
Rachel (Shiri Appleby; Roswell, Life Unexpected) hat gerade einen Nervenzusammenbruch hinter sich und stürzt sich in der Pilotepisode der Serie UnREAL direkt wieder in die Arbeit, die sie in den Wahnsinn getrieben hat. Das bietet uns einen zwischendurch wirklich schmerzhaften Blick in eine Welt, die sich und die Fernsehunterhaltung definitiv zu ernst nimmt. Und in der die Gefühle des einzelnen nur noch in Quoten gemessen werden können.
Worum es geht
Rachel kehrt zurück ans Set der Realityshow „Everlasting“, bei der sie hinter den Kulissen dafür sorgt, dass die Teilnehmer bei Laune bleiben. Das bedeutet jedoch nicht, sich um das Wohl derjenigen zu kümmern, die auf der Mattscheibe zu sehen sind, sondern sie mit allen Tricks und Kniffen in möglichst dramatische Momente zu bringen.
Doch beginnen wir von vorne. Einige Zeit bevor die Pilotepisode der Serie UnREAL einsetzt, hat Rachel einen Nervenzusammenbruch, rennt beim großen Showfinale ins Bild und schreit, dass diese Arbeit teuflisch sei. Wieso sie später zurück in genau diese Arbeit kehrt, versteht nicht nur ihre Konkurrentin Shia (Aline Elasmar) nicht.
Und Rachel kommt auch alles andere als glücklich daher - in einer Welt voller Verstellung und Glitzer wirkt sie düster und deprimiert. Doch ihre Chefin Julia (Constance Zimmer; Boston Legal, House of Cards) glaubt an sie und ihre Fähigkeiten, lobt ihre Killerinstinkte und ihr Talent, Drama heraufzubeschwören. Schnell erkennen wir, dass da etwas dran ist.
Während Shia unbeholfen auf eine Teilnehmerin hinzu stolpert und ihr ins Gesicht sagt, dass sie ihre Jungfräulichkeit zum Thema machen soll, nutzt Rachel die Hintergrundinformationen über die Kandidatinnen, um die Schutzmauern niederzureißen und an die wahren Gefühle zu kommen. Zuletzt zeigt sich, dass sie mit dem gleichen Fingerspitzengefühl auch die dunkle Seite in ihrem Gegenüber herauskitzeln kann.
Der Blick hinter die Kulissen bestätigt alles, was man sich schon immer von Realitysendungen gedacht hat: In einem Kontrollraum sitzt das Team um Julia, kommentiert die Ereignisse fieser als jeder Fernsehzuschauer und jede Regenbogenzeitung es könnte und nutzt jede Gelegenheit, die Showteilnehmer ins Drama zu stürzen. Und das können sie mit Leichtigkeit, weil sie aus fragwürdigen Quellen jede Menge Informationen über die Teilnehmer zusammengetragen haben. Sie wissen, dass Britney adoptiert ist und dass Faith von ihrem Ehemann geschlagen wurde. Die Menschen vor der Kamera aus dem Gleichgewicht zu bringen, ist eine leichte Übung für sie.
An die Moral denkt unterdessen niemand im Kontrollraum, doch kleine Momente zeigen uns, dass Rachel nicht die einzige ist, deren Lebensglück unter der brutalen Arbeitsumgebung leidet. Sie sind cool und sarkastisch, solange sie göttergleich vor ihren Monitoren sitzen und den anderen beim Durchdrehen zuschauen. Doch sie sind auch Menschen - und Sätze wie „We got the tears, yeah!“ fordern von jeder Seele ihren Tribut.
In der Pilotepisode der Serie UnREAL begleiten wir das „Everlasting“-Team in eine neue Staffel. Der Bachelor ist ein Schönling namens Adam Cromwell (Freddie Stroma), der davon ausgeht, alleine aufgrund seiner Herkunft und seiner Attraktivität alles zu bekommen, was er sich wünscht. Und der eine ganz besonders niedere Seite seines Charakters zeigt, als er hinter den Kulissen versucht, Rachel zu küssen, weil sie ihm Vorschriften machen will. Er hat ein bisschen Charme abbekommen und den nutzt er zu seinem Vorteil. Gefühle anderer lassen ihn kalt.
Doch er ist nicht einmal der schlimmste Mensch am Set. Die Frauen sind nach Typen gecastet worden: die heiße, aber vom Leben enttäuschte Mutter, die unsichere, liebenswert-naive Frau auf der Suche nach Zuneigung, die Zicke, die von ihren Eltern nicht geliebt wurde, und die Bikinischönheit, die genau weiß, wie man einen schlüpfrigen Kommentar einstreut, ohne dabei zu billig zu wirken. Wenn das Team die Teilnehmerinnen nicht als „Objekt“ plus Nummer bezeichnet, nutzen sie in der Regel Spitznamen wie „MILF“. Nur selten sind echte Namen zu hören - und das hat System, denn sie behandeln sie nicht, wie man Menschen behandeln sollte.
Wie es rüberkommt
Nachdem Rachel Adam mit einem Trick wieder an Bord der Show geholt hat, kümmert sie sich darum, dass die Frauen auf Linie bleiben. Das bedeutet, die Infos aus den Akten der Serienpsychologin in ernsten Gesprächen zu nutzen, um die Teilnehmerinnen an ihre emotionalen Grenzen zu bringen. Zwischendurch sieht Rachel so aus, als wenn sie sich übergeben möchte und spätestens mit der letzten Szene der Pilotepisode möchte man das auch. Wir sehen Rachel beim Abendessen, wie sie an den Monitoren verfolgt, was im Haus passiert, dazu gehören Blowjobs, Frauen, die sich übergeben, die ihren Körper auf Perfektion überprüfen, während die Chefin sich von ihrem Lover in den Armen wiegen lässt. Da kann einen selbst auch schon ein ungutes Gefühl überkommen, wenn man bedenkt, dass es beim realen Vorbild der Show und seinen zahlreichen Verwandten vielleicht nicht sehr viel anders hinter den Kulissen zugeht.
Die Pilotepisode hat auch unterhaltsame Momente, doch das Drama zieht stärker. Hier wird eine Unterhaltungssendung produziert, deren reale Vorbilder sehr erfolgreich sind. Und was wir alle schon wissen, nämlich, dass es in erster Linie um Schadenfreude und andere düstere Gelüste geht, wird in den Mittelpunkt gerückt. In der ganzen fiktiven Sendung entsteht kein aufrichtig emotionaler Moment. Als eine Teilnehmerin anfängt, über ihr Kind zu reden, wird sie im Vorfeld von Rachel so sehr manipuliert, dass sie es übertreibt. Als der Fremdschämmoment vorüber ist, holt Julia die Dame schnell aus dem Kamerasichtfeld, weil es zu langweilig wird.
UnREAL zeigt uns eine Umgebung, in der es okay ist, sich seinen niederen Instinkten hinzugeben und in der dies zu einer furchteinflößenden Verrohung führt, die allen Beteiligten, auch den Personen im Zentrum, zu schaffen macht. Auf allen Ebenen sind die Beziehungen zerrüttet, die Teilnehmerinnen schwanken zwischen Realität und Wunschbild, das Team manipuliert so sehr in den echten Leben der Teilnehmer, dass am Ende wohl niemand mehr weiß, was er wirklich fühlt.
Fazit
Wo Menschen sich selbst zu Objekten machen lassen und die Organisatoren jeden Blick für echte Gefühle verlieren - das ist die Welt des Reality-TV, wie die Macher der Serie UnREAL es sehen und wie viele von uns es wohl auch vermuten.
Die Pilotepisode ist ein überraschend emotionaler Ausflug in eine Welt, in der die Unterhaltungsindustrie sich so wichtig nimmt, dass einem schlecht werden kann. Echte Gefühle verkommen zu Quotenmagneten, selbst die kleinen Momente von Liebesglück sind manipuliert oder erlogen.
UnREAL beleuchtet das traurige Ende dieser Industrie, die Unbekannten, die sich nach ein bisschen Ruhm verzehren und dabei unter die Räder einer Maschinerie kommen, die Menschen wie Dinge behandelt. In dieser Hinsicht machen die Serienautoren ihre Sache gut, auch wenn das schon mal einen Brechreflex hervorrufen kann.
Wer das amüsante Ende dieser Welt sehen will, der sollte der Serie Barely Famous eine Chance geben, in der die Töchter des erfolgreichen Produzenten David Foster, Erin Foster und Sara Foster, Promirealityformate à la „Keeping up with the Kardashians“ gekonnt aufs Korn nehmen.
Promo zur US-Serie „UnREAL“: