Turn Up Charlie 1x01

© ??Turn Up Charlie“ (c) Netflix
Turn Up Charlie ist eine seltsame Serie. Die Comedy, in die Hauptdarsteller Idris Bell (The Wire, Luther) sowohl vor als auch hinter der Kamera involviert ist, feiert am heutigen Freitag, den 15. März ihre Weltpremiere auf Netflix und möchte... Ja, was möchte diese Serie eigentlich? Nach der ersten, achtteiligen Staffel bin ich ehrlich gesagt nicht wirklich schlauer, als ich es nach der Pilotepisode des Neustarts gewesen bin. Das soll jetzt keine verheerende Kritik einläuten, sondern stellt vielmehr eine simple, fast schon wertfreie Beobachtung meinerseits dar. „Turn Up Charlie“ existiert, ist dabei weder besonders schlecht noch außerordentlich gut. Es handelt sich um eine phasenweise charmante, gelegentlich etwas abgedroschene Serie, die letzten Endes keine Bäume ausreißt, aber eben auch in keinster Weise negativ auffällt.
Was macht man also mit so einer Show? „Turn Up Charlie“ steht in gewisser Weise symptomatisch für eine Entwicklung, die man ganz allgemein in der heutigen Zeit der mächtigen, mit Millionenbeträgen um sich werfenden Streaminganbieter beobachten kann: Netflix hat in diesem Fall etwas Kohle in die Hand genommen, sich damit Idris Elba - Topstar, amtierender „Sexiest Man Alive“, Kurzzeit-Kickboxer und Traumbesetzung für jede zweite Rolle in Hollywood - gesichert, der wiederum absolute Narrenfreiheit bei der Umsetzung eines Herzensprojekts erhalten hat. Elba ist selbst ein großer Musikenthusiast und legt neben seiner Tätigkeit als Schauspieler und mittlerweile auch Regisseur regelmäßig auf - und zwar als DJ Big Driis the Londoner -, ja, wirklich!
Gemeinsam mit Co-Serienschöpfer Gary Reich und Executive Producer Tristram Shapeero (Community, Unbreakable Kimmy Schmidt) tobt sich Idris Elba im Rahmen einer lockerleichten Erzählung über das Leben per se aus. Die Prämisse ist dabei denkbar simpel: Der Londoner DJ Charlie (Elba) war früher mal eine relativ große Nummer und produzierte den viel umjubelten Toptrack L.U.V., der nur den Anfang seiner großen Musikkarriere bedeuten sollte. Jahre später hat sich Charlie als One-Hit-Wonder herausgestellt, der langfristige Erfolg ist ausgeblieben und er hält sich mit kleinen Jobs über Wasser, während es in seinem Privatleben ebenfalls nicht rund läuft. Als er auf seinen Kindheitsfreund, den mittlerweile bekannten Schauspieler David (JJ Feild), trifft, tut sich Charlie jedoch eine neue Chance auf. Davids Frau Sara (Piper Perabo) ist eine gefeierte, extrem populäre DJane, in deren Fahrwasser Charlie möglicherweise wieder an die gute alte Zeit anknüpfen könnte.
Doch es kommt anders: Ein vermeintliches Jobangebot der Eheleute hat anfangs nicht viel mit einer potentiellen Zusammenarbeit zwischen Charlie und Sara zu tun, sondern mit der kleinen Tochter der beiden, Gabby. Diese braucht eine Nanny und „Onkel Charlie“ kommt da wie gerufen. Er soll sich inmitten des Umzugsstresses und der vielen Theater- sowie Musikprojekten von David und Sara um das Mädel kümmern, eine Aufgabe, die komplettes Neuland für ihn ist. Die aufgeweckte, für ihr Alter manchmal zu smarte Gabby (Newcomerin Frankie Hervey) ist wiederum mit allen Wassern gewaschen und macht „Manny“ Charlie fortan ordentlich Beine. Was folgt, sind viele kleine Alltagsgeschichten, eine Prise Familiendrama, süffisante Späße und leichte Einblicke in die Welt des Musikgeschäfts. Wirklich viel Gewicht haben davon nur die wenigsten Momente, denn die Macher arrangieren sich bereits frühzeitig mit dem harmlosen Feel-Good-Charakter der Serie, die manchmal durchaus zu Herzen geht - und manchmal eben schrecklich banal ist...
Hier kannst Du „Luther - Staffel 5 (OV)“ bei Amazon.de kaufen

Ist Turn Up Charlie letztlich „nur“ eine Serie, die das Licht der Welt erblickt hat, weil Netflix gerne mit Idris Elba zusammenarbeiten wollte, welcher sich generell großer Beliebtheit erfreut und Zuschauer verspricht? Gut möglich. Klingt hart, ist heute aber keine Seltenheit mehr. Ein Unternehmen wie Netflix sichert sich einen Namen beziehungsweise eine Marke, erhofft sich dadurch etwas mediale Aufmerksamkeit und kann vielleicht für die nahe Zukunft weitere Projekte mit Elba realisieren (bereits 2015 kreuzten sich über Cary Fukunagas „Beasts of No Nation“ die Wege beider Parteien), dessen Arbeitserfahrungen mit Netflix sicherlich alles andere als schlecht gewesen sind. Wir bekommen nebenbei eine völlig solide, wenngleich unbedeutende Comedy aufgetischt, die vor einigen Jahren wahrscheinlich auf einem kleinen britischen Sender gelandet wäre. Aufgrund der Starpower eines Idris Elbas und der Reichweite von Netflix wird sie jetzt zumindest für ein paar Tage im Nachrichtenzyklus der internationalen Serienblase behandelt.
Irgendwie möchte man sich darüber aufregen, weil man nicht glauben kann, dass so ein Projekt grünes Licht erhalten hat, während kleinere Serienperlen mit weniger prominenter Besetzung tagein, tagaus ums Überleben kämpfen. Irgendwie hat man sich aber auch damit abgefunden, dass es mittlerweile nun einmal genau so abläuft. „Peak TV“, wie es leibt und lebt. Etwas komisch ist es allemal und ein wenig unromantisch hört es sich ebenfalls an, wenn man das Dasein von „Turn Up Charlie“ so einfach herunterbricht. Wie gesagt: Ein absoluter Reinfall ist das Format nicht. In acht Episoden entspinnen sich einige charmante Abenteuer, die sich nicht nur des lässigen, grundsympathischen Charlies annehmen, sondern auch der rebellischen Gabby, die eigentlich nur etwas Zeit mit ihren viel beschäftigten Eltern verbringen möchte. Diese merken derweil selbst mit der Zeit, was wirklich wichtig in ihrem Leben ist und dass ihre Karriere vielleicht auch mal hinten angestellt werden sollte, um sich nicht nur um Gabby, sondern auch um die gemeinsame, fragile Beziehung zu kümmern.
Eine Erkenntnis, die niemanden überrascht, doch das Drehbuch versucht auch gar nicht erst, uns mit einem besonderen Twist zu locken: „What you see is what you get“ - nicht mehr, nicht weniger. Vielleicht ist es aber auch eine unerwartete Tugend von „Turn Up Charlie“: dass alles so harmlos und gefühlt belanglos ist, dass der scheinbar gut bestückte (eine sehr wichtige Randinformation) Charlie halt versucht, sein Ding durchzuziehen, hier und da ein bisschen herumschäkert und dass sich immer wieder kleine Freuden und Dramen ergeben, die letztlich kaum nachhallen. Irgendwie macht all dies die Serie lebensnah, auch wenn es anfangs etwas irritierend ist, Alleskönner Idris Elba in einer derartig normalen Rolle zu sehen. Der Star und Produzent spielt hier aber offensichtlich gerne diesen vergleichsweise unspektakulären Charakter, für den sich Elba anscheinend nicht einmal verstellen muss. Mehr als einmal entsteht der Eindruck, der Schauspieler wäre am Tag der Dreharbeiten ans Set gestolpert und hätte dann einfach losgelegt. Dieser lockerleichte Vibe überträgt sich auf die gesamte Serie und nimmt einen als Zuschauer mit, ohne dass man emotional total involviert ist oder man das Gefühl hat, es würde eine dramaturgische Fallhöhe existieren.
Manchmal möchte die Erzählung etwas tiefer in die persönlichen Probleme der Figuren eintauchen, in ihre Lebensängste, aber auch in ihre Träume und Zielvorstellungen. Und irgendwie bekommen wir auch einen Zugang zu den Charakteren und können sie durchaus nachvollziehen. Selbst eine Subkultur wie die Londoner Musikszene wird hier und da kurz thematisiert. Das ist doch mal was anderes! Ach, lieber doch nicht. Oberflächliches Ankratzen reicht aus. Letzten Endes ist man als Zuschauer nie richtig davon überzeugt, dass die Serie die entscheidenden Meter zurücklegen will, um ihre Komfortzone zu verlassen. Das ist ein wenig schade, weil man Potential ungenutzt lässt, aber hey, scheinbar hat man sich auch gar nicht mehr vorgenommen. Es hält Turn Up Charlie zwar davor zurück, mehr als nur ein Vehikel für Idris Elba und diverse unkomplizierte Lebensgeschichten zu sein. Aber was, wenn genau das der Zweck der Übung ist? Einige dürften sich von dieser wenig ambitionierten Herangehensweise angesprochen fühlen, andere werden die generelle Sinnhaftigkeit hinter diesem Projekt hinterfragen. Und das nicht zu Unrecht. Aber wollt Ihr Idris Elba sagen, dass er nicht machen darf, was er will, wenn er von Netflix dafür auch noch gutes Geld bekommt? Eben.
Englischsprachiger Trailer zu Turn Up Charlie:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 15. März 2019Turn Up Charlie 1x01 Trailer
(Turn Up Charlie 1x01)
Schauspieler in der Episode Turn Up Charlie 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?