Uncivilized ist dramatisch, offen und ehrlich - und das gefällt mir

Uncivilized ist dramatisch, offen und ehrlich - und das gefällt mir

Die deutsche Drama-Anthologieserie „Uncivilized“ erzählt in fünf kurzen Episoden davon, wie Menschen mit postmigrantischem Hintergrund ungewollt Teil der populistisch geführten Migrationsdebatte werden - und das mit Geschick und Unterhaltungswert, wie wir in unserem Review feststellen.

Wie ist die ZDF-Serie „Uncivilized“ gelungen? Hier auf einem Serienposter.
Wie ist die ZDF-Serie „Uncivilized“ gelungen? Hier auf einem Serienposter.
© ZDF

Das passiert in der Anthologieserie „Uncivilized“

Hanau: Köln nach Hanau: Vier Jugendliche wollen sich einen schönen Abend machen, werden aber überall von Sicherheitsleuten und Türstehern abgewiesen, bis man sie sogar ungerechtfertigt des Diebstahls bezichtigt...

Ukraine: Karla hat sich zu Beginn des Ukraine-Krieges entschieden, eine Flüchtende bei sich zu Hause aufzunehmen. Als die Flüchtlingshilfe ihr unerwarteterweise einen syrischen Mann zuteilt, schiebt sie ihren türkischstämmigen Gatten vor, um abzusagen...

Nine Eleven: Während ihres Referendariats weigert sich einer von Sarahs muslimischen Schülern kurz nach dem Attentat vom 11. September 2001, an einer Schweigeminute teilzunehmen. Als die junge Lehrerin ihm zur Seite steht, hat das für beide schwerwiegende Konsequenzen...

Charlie Hebdo: Der Kunststudent Kenan stellt an der Kunsthochschule kurz nach dem Anschlag auf das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo einige seiner Werke aus und sieht sich plötzlich mit Mohamed-Karikaturen konfrontiert...

Stuttgarter Krawallnacht“: Einen Tag nach der „Stuttgarter Krawallnacht“ befindet sich Leyla auf dem Weg zu einer Bewerbung und gerät gemeinsam mit ihrem Bruder in eine Polizeikontrolle. Doch seitens der Polizei schlägt ihr Misstrauen, Angst und Überforderung entgegen...

Erschreckend ehrlich

Wer an Uncivilized mit dem Vorurteil herangeht, Serienerfinder Bilal Bahadir würde an die von ihm kreierten fünf Erzählungen lediglich mit dem Zeigefinger herangehen und bedingungslos Partei für Menschen mit Migrationshintergrund ergreifen, irrt sich gewaltig. Das ist nämlich eindeutig nicht die Ambition des Autors und Schauspielers, der übrigens auch selbst in der Serie zu sehen ist. Vielmehr versucht Bahadir, einen realistischen und ehrlichen Blick auf das nicht immer einfache Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen in einem Vielvölkerstaat zu werfen.

Entgegen populistischer Behauptungen ist Deutschland eben genau Letzteres. Das Meer an Vorurteilen ist dabei tief und unergründlich, wie die fünf kurz und knackig erzählten Geschichten unterschiedlichster Couleur beweisen. Gemeinsam haben sie im Grunde genommen nur das narrative Grundgerüst, die Erlebnisse der Protagonisten stehen indes für sich allein.

Dass die Geschichten sich möglichst nah an der Lebensrealität von Menschen mit, aber auch ohne Migrationshintergrund orientieren, die teilweise seit nunmehr fast 65 Jahren Tür an Tür leben, kann der Autor dieses Artikels aus eigener Erfahrung bestätigen. Er selbst stammt aus dem Dortmunder Norden und ist schon allein deshalb multinational aufgewachsen, weil in seiner Gegend tausende Menschen zahlreicher Volksgruppen bei Hoesch, Thyssen, der Bahn oder in anderen Industriezweigen arbeiteten. An seiner Schule sprach man Deutsch, Türkisch, Libanesisch, Kurdisch Spanisch, Griechisch, Italienisch, serbisch, Kroatisch und weitere Sprachen.

Jugendliche wie Can und seine Freunde, die an einem Freitagabend lediglich in der Kölner Innenstadt feiern wollen, aber überall auf Ablehnung stoßen, waren damals und sind bis heute traurige Realität, wobei es Bahadir gar nicht mal darauf anlegt, Schuldige zu finden. Denn die Jungs benehmen sich nicht durchgehend astrein, begehen sogar eine grobe - wenn auch unbeabsichtigte - Dummheit und zeigen sich auch sonst nicht immer im besten Licht. Das, was ihnen widerfährt, ist also durchaus nachvollziehbar, nicht jedoch, wie es geschieht. So wird ihr deutscher Freund (den sie liebevoll, aber doch diskriminierend „Kartoffel“ nennen) beispielsweise an der Eingangstür einer angesagten Disco von den Türstehern durchgewunken, während sie selbst draußen bleiben sollen.

Dasselbe Spiel wiederholt sich an der Tür einer Shisha-Bar, wo ein Security-Service ihnen vorurteilsbehaftet den Zutritt verwehrt. Die Nacht mündet schließlich in einer Beinaheverhaftung, als die Jungs in einem Park ein Paar in der Not um ein Telefon bitten und der Besitzer sich bedroht fühlt. Dabei gehen sie zwar extrem ungeschickt vor, doch es sind wieder hauptsächlich seine Vorurteile, die zu dem folgenschweren Missverständnis führen.

Besonders ansprechend ist dabei, dass die Jugendlichen sich vor der Kamera sehr natürlich bewegen und man ihnen ihre Rollen problemlos abkaufen kann. Die Sprache der Clique ist derb, Gestik und Mimik testosterongeschwängert, aber auch grundehrlich und gar nicht mal unsympathisch. So entwickelt man in den 35 Minuten der Folge „Hanau“ ein Verständnis für das Gefühlsleben der Jungs, die einerseits lediglich gegen „die Alten“ aufbegehren, sich andererseits aber auch viel zu oft von der Gesellschaft abgelehnt fühlen.

Die Kehrseite der Medaille

In „Ukraine“ dreht Bahadir den Spieß um und stellt die gut situierte Deutsche Karla in den Fokus, die eine aus der Ukraine Geflüchtete, „gerne mit Kindern“, zu Hause aufnehmen möchte. Leider hat sie beim Ausfüllen des Fragebogens allerdings vergessen, dies anzugeben, weshalb der ihr zugeteilte Flüchtlingshelfer ihr einen traumabelasteten syrischen Mann zuteilt. Den möchte Karla allerdings nur ungern zu Hause haben und wehrt sich mit Händen und Füßen. Am Ende versucht sie sogar, ihren türkischstämmigen Ehemann vorzuschieben, womit die Situation fast eskaliert.

Das Starke an der Episode ist einerseits die Verdeutlichung des Gutmenschentums einer bestimmten Bevölkerungsschicht im Land, die aber andererseits nicht einfach nur an den Pranger gestellt wird. Bahadir erkennt den guten Willen der Protagonistin fraglos an und unterstellt ihr keine Böswilligkeit. Auch ist das Verhalten der einen oder anderen Mitarbeiterin in der Vermittlungsstelle nicht immer ganz lupenrein.

Teilweise muss sie sich in recht aggressiver Weise diverse Vorwürfe gefallen lassen, wobei Hilfe nun einmal immer auf freiwilliger Basis geschieht und mit den kommunizierten Vorbedingungen des Helfenden konform gehen sollte. Andererseits ist die Frage, ob Karla wirklich helfen oder in letzter Konsequenz nur ihr Gewissen beruhigen will, absolut gerechtfertigt. Karlas Mann bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, sie müsse sich entscheiden, weil er nicht ihr „Alibitürke“ sei, den man als Beweis für angeblich nicht vorhandene Vorurteile vorschieben kann.

Geschickt ausgearbeitet

Wie man aus dem obigen Text ersieht, lässt der Serienerfinder und Autor in „Uncivilized“ also Welten aufeinanderprallen, ohne dabei irgendjemandem zu nahe zu treten. Dennoch legt er den Finger in eine große Wunde der Gesellschaft. Noch immer reden „wir“ uns viel zu oft heraus, wenn wir alte Vorurteile aufleben lassen, etwa, wenn wir in einer Fußgängerzone einer Großstadt unwillkürlich fragen, ob es denn dort auch noch „Deutsche“ gäbe. Oder, wenn wir in bester Gutmenschmanier herausposaunen, dass wir gar nichts gegen „Ausländer“ haben, solange sie nur nicht in unserer kleinen, feinen Einfamilienhaussiedlung leben und so weiter...

Es tut bisweilen weh - und soll es auch - sich selbst dabei zu ertappen, wie wir auch heute noch zu sehr in Klischees gefangen sind und dazu neigen, uns Täterprofile nach dem Racing-Profile-Muster zu basteln. Was das anbelangt, sind sich die Polizisten in der Folge „Stuttgarter Krawallnacht“ und das angebliche Überfallopfer in der Episode „Hanau“ auf geradezu erschreckende Weise ähnlich...

Fazit

Uncivilized“ zeigt auf geschickte, dramatische, aber auch unterhaltsame Weise, dass der Umgang mit muslimischen Menschen in Deutschland einiges zu wünschen übriglässt. Dabei zeigt der Serienerfinder durchaus die Probleme auf, die im Zusammenleben so unterschiedlicher Kulturen verankert sind. Doch sein Blick bleibt stets ausgewogen und auf das Ziel fokussiert, gegenseitiges Verständnis zu schaffen. In einer Zeit des hassschürenden Populismus, in der die Menschen deutsche Bürger wieder mehr nach ihrer Haar- und Hautfarbe als vielmehr nach ihrem Herzen beurteilen, ist eine Serie wie diese daher ebenso sinnvoll wie notwendig. Gut gemacht, lieber Herr Bahadir.

Von uns gibt es dafür fünf von fünf überwundene Vorurteile.

Diese Serie passen auch zu «Uncivilized»