Twin Peaks 1x08

Twin Peaks 1x08

Kommt mit uns nach Twin Peaks, wo der Kaffee verdammt gut ist, die Eulen nicht sind was sie scheinen und der Mord an einer jungen Frau Rätsel aufgibt. Unser Classic-Review zur ersten Staffel der Mysteryserie von David Lynch.

Willkommen in „Twin Peaks“ / (c) ABC
Willkommen in „Twin Peaks“ / (c) ABC
© illkommen in „Twin Peaks“ / (c) ABC

Eine Meilensteinserie wie Twin Peaks über ein viertel Jahrhundert nach ihrer ursprünglichen Ausstrahlung zu besprechen, ist nicht untückisch. Produktionsstandards und Sehgewohnheiten ändern sich und einem Großteil des jetzt erst dazustoßenden Publikums wird heute nicht mehr offensichtlich sein, warum die Serie so grundlegend für vieles war, mit welchen Konventionen sie brach, mit welchen sie spielte und welche sie sich aneignete. Darüber hinaus stellte Twin Peaks keinen nächsten Schritt in einem abzusehenden Trend dar. Vielmehr wurde mit Filmemacher David Lynch, der mit surrealen Filmalpträumen wie „Eraserhead“ oder „Blue Velvet“ zu verstören wusste und mit seinem einzigen Mainstream-Projekt (der Verfilmung von Fank Herberts „Dune“) scheiterte, ein unberechenbares Element in die Fernsehlandschaft injeziert. Das Ergebnis traf trotz aller Eigenartigkeiten den Zeitgeist und sollte sich für ABC auszahlen. Leider zeigte sich ab der zweiten Staffel, dass sich die gemeinsame Vision von Lynch und Co-Schöpfer Mark Frost trotz anfänglicher kreativer Freiheit den Forderungen des Networks beugen musste, was als direktes Resultat das vorläufige Ende der Serie besiegelte, die via Showtime im Mai 2017 wiederbelebt wird. Heute steht aber erst einmal die bahnbrechende erste Staffel von 1990 im Fokus.

Who killed Laura Palmer?

Der 90-minütige Pilotfilm tritt das Mysterium mit dem Fund der Leiche von Schülerin Laura Palmer (Sheryl Lee) los. Ein schaurig-schönes Bild, das ikonisch in jeder Bedeutung des Wortes ist. Die Nachricht von ihrem Tod verbreitet sich wie Feuer durch die Gemeinde der verträumten Kleinstadt und erschüttert die Menschen, als habe man eine Heilige verloren - auch wenn Laura alles andere als ein frommes Mädchen war, wie die Ermittlungen bald ergeben werden. So vergießen nicht nur Lauras Eltern Sarah (Grace Zabriskie) und Leland (Ray Wise) bittere Tränen. Immer mehr Mitglieder der Gemeinde stimmen in einen nicht enden wollenden Trauerchor ein, was trotz der Ernsthaftigkeit der Situation irgendwann unweigerlich komisch wirkt. Wieder und wieder brechen die Menschen in Tränen aus, während Angelo Badalamentis pathosreiches musikalisches Thema anschwillt und das Ganze wie eine Parodie auf die schmalzigsten Seifenopern erscheinen lässt. Sollen wir das ernst nehmen oder werden wir verschaukelt? Handelt es sich hierbei um aufrichtige Gefühle oder eine scharfzüngige Subversion von TV-Konventionen?

Laura Palmers Leiche (Sheryl Lee)
Laura Palmers Leiche (Sheryl Lee) - © ABC

Die Antwort liegt irgendwo zwischen diesen zwei möglichen Welten, denn obwohl man sich Lynch in seiner Funktion als Künstler, der die Staffelei gegen die Kinoleinwand austauschte, als verkopften Intellektuellen vorstellen könnte, haftet jedem Interview mit ihm und jedem seiner Werke etwas ungeheuer naives und aufrichtiges an, egal wie anspruchsvoll und stimulierend sein Werk am Ende dasteht. Die Begeisterung für Americana, dramatische Teenager-Gefühle und Mystery-Elemente im Sinne eines guten alten Krimis sind authentisch. Es ist nur so, dass ungefilterte Authentizität in einer zynischen Welt zuweilen ironisch aufgefasst werden kann und sich wahren Pathos kaum noch jemand leisten kann.

A place both wonderful and strange

Allerdings ist hier eindeutig etwas faul. Irgend etwas an Twin Peaks fühlt sich nicht ganz richtig an. Der Schnitt, die Bildkomposition, die obsessive Konzentration auf alltägliche Gegenstände, wie einen Telefonhörer aus welchem die Schreie der trauernden Mutter dröhnen oder ein gewöhnlicher Deckenventilator, der vor dem Zimmer der Toten unheilvoll in der Nahaufnahme surrt. Die Gesamtpräsentation fühlt sich vertraut und gleichzeitig verzerrt an. Noch ehe Lynch sich im späteren Verlauf komplett seiner Liebe für surreale Mindfucks hingibt, haftet der Serie von Beginn an etwas ungreifbar unwirkliches im Sinne eine Traumatmosphäre an. Das betont unnatürliche Schauspiel der Darstellerinnen und Darsteller tut sein übriges für diesen Effekt. Es scheint, als würden wir eine übertrieben gespielte Serie innerhalb einer Serie ansehen, in der die Charaktere zur Hervorhebung der weiteren Ebene der Fiktion gestelzt und überlebensgroß gezeichnet sind. Zu keinem Moment soll dies mit der Realität verwechselt werden. Dies ist - wie alle Filme und Serien - ein Traum aus Lügen und Licht. Nur sollen wir in diesem Fall niemals vergessen, dass es einer ist und uns dennoch (oder gerade deshalb) auf ihn einlassen.

Sheriff Truman (Michael Ontkean) und Agent Cooper (Kyle MacLachlan)
Sheriff Truman (Michael Ontkean) und Agent Cooper (Kyle MacLachlan) - © ABC

Das Twin Peaks Sheriff's Department ist glücklicherweise nicht auf sich allein gestellt, was die Ermittlungen im Fall Laura Palmer angeht, denn es ist nicht das erste Mal, dass der Mörder zugeschlagen hat. So zieht es den exzentrischen Special Agent Dale Cooper (brillant: Kyle MacLachlan) vom FBI in die Kleinstadt, der vom ersten Moment an von der Natur, dem verdammt guten Kaffee, der Kirschtorte und den Menschen von Twin Peaks begeistert ist. Keine Kabbeleien zwischen der örtlichen Polizei und den Bureau darüber, wer hier die Ermittlungsgewalt besitzt. Der stets mit seinem Diktiergerät beziehungsweise einer gewissen Diane sprechende Agent und der ehrenhafte Sheriff Harry S. Truman (Michael Ontkean) sind sofort professionelle Busenfreunde und selbst den einfältigen aber gutmütigen Deputy Andy (Harry Goaz) und die blonde Comic-Relief-Sekretärin Lucy (Kimmy Robertson) schließt er schnell in sein Herz. Ganz anders als der später eintrudelnde Forsensik-Spezialist Agent Rosenfield (Miguel Ferrer), der den Doktoren House und Cox die Rolle des taktlosen aber brillanten Spezialisten vorausnahm und rein gar nichts mit dem rustikalen Hinterwäldler-Charme anfangen kann.

Fire Walk With Me

Als erster Verdächtiger wird zunächst Lauras Bad-Boy-Boyfriend Bobby (Dana Ashbrook) ins Visier genommen, dem schnell ein Eifersuchtsmotiv unterstellt werden kann, denn Laura traf sich heimlich mit ihrer angeblich wahren Liebe, dem Softie-Biker James (James Marshall), der sie in ihrer letzten Nacht sah. Laura hatte jedoch noch einen ganzen Berg (oder zwei) weitere Geheimnisse. In der Gemeinde war sie als populäre Homecoming Queen ihrer Schule bekannt und setzte sich für mehrere gemeinnützige Zwecke ein. Nur wenig ahnten von ihrem Doppelleben, das Drogen und Prostitution beinhaltete und zahlreiche weitere Verdächtige auf den Plan ruft. So zum Beispiel den cholerischen Teilzeitganoven Leo Johnson (Eric DaRe), der Sexpartys in seiner Waldhütte mit Laura und Ronette (Phoebe Augustine), der überlebenden Leidensgenossin der Horrornacht, veranstaltete. Ebenfalls in Frage kommen der Zuhälter und Drogendealer Jaque Renault (Walter Olkewicz), der von Laura besessene Psychiater Dr. Jacoby (Russ Tamblyn), dem sie all ihre Geheimnisse anvertraute sowie der einflussreiche Hotel- und Großgrundbesitzer Benjamin Horne (Richard Beymer), dem heimlichen Betreiber des Bordells One Eyed Jacks, für den Lauras Vater als Anwalt arbeitet.

Ben Horne und sein schmieriger Bruder Jerry (David Patrick Kelly) sind darüber hinaus in ein verstricktes Komplott mit Sägewerk-Besitzerin Catherine Martell (Piper Laurie) verwickelt. Die Frau von Pete Martell (Jack Nance), der Lauras Leiche zu Beginn der Serie beim Angeln auffand, plant die Witwe ihres Bruders Andrew, die junge Schönheit Josie Packard (Joan Chen), übers Ohr zu hauen, ahnt allerdings nicht von Josies geheimer Verbindung zu Benjamin. Ein intrigantes Geflecht, das direkt aus einer Serie wie „Dallas“ oder einer Seifenoper mit immer dramatischeren Wendungen stammen könnte und die Ermittlungen im Mordfall mehrfach streift. Nicht zuletzt, weil Sheriff Truman eine Liebschaft mit Josie pflegt.

Szene aus Episode 1x03
Szene aus Episode 1x03 - © ABC

In der wieder von David Lynch gedrehten Highlight-Episode Zen, or the Skill to Catch a Killer (1x03) macht Agent Cooper seine lokalen Kollegen mit einer seiner ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden vertraut, die ihm einst in einem Traum zugekommen sein sollen. Nach und nach wird ein Verdächtiger verlesen und Cooper wirft einen Stein auf eine Glasflasche, was je nach Treffer Aufschluss über die Verbindung zum Fall Palmer geben soll. Starker Tobak für die übrigen Ermittler, auch wenn man in einer Stadt, in der Personen wie die mit ihrem Holzscheit sprechende Log Lady (Catherine E. Coulson) existieren, der Sheriff einer im Dunkeln agierenden Geheimorganisation namens Bookhouse Boys angehört und Gott weiß was in den tiefen Wäldern vor sich geht, vermutlich einiges gewohnt ist.

She's filled with secrets

Das Traumthema wird noch einmal am Ende der Episode während Coopers Fernsehgeschichte schreibender Nachtmahr forciert: Der Agent findet sich als alter Mann in einem aus roten Vorhängen bestehenden Raum wieder, wo ein kleiner Mann (Michael J. Anderson) zu Jazzmusik tanzt und Mordopfer Laura Palmer ihm (für uns unhörbar) die Identität des Killers verrät. Den unnatürlichen und unheimlichen Effekt dieser sogar von The Simpsons parodierten Szene erzielte Lynch durch rückwärts gesprochenes Schauspiel, dessen Aufnahme abermals rückwärts wiedergegeben wurde.

Der rote Traumraum
Der rote Traumraum - © ABC

Im Traum erscheint Cooper auch ein einarmiger Mann (Al Strobel), der von einem gewissen BOB (Frank Silva) berichtet, mit dem er einst gemeinsam tötete. Die unrasierte Gestalt mit den dreckigen grauen Haaren war Lauras Mutter Sarah bereits in einer Vision erschienen und gehört vor allem ab der zweiten Staffel zu einer der unheimlichsten Gestalten der Serienwelt. Faszinierend, wenn man bedenkt, dass die Figur durch einen glücklichen Unfall am Set entstand und ursprünglich nur als Killer in der internationalen (in sich abgeschlossenen) Version des Pilotfilms herhalten sollte, für die auch die rote Traumszene produziert wurde. Was wirklich hinter BOB steckt, wird schließlich mit den größten Geheimnissen von Twin Peaks zu tun haben, die nicht ganz so einfach aufzudröseln sind.

Lauras Beste Freundin Donna (Lara Flynn Boyle) stellt mit Lauras in Twin Peaks eintreffende Zwillings-Cousine Maddy (ebenfalls Sheryl Lee mit mehren unüberzeugenden Braunhaar-Perücken) und dem geheimen Freund James ihre eigenen Ermittlungen an und wird von Schuldgefühlen getrieben, denn sie und James sind ebenfalls ineinander verliebt und sträuben sich davor, ihren Gefühlen nach dem Tod von Hindernis Laura freien Lauf zu lassen. Eine Situation, die zusätzlich durch die Anwesenheit von Maddy kompliziert wird, die aus dem Gespann bald ein Liebesdreieck macht. Keine Seltenheit in Twin Peaks, wie sich herausstellt. Beispiele gefällig? Lauras offizieller Freund Bobby hat eine Affäre mit Leos Frau Shelly (Mädchen Amick), die im RR Diner für Norma Jennings (Peggy Lipton) arbeitet, deren Gangster-Ehemann Hank (Chris Mulkey) gerade aus dem Knast entlassen wurde, während sie in ihre Jugendliebe, James' Onkel Big Ed (Everett McGill) verliebt ist, dessen einäugige Frau Nadine (Wendy Robie) sich mehr für ihre geräuschlosen Vorhangschienen interessiert. Kein Wunder, dass die heimlichen Beziehungen in Twin Peaks ebenso viel Aufmerksamkeit und Beziehungsdiagramme beanspruchen wie der komplizierte Mordfall, der durch die daraus resultierenden Lügen nicht vereinfacht wird.

James (James Marshall) und Donna (Lara Flynn Boyle)
James (James Marshall) und Donna (Lara Flynn Boyle) - © ABC

Die finale Episode der ersten Season trägt den Titel The Last Evening und wurde von Serienmiterfinder Mark Frost geschrieben und inszeniert, der alle zur Verfügung stehenden Cliffhanger in die letzten Minuten der Folge quetschte. Leo Johnson wird von Ben Horne damit beauftragt, das Sägewerk aus Versicherungsgründen abzubrennen, wobei Shelly mitverbrennen soll, nachdem ihre Affäre mit Bobby aufgeflogen ist; Catherine verschwindet bei dem Feuer spurlos, während Hank im Anschluss Leo erschießt; Nadine versucht sich mit Pillen das Leben zu nehmen, Lauras Vater Leland bringt den Hauptverdächtigen Jaques im Krankenhaus um; die mit Donna und Co. zusammenarbeitende Audrey Horne geht im Bordell undercover und ist im Begriff mit ihrem Vater zu schlafen und zu guter Letzt wird Cooper von einer dunklen Figur in seinem Hotelzimmer angeschossen. Heidewitzka!

Fazit

Twin Peaks ist eine wundervolle und unwahrscheinliche Serienanomalie, ohne die es nie The X-Files, Lost, The Sopranos oder zahlreiche Qualitätsformate aus dem sogenannten Goldenen Serienzeitalter gegeben hätte. Das scheinbar in den 50s steckengebliebene Setting der nördlichen US-Kleinstadt liefert eine zeitlos anmutende Kulisse für unvergessliche und herrlich überzogene Charaktere, die in ein fesselndes Mysterium verwickelt sind, das durch David Lynchs einzigartige Handschrift und Angelo Badalamentis kongenialen Soundtrack auf eine ganze andere Ebene gehoben wird. In der zweiten Staffel wurden erhebliche Fehler begangen, da das Network den Ton angab, anstatt die Macher machen zu lassen. Die erste Staffel repräsentiert hingegen anarchisches Fernsehen, das allerfeinste TV-Unterhaltung und hohe Kunst auf traumhafte Art und Weise miteinander vereint. Auch heute noch Pflichtprogramm!

Verfasser: Mario Giglio am Montag, 1. Mai 2017
Episode
Staffel 1, Episode 8
(Twin Peaks 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Der letzte Abend
Titel der Episode im Original
The Last Evening
Länge der Episode im Original
47 Minuten
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 23. Mai 1990 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 25. Oktober 1991
Autoren
Cacey Riggan, Schuster Vance, Cacey Riggan
Regisseure
Mark Frost, Eugene Choy, Kiele Sanchez

Schauspieler in der Episode Twin Peaks 1x08

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