Beerdigung treffen wir ihn wieder, als er in seiner Trauerrede erklärt, dass Vilma sich selbst umgebracht hat, indem sie in die Wildnis eines Fjordes gegangen ist. Ihre Leiche wurde nie gefunden, was besonders ihre Tochter Siv belastet.
Auf der anderen Seite der Geschichte lernen wir Leif (Pal Sverre Hagen), dessen Geschichte zunächst weniger einfach zu durchschauen ist. Er arbeitet beim staatlichen Katastrophenschutz, doch hat auch Kontakte in die Osloer Unterwelt, darunter eine Räuberbande, die jüngst in den Besitz mehrerer Millionen Norwegischer Kronen gekommen ist. Leif selbst jedoch beschäftigt sich mehr mit Wahrscheinlichkeiten als mit Reichtum. Als er bei seinem Bruder und dessen Familie zum Essen eingeladen ist, erfahren wir, dass er der einzige Beamte ist, der für das größtenteils nicht funktionsfähige Bunkersystem der Stadt verantwortlich ist. Als sein Bruder, frischgebackener Vater, erzählt, dass sie den Ofen aus dem Haus schmeißen wollen, rastet Leif aus und legt der verblüfften Familie dar, wie schnell ein fehlender Ofen zum Erfriertod des Säuglings führen kann, wenn auch nur ein paar Tage der Strom ausfallen sollte.
Kurz darauf trifft er sich mit einem Angestellten der Polizei und wir erfahren, dass die echten Bedrohungen nicht in den Konferenzräumen der Regierung abgewehrt werden, sondern meistens in kleinen Imbissen wie dem Valkyrien. Dort, wo die Mitarbeiter der verschiedenen Sicherheitsbehörden sich zu informellen Treffen verabreden und die wichtigen Informationen auf einer Vertrauensbasis austauschen - und nicht über Akten.
Am Ende von Vilmas Beerdigung laufen die beiden Stränge zusammen, als Leif im Lieferwagen vorfährt und Ravn unter den verdutzten Blicken seiner Schwiegerfamilie davonbraust. Auf der Ladefläche liegt nämlich der angeschossene Räuber, der einzige, der davongekommen ist, ohne von der Polizei erwischt zu werden. Und den muss Ravn schnellstens operieren, damit er überlebt. Der Deal zwischen Ravn und Leif führt uns nun in einen der alten Bunker, die mittlerweile keine Funktion mehr haben. Dort haben die beiden unterschiedlichen Männer eine Art Untergrundkrankenhaus eingerichtet. In dem hat auch Vilma ein Zimmer gefunden. Denn, was Leif aus der Abmachung zieht, ist zwar verzwickter, aber Ravn hat sich auf das Unterfangen eingelassen, um das Leben seiner Frau zu retten.
Wie es rüberkommt
Aus Skandinavien erwartet man im Moment vor allem atmosphärische Krimis und gut gemachte Politdramen. Die Serie Valkyrien passt in keine dieser beiden Schubladen rein, auch wenn sie von beiden durchaus etwas abbekommen hat. Das Genre der norwegischen Produktion zu bestimmen, ist gar nicht so einfach. Auf jeden Fall mischen auch die Arztserie und die Frage nach den großen Geheimnissen hinter unserer Wirklichkeit im Hintergrund mit.
Zwischen Verschwörungstheorien und realen Gefahren trifft die Serie genau den Nerv, der uns dazu bringt, alltägliche Gefahren zu ignorieren, um überlebensfähig zu sein. Die längste zusammenhängende Friedenszeit hat uns davon abgebracht, noch wirklich Angst vor dem Krieg zu empfinden. Wir wissen nicht, wo der nächste funktionsfähige Schutzbunker ist und wenn wir Katastrophe hören, denken wir zuerst an islamistischen Terror. Doch die Gefahren mit viel höherer Wahrscheinlichkeit blenden wir aus, damit wir überhaupt das Haus verlassen. „Valkyrien“ spielt in diesen toten Winkel unserer Wahrnehmung und stellt die Frage, was eigentlich hinter den Kulissen passiert während wir uns in Sicherheit wiegen.
Zu beiden Hauptcharakteren findet man schon in der Pilotepisode dank starker Reden und emotionaler Momente Zugang, auch wenn Leif die größere Überraschung ist. Ravns moralische Grenze verläuft für den Beginn genau da, wo man sie vermuten darf. Er rettet Menschen, die gesundheitlich unmittelbar bedroht sind, aber er wird nicht müde, an die Gesetze und Grenzen der Gesellschaft zu erinnern. Er ist ohnehin nur aus Liebe zu seiner Frau in der ganzen Nummer. Doch Leif, der Katastrophenschutzbeamte mit guten Kontakten in alle möglichen Sicherheitsorgane steht mit einem Bein in der Gesetzlosigkeit, auch wenn er selbst weder mit Raub noch anderen Gewaltakten zu tun hat. Doch als harmlosen Verschwörungstheoretiker kann man ihn auch nicht abstempeln.
Fazit
Lobende Vergleiche, besonders, wenn sie sich auf eine der Kultserien der letzten Jahre beziehen, tun neuen Serien selten gut. Dass man mit dem „Breaking Bad“-Vergleich meint, dass ein Mann, der wenig zu verlieren hat, sich auf ein Abenteuer in der Schattenwelt einlässt, ist wahrscheinlich. Mit dieser Erwartung einzuschalten, ist vermutlich dennoch ein Garant für Enttäuschungen. Doch, was die norwegische Produktion mit der US-Serie gemeinsam hat, ist das Gespür für eine Veränderung in der Gesellschaft. „Valkyrien“ trifft den Nerv eines Europas, das sich so lange am Frieden erfreuen durfte, dass es gemütlich, müde und unachtsam geworden ist. In welchem die Stimmung kippt und die fetten Jahre vorbei sind. In welchem das Glück zusammenschmilzt, aber die Bedrohungen darunter erst langsam und manchmal unsichtbar aus dem Untergrund kriechen.