United States of Al: Review der Pilotepisode

© dhir Kalyan und Parker Young in United States of Al (c) CBS
Das US-Fernsehen war schon immer ein effektives Mittel, um gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Durch die Flimmerkisten drangen die vorwiegend liberalen Hollywood-Leute direkt bis zur Herzkammer des amerikanischen Durchschnittsbürgers vor. Man kann gar nicht überbewerten, wie wichtig etwa „Die Bill Cosby Show“ war, um bei Weißen rassistische Vorurteile gegenüber Schwarzen abzubauen. Oder auch, welche Bedeutung eine Serie wie Will & Grace hatte, um eine breite Akzeptanz für die LGBTQ-Gemeinde zu erreichen.
Superproduzent Chuck Lorre ist der Meister dieser Disziplin. Man muss seine Werke und seinen platten Humor nicht mögen, um anzuerkennen, dass er in den letzten 20 Jahren viel bewegt hat. Two And A Half Men hat zum Beispiel eine völlig neue Selbstverständlichkeit für Patchwork-Familien etabliert. Während Mom sich mit dem sehr schweren Thema Alkoholismus auseinandersetzt. Mit Mike & Molly wurden ausnahmsweise übergewichtige Figuren ins Zentrum gestellt. Und The Big Bang Theory hat schließlich die Nerdkultur zum Mainstream verwandelt und irgendwie auch die Wissenschaft gefeiert.
Keine dieser Serien würde man wahrscheinlich als „woke“ bezeichnen oder als besonders sensibel im Umgang mit den genannten Stoffen - zumal ein Großteil der Witze dieser Sitcoms tatsächlich auf Kosten ihrer Ausnahmehelden geht. Und trotzdem wird wohl auch Chuck Lorres neustes Format, die CBS-Comedy United States of Al, mehr für die Salonfähigkeit muslimischer Charaktere in der breiten Wahrnehmung erreichen als im Vergleich die preisgekrönte Hulu-Perle Ramy, die sowieso nur von einer speziellen Zielgruppe geschaut wird.
Worum geht's?
Die Geschichte von United States of Al - und ja, es heißt AL, also nicht wie A. I. (wäre sonst auch ein guter Titel für eine Sci-Fi-Serie) - dreht sich um die Freundschaft des US-Marine Riley (Parker Young) und des afghanischen Übersetzers Awalmir alias Al (Adhir Kalyan). Zurück in seiner Heimatstadt Columbus, Ohio setzt sich Riley dafür ein, dass auch Al nach Amerika ausreisen kann, denn in Afghanistan ist er wegen seiner Zusammenarbeit mit den Amis nicht mehr sicher. Wenn die Taliban-Terroristen ihn in die Finger kriegen, wäre er ziemlich sicher tot.
Die Serie beginnt, als Riley nach langer Zeit des Bangens Al endlich am Flughafen willkommen heißen kann. Seine Schwester Lizzie (Elizabeth Alderfer) begleitet ihn, doch Al bemerkt schnell die Abwesenheit von Rileys oft erwähnter Frau Vanessa (Kelli Gloss), die zu seiner Bestürzung nur noch Rileys Exfrau ist. Al kann nicht fassen, dass Rileys Ehe gescheitert ist und er seine Tochter Hazel (Farrah Mackenzie) kaum noch sieht. Wie schon im Krieg, will er auch hier wieder vermitteln...

Tatsächlich hat Al ein Talent dafür, sich bei allen schnell beliebt zu machen. Vor allem Rileys Vater Art, gespielt von Breaking Bad-Star Dean Norris, schließt den Gast schnell ins Herz. Das liegt vor allem daran, dass Al größten Respekt vor Älteren predigt und auch Riley sofort zurechtweist, wenn er seinen Vater wütend anfährt. Und auch mit Vanessa kann Al gut reden - ohne die geringste Scheu stellt er Rileys Leben völlig auf den Kopf. Wobei sein Freund wohl wirklich einen Weckruf braucht.
Fazit
Der Rest vom Pilot besteht aus bedauernswerten Fish-out-of-water-Szenen, die mit uralten Klischees spielen. Mal versucht Al im Supermarkt zu feilschen, mal wundert er sich über die tolle Straßen (weil die amerikanische Infrastruktur ja auch so perfekt ist). Da es sich wie gesagt um die erste Network-Serie handelt, die sich um einen muslimischen Charakter dreht, muss man vielleicht schon froh sein, dass Al immerhin keinen Fez als Kopfbedeckung trägt. Trotzdem ist es sehr enttäuschend, dass dieser einerseits große Schritt zugleich auch so ein Rückschritt ist. Dazu muss man United States of Al ja nur mit dem eingangs erwähnten Ramy vergleichen, wo das Thema viel authentischer und zeitgemäßer angegangen wird.
Außerdem stößt natürlich negativ auf, dass mit Chuck Lorre und seinen früheren „TBBT“-Kollegen David Goetsch und Maria Ferrari ausgerechnet drei Weiße den Showrunner-Posten bekleiden. Immerhin befinden sich im Writers' Room angeblich drei afghanische oder zumindest afghanisch-amerikanische Autoren - und auch zwei iranisch-amerikanische Co-Produzenten. Aufgeregt haben sich manche aber auch, dass mit Adhir Kalyan (Rules Of Engagement) ein in Südafrika geborener Schauspieler indischer Herkunft als Afghane besetzt wurde. Naja, immerhin spielt er die Figur sehr sympathisch...
Alles in allem fällt es also schwer, die Multi-Kamera-Sitcom United States of Al wirklich als bahnbrechenden Beitrag zur amerikanischen Kultur zu feiern, wozu die Serie durchaus das Potential gehabt hätte. Andererseits ist man selber schuld, wenn man mehr erwartet hatte, als Chuck Lorre bekanntermaßen abliefert. Der Produzent ist zumindest seiner Linie treu geblieben, weshalb wohl auch seine Fans Freude an dem neuen Format haben werden. Eingespielte Konservenlacher, vorhersehbare Witze und extrem einfältige Figuren ergeben wie üblich seine Erfolgsformel. Die Einschaltquoten von der Premiere bestätigen das (5,3 Millionen Zuschauer, Rating: 0.6).
United States of Al läuft seit Donnerstag, den 1. April bei CBS. Ein deutscher Sender ist noch nicht in Sicht.
Hier abschließend der Trailer zur CBS-Sitcom United States of Al: