Tribes of Europa: Kritik zur deutschen Netflix-Serie

Tribes of Europa: Kritik zur deutschen Netflix-Serie

Ein bisschen Mad Max, ein bisschen The 100 und ganz viel Panem - circa so setzt sich die deutsche Netflix-Serie Tribes of Europa zusammen. Dabei zeigt das neue Werk der Dark-Produzenten leider die typischen Schwächen.

Henriette Confurius, David Ali Rashed und Emilio Sakraya in Tribes of Europa (c) Netflix
Henriette Confurius, David Ali Rashed und Emilio Sakraya in Tribes of Europa (c) Netflix
© enriette Confurius, David Ali Rashed und Emilio Sakraya in Tribes of Europa (c) Netflix

Bei den Münchner Medientagen 2018 rief Netflix eine neue Phase deutscher Eigenproduktionen aus, indem auf einen Streich fünf Serien der Marke „Made in Germany“ bestellt wurden (wir berichteten). Mit der Premiere von Tribes of Europa findet diese Phase nun ihr Ende, denn das dystopische Young-Adult-Drama ist das letzte noch fehlende Puzzleteil der Pentalogie, der auch How to Sell Drugs Online (Fast), Skylines, Zeit der Geheimnisse und Barbaren angehören.

(Nur der Vollständigkeit halber: Dark, Dogs of Berlin und Wir sind die Welle waren schon vorher bestellt; Biohackers wurde später angekündigt, obwohl die Serie sogar vor Barbaren und dem neuen Tribes of Europa an den Start ging.)

Dass die Netflix-Bosse Reed Hastings und Ted Sarandos einfach Connaisseure deutscher Fernseh- und Kinokunst sind und nur deshalb dermaßen auf deutsche Serien setzten, mag man sich gern einreden. Vielmehr dürfte die Entscheidung auf gewisse EU-Vorschriften zurückzuführen sein, die vom US-Unternehmen eine Förderung der lokalen Filmszene verlangen. Tatsächlich erhofften sich hierzulande manche von der damaligen Fünferbestellung eine Art neuen Marshallplan für den Produktionsstandort Deutschland, damit dieser endlich international wettbewerbsfähig wird. Wobei man sich inzwischen fragen kann, ob der Streamingservice nicht eher eine McDonaldisierung vorantreibt, statt einer Modernisierung.

Besonders das jüngste Beispiel, der Sechsteiler Tribes of Europa, schmeckt nach Junk Food, wo die Chicken Nuggets mit der Schablone ausgestanzt werden. Ab und zu kann man das machen, aber eine gesunde Seriendiät sieht anders aus...

Worum geht's?

Zunächst zum Inhalt: Die Geschichte der Serie spielt im Jahr 2074. Europa erlitt vor vielen Jahren einen verheerenden Blackout, der den Kontinent in ein anarchistisches Minenfeld aus unzähligen Kleinststaaten verwandelt hat. Solche Stämme nennen sich Tribes - und Europa nennen sie Europa, nur mit englischer Betonung. Wir lernen diese düstere Welt durch die Augen der Geschwister Elja (David Ali Rashed), Kiano (Emilio Sakraya) und Liv (Henriette Confurius) kennen. Obwohl Liv genauso gut Katliv Everdeen heißen könnte, denn der „Tribute von Panem“-Abklatsch ist kaum von der Hand zu weisen.

Die drei Jugendlichen gehören dem Tribe der Origines an, welche im Einklang mit der Natur in den Wäldern rund um Brahtok, den Ruinen von Berlin, leben. Ihr Vater, gespielt von Benjamin Sadler, ist der Stammeshäuptling; die Mutter ist natürlich tot. Zerstört wird die relative Ordnung, als eines Tages ein futuristisches Flugzeug im Origine-Gebiet abstürzt. Der Pilot gehört zu den mysteriösen Atlantiern und hat einen wertvollen Würfel im Gepäck, der angeblich über große Macht verfügen soll - ein MacGuffin, wie er im Buche steht. Als die kriegerischen Crows, angeführt von der fürchterlichen Varvara (Melika Foroutan), schließlich von all dem Wind bekommen, droht den friedvollen Origines plötzlich großes Unheil.

Oliver Masucci in Tribes of Europa
Oliver Masucci in Tribes of Europa - © Netflix

Elja will den Zauberwürfel vor den Bösen beschützen, wird aber nach dem Überfall von seiner Familie getrennt. Bald trifft der verirrte Junge den einsamen Wanderer Moses (Oliver Masucci), mit dem er einen Roadtrip startet, der durchaus ein paar Erinnerungen an „Mad Max“ weckt. Liv und Kiano erleben derweil ihre ganz eigenen Abenteuer: er als Sklave der Crows, sie als Rekrutin der Crimsons, die Europa um jeden Preis wieder vereinen wollen. Und es kommen noch viele andere Charaktere ins Spiel, verkörpert beispielsweise von Freud-Star Robert Finster, Ana Ularu, Marc Rissmann und James Faulkner.

Wie ist die Serie?

Wer die Prämisse aufmerksam gelesen hat und vielleicht sogar den Trailer zur Serie sah, dürfte bereits bemerkt haben, dass Tribes of Europa ein Potpourri zusammenstibitzter Genreklischees ist. Apokalyptische Sci-Fi-/Fantasy-Geschichten für junge Erwachsene haben längst den Büchermarkt überflutet. Im Serienbereich schien der Trend eigentlich im Vorjahr ausgeläutet zu werden, als sich sowohl The 100 bei The CW als auch das dänische Netflix-Drama The Rain verabschiedeten. Aber dass die deutschen Serienmacher den internationalen Strömungen gern hinterherhecheln, ist ja kein Geheimnis...

Wünschenswert wäre gewesen, wenn der Showrunner Philip Koch und sein Team in Tribes of Europa wenigstens eigene Akzente gesetzt hätten, statt nur das zu wiederholen, was andere längst getan haben. Allein das dystopische Deutschland der Zukunft hätte als einzigartiger Schauplatz viel Potential geboten, doch statt das anzunehmen, wird alles verenglischt, was den Machern in die Quere kommt, bis „Stämme von Europe“ nur noch albern wirkt. Da lobt man sich glatt Dark, wo die alte Bundesrepublik als Setting richtig zelebriert wurde, was wohl auch beim internationalen Publikum gut ankam. Immerhin haben sie sich ja bewusst für eine deutsche Serie entschieden, warum sollten sie also ein Imitat irgendwelcher US-Serien wollen?

Das Drehbuch der Serie ist also wirklich zum Vergessen. Und, obwohl einige Kulissen und Kostüme sehr cool gemacht sind, lässt leider auch die Inszenierung wenig Inspiration erkennen. Auffällig ist vor allem, dass die Kamera den Schauspielern meist viel zu dicht im Gesicht klebt. Den Darbietungen hat das jedenfalls nicht geholfen - eher im Gegenteil. Zum Punkt Schauspiel würde ich am liebsten gar nichts sagen, weil es einfach nur noch ermüdend ist. Zumindest Masucci macht einen guten Job, und auch die Jüngeren haben hin und wieder ihre Momente. Zum Fremdschämen ist dafür das völlig überzogene Porträt des Oberschurken, der im Kontrast selbst Dr. Evil aus der „Austin Powers“-Reihe seriös aussehen lässt.

Für die Qualität von Computereffekten, die bei einem Sci-Fi-Format nicht unwichtig ist, habe ich leider kein gutes Auge (für mich sah selbst der Troll aus „Harry Potter 1“ realistisch aus). Ich ließ mir aber sagen, dass Tribes of Europa auch hier nicht überzeugt. Wenn der Zauberwürfel etwa Projektionen in die Luft beamt, schauen die Darsteller manchmal voll daneben und so weiter...

Beeindruckt war ich davon, wie sexuell und blutig die Serie stellenweise wurde. Nicht, dass das eine Serie automatisch gut machen würde, aber zumindest kann Tribes of Europa in dieser Hinsicht ein bisschen was ergänzen, was bei The 100, einer Networkserie, absichtlich ausgeblendet wurde. Zumal diese Facetten zur rohen Atmosphäre und Authentizität beitragen. Alles in allem ist die neue deutsche Eigenproduktion von Netflix aber kaum empfehlenswert, obwohl das Finale der ersten Staffel ganz klar den Willen zu einer Fortsetzung andeutet, mit einem recht interessanten Cliffhanger...

Der Trailer zur Netflix-Serie Tribes of Europa:

Diese Serie passen auch zu «Tribes of Europa»