Das Historiendrama Underground zeigt, dass ein sehr ernstes Thema durchaus schwungvoll aufgearbeitet werden kann, ohne dabei auch nur ein bisschen an Relevanz einzubüßen. Die bisweilen ungewöhnliche Art der Inszenierung sowie ein hervorragender Cast tragen ebenfalls zum gelungenen Auftakt bei.

Jurnee Smollett-Bell und Aldis Hodge in der WGN-America-Serie „Underground“ / (c) WGN America
Jurnee Smollett-Bell und Aldis Hodge in der WGN-America-Serie „Underground“ / (c) WGN America

Der amerikanische Kabel- und Satellitensender WGN America hat sich in den letzten Jahren vermehrt in den Bereich fiktiver Serienproduktionen vorgewagt und feierte zuletzt (und feiert nach wie vor) beeindruckende Quotenerfolge bei der Ausstrahlung des letzten Serienneustarts, dem Appalachen-Drama Outsiders. Während ich persönlich dem Sender immer noch nicht ganz verzeihen kann, der Historienserie Manhattan keine dritte Staffel spendiert zu haben, beobachtet man als Serieninteressierter doch recht gespannt die neuesten Entwicklungen dort, wo man sich mit der neuen historischen Dramaserie Underground nun an ein sehr polarisierendes Thema wagt, das tiefe Wunden in der amerikanischen Gesellschaft hinterlassen hat: die Sklaverei in den Südstaaten im 19. Jahrhundert.

Erdacht von Misha Green und Joe Pokaski befasst sich „Underground“ mit der sogenannten „Underground Railroad“, ein Netzwerk, das von 1780 bis zum Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs hunderttausenden Sklaven die Flucht aus ihrer Unterjochung und einen Weg in die Freiheit ermöglichte. Dabei wollen die beiden Serienschöpfer in ihrem Format sowohl den Blickwinkel der Sklaven als auch die der Sklavenhalter und Gegner der Sklaverei beleuchten. Die geplante Flucht einer Gruppe Sklaven von einer Südstaatenplantage in den sicheren Norden der Nation steht hierbei aber im Vordergrund.

Noble cause

Vor der Kulisse der aktuellen Diskussion über die immer noch währende Ungleichbehandlung von afroamerikanischen Bürgern in der US-amerikanischen Gesellschaft, legen Green und Pokaski auch mit „Underground“ erfolgreich den Finger in die Wunde und folgen einer neuer Welle an TV-Produktionen (jüngst American Crime Story, aber auch Serien wie Empire oder Black-ish), die sich mit politisch brisanten Themen befassen - wie die anhaltende Diskriminierung aufgrund ethnischer Herkunft oder Hautfarbe -, die in unserer Zeit einfach nicht totgeschwiegen werden dürfen. Das Erstaunliche an „Underground“ ist jedoch, dass man einen überraschend dynamischen Ansatz dafür findet und mitnichten wie ein biederes Historiendrama daherkommt, das uns mahnend den Zeigefinger entgegenstreckt. Ganz im Gegenteil sogar: Die Pilotepisode von „Underground“ ist eine aufregende Stunde Fernsehunterhaltung.

Aldis Hodge und Jurnee Smollett-Bell in %26bdquo;Underground%26ldquo; © WGN America
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Powerless

Allein die Eröffnungssequenz dürfte so manchen Zuschauer auf dem falschen Fuß erwischen, hätte man doch einen etwas anderen Einstieg erwartet: Zu den wummernden Klängen von Kanye Wests Erfolgshit „Black Skinhead“ (ein Metakommentar zur Prämisse der Serie in sich selbst und passend wie die Faust aufs Auge) verfolgen wir die Flucht eines unserer Protagonisten. Es geht um den afroamerikanischen Sklaven Noah, welcher letzten Endes von seinen Häschern geschnappt wird. Ein schmissiger, aufregender Auftakt, der aber gleichzeitig nicht unter den Tisch fallen lässt, wie grausam die hier gezeigte Situation ist und dass die einzige korrekte Reaktion auf diese Bilder abstoßender Ekel sein sollte.

Green und Pokaski greifen im Laufe der gut 55 Minuten, die die Auftaktfolge umfasst, immer wieder auf diese eigenwillige Kombination von mitunter schwer mit anzusehenden, sehr grafischen Bildern (beim Einsatz der Peitsche als Bestrafung dürfte manch einer wegzucken) auf der einen und dynamischen, unerwartet flotten und fast schon auflockernden Sequenzen auf der anderen Seite. Diese sorgen wiederum dafür, dass die brisante und politisch relevante Ausgangslage der Serie kaum Staub fängt und die Erzählung stets mit extrem hohen Tempo vorangetrieben wird, was „Underground“ bei all seinen ernsten, nachdenklich und wütend stimmenden Momenten sehr unterhaltsam und kurzweilig macht.

Promised Land

Der geübte Fernsehregisseur Anthony Hemingway (Shameless, American Crime Story, Treme und viele weitere bekannte Serienproduktionen) geht den Weg einer sehr lebendigen Inszenierung, seien es aufregende Kamerafahrten (gleich zu Beginn der Episode gibt es eine herrliche Aufnahme, bei der die Kamera regelrecht über ein Südstaatenanwesen fegt) oder aber auch der Einsatz von Musikstücken, die Teil aktueller Chartlisten sein könnten und zunächst nicht so recht zu den gezeigten Bilder passen wollen.

Es formt sich rein musikalisch eine originelle Symbiose aus Vergangenheit und Moderne, was wiederum gekonnt aktuelle Zustände in der amerikanischen Gesellschaft konterkariert, die sich nie wirklich von ihrer düsteren Historie freimachen werden kann und auch nicht sollte - damit die eigene, unschöne Historie auch nicht vergessen wird. Die Parallelmontage von einer edlen Geburtstagsfeier, die mit schmissigen Elektroklängen unterlegt ist, mit einer andächtigen Beerdigungszeremonie mitsamt Gemeinschaftsgesang der versammelten Sklaven steht exemplarisch dafür und führt einem beeindruckend vor Augen, wie falsch diese Welt hier eigentlich ist, die keine Fantasy darstellt, sondern leider Gottes vor einigen hundert Jahren bittere Realität war.

Deaf ears

Zugegeben, diese eigenwillige Art der Inszenierung in Underground ist ein Stück weit gewöhnungsbedürftig, wenn nicht sogar ein klein wenig irritierend. Sie gibt der Serie aber ohne Zweifel eine auffällige, audiovisuelle Note, die sofort das Interesse steigert. In der Folge werden dann ein paar gängige Mechanismen des Seriengeschäfts abgespult, wenn es um Pilotfolgen geht: Man führt zahlreiche verschiedene Charaktere ein und betreibt erst einmal recht einfache Exposition, die aber wie bereits erwähnt durch die spannende Machart gut von der Hand geht und wenig langweilt.

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Runaway

Der illustre Cast macht es einem derweil ebenfalls einfach, sich die verschiedenen Figuren einzuprägen, auch, weil die Art ihres ersten richtigen Auftritts frisch und unverbraucht ist (an einer Stelle werden drei Charaktere so etabliert, wie es in launigen Gangsterkomödien oft der Fall ist - aus „Ocean's Eleven“ wird hier „The Macon Seven“). Immer wieder schlägt das Stimmungsbarometer aber auch in die andere Richtung um, entspinnen sich doch extrem bedrohliche Situationen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Die Kunst wird sein, diese besondere Balance zwischen den beiden gegenseitigen Polen - eine aufregende Abenteuergeschichte mit den verschiedensten Charakteren versus ein realistisches Zeitdokument, das die ganze Grausamkeit der Sklaverei und die Notwendigkeit ihrer Abschaffung aufzeigt - zu halten.

Bei den Darstellern und Darstellerinnen stechen hier vor allem Jurnee Smollett-Bell und Aldis Hodge heraus. Smollett-Bell ist in ihrer Rolle der Haussklavin Rosalee etwas privilegierter als ihre Leidgenossen auf den Feldern, vermag es aber, durch einfaches Mimenspiel zu zeigen, dass sie sich wie jeder andere nach Freiheit sehnt und sich gleichzeitig selbstlos für ihresgleichen einsetzt. Hodge verkörpert derweil in Noah den proaktiveren Part dieses vermeintlichen Duos und strotzt dabei mehrfach gerade so vor ansteckender Energie. Die beiden Hauptfiguren hätten gerne noch etwas stärker ins Zentrum der Pilotepisode gerückt werden können, doch diese beschränkt sich zunächst erst einmal nur auf das Nötigste.

Politics at social occasions

Der Blick auf die andere Seite, die der weißen Sklavenhalter, fällt indes recht simpel aus. Neben der Einführung eines der wohl hassenswertesten TV-Charaktere der jüngsten Zeit (die elitäre und ekelhafte Südstaatendame Suzanna Macon), soll vor allem der Anwalt und Abolitionist John Hawkes (Marc Blucas) unsere Sympathien gewinnen. Eventuell soll er gar seinen politisch ambitionierten Bruder, den Besitzer der Sklaven, die in Underground nach Freiheit streben, davon überzeugen, die Fesseln der Sklaverei im Süden der USA zu lockern. Leider gestaltet sich die Handlung um diese Nebencharaktere etwas weniger schwungvoll im Vergleich zu den restlichen Handlungssträngen der Folge, weshalb hier gelegentlich das Interesse etwas abflacht.

Der Läuterungsmoment von Johns problembehafteter Ehefrau ist dann jedoch der notwendige Wachmacher und verbindet beide Welten, die wir in „Underground“ zu sehen bekommen, geschickt miteinander. Hier wird die Serie erstmals stark politisch und emotional manipulativ, was aber keineswegs als Kritikpunkt gesehen werden sollte. Die Welt, in der sich unsere Charaktere bewegen, schreit nach Veränderungen und darf in der Form, in der sie sich jetzt befindet, nicht weiter existieren. (Eine Sklavin bringt in einer dramatischen Szene ihr eigenes Kind um, möchte sie es doch vor einem Leben in Unterdrückung bewahren.) Für einen Moment wird es gar ein klein wenig pathetisch, doch darüber sieht man spielend einfach weg, ist es den Autoren und Regisseur Hemingway doch bis zu diesem Punkt sehr gut gelungen, mit nur wenigen expliziten Momentaufnahmen ein scheußliches Bild der Sklaverei zu zeichnen.

Troublemaker

Eine große Überraschung erwartet die Zuschauer derweil bei Christopher Melonis Charakter des August Pullman. Für diesen, der sich zum Beginn der Folge um eine entflohene Sklavin kümmert und ihr bei der Flucht hilft, hegt man zunächst große Sympathien. Die Serienmacher führen uns jedoch auf eine fiese Fährte, stellt sich Pullman im letzten Augenblick doch als skrupelloser Sklavenjäger heraus, was mit Sicherheit nicht viele haben kommen sehen. Zugegeben eine sehr reißerische Wendung, die ihre Wirkung aber nicht verfehlt und die Frage aufwirft, warum Pullman diesen Weg geht.

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Free men

Während es nun recht spannend sein wird, wie sich die Fluchtpläne von Noah und seinen Mitstreitern in den nächsten Episoden gestalten, bleibt abzuwarten, wie die Macher die verschiedenen Handlungsstränge allesamt in Einklang miteinander bringen werden. Die Geschichte um John Hawkes hat dahingehend meiner Meinung nach noch am meisten Luft nach oben, während Melonis August Pullman für meinen Geschmack sehr interessant ist. Bei ihm kann man sich nämlich auch das moralische Dilemma vorstellen, dass er die Sklaverei verabscheut und sich eine bessere Welt zum Großwerden für seinen Sohn wünscht, aber aus finanziellen Gründen (seine Frau befindet sich in sehr teurer, medizinischer Behandlung) keine andere Wahl hat als das zu tun, was ihm das nötige Geld bringt. Letztendlich denkt der Mensch immer nur an sich selbst und seine Nächsten.

Underground legt im Großen und Ganzen also einen sehr ordentlichen Start hin und kann neben einer sehenswerten Besetzung (unter anderem sind auch Mykelti Williamson und Clarke Peters zu sehen) auch dank einer vielversprechenden, spannenden Geschichte punkten, die ein klein wenig anders an das schwierige Thema Sklaverei rangeht, aber trotzdem die richtigen Töne trifft. Ich bin gespannt, in welche Richtung sich das Format entwickeln wird und ob man seinen Stil beibehalten kann. Eine große Themenvielfalt ist ohnehin gegeben, so zum Beispiel auch die Bedeutung vom Glauben in einer unmenschlichen schweren Zeit als einziger Hoffnungsschimmer. Die gelungene Mischung aus ernstem Historiendrama und mitreißend erzählter Geschichte von Menschen, die um ihre Freiheit und Gleichberechtigung kämpfen, macht zweifellos Lust auf mehr.

Trailer zur US-Serie „Underground“:

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