Die Pilotepisode der potentiellen Amazon-Serie Transparent begleitet drei Geschwister, die sich lange vor der Midlife-Crisis auf sexuelle Sinnsuche begeben. Das ist ganz nett anzusehen und erinnert in den stärksten Momenten an Wes Andersons verzwickte Familienkonstrukte.

In „Transparent“ lässt sich Ali (Gaby Hoffman) von einem Personal Trainer triezen - und genießt es. / (c) Amazon
In „Transparent“ lässt sich Ali (Gaby Hoffman) von einem Personal Trainer triezen - und genießt es. / (c) Amazon

Der Onlineversandhändler Amazon geht zum zweiten Mal in seine ganz eigene Pilot Season. Unter den zahlreichen Pilotepisoden befindet sich auch die Comedy Transparent. Darin versuchen die Mitglieder einer gut situierten Familie, sich vor allem über ihre eigene Sexualität und deren Wandel zu definieren. Das Ganze ist amüsant erzählt, kommt in gemächlichem Tempo daher und kann mit liebenswerten Hauptdarstellern aufwarten. Bildkomposition und Musikauswahl lassen weiterhin vermuten, dass sich Serienschöpferin Jill Soloway (Six Feet Under, Grey's Anatomy) am audiovisuellen Stil von Kultregisseur Wes Anderson orientiert.

This is weird

Die Handlung kreist um eine Familie in Los Angeles, die aus unterschiedlichen Charakteren zusammengesetzt ist. Dazu gehören Ali (Gaby Hoffman), die am wenigsten weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Außerdem Sarah (Amy Landecker), Hausfrau und Mutter, die in dieser Rolle nicht aufgeht und glaubt, etwas Wichtiges im Leben zu verpassen. Dritter im Bunde ist Musikproduzent Josh (Jay Duplass), der das objektiv aufregendste Leben führt, zwischen seinen zahlreichen Affären aber auch noch nicht das Glück gefunden hat.

Die Beziehung der Geschwister wird sehr realistisch dargestellt. Nur zwischen Geschwistern kann eine solche Gleichzeitigkeit aus Nähe und Distanz herrschen, nur sie schaffen es, in einem Atemzug bedingungslose Anerkennung und abgrundtiefe Abneigung auszudrücken. Sie lieben sich, das merken wir schnell. Und trotzdem flirrt die Luft nur so vor Eifersüchteleien und alte Wunden können in Sekundenschnelle aufgerissen werden.

Besonders deutlich wird dies, als sie einer Einladung ihres Vaters Mort (Jeffrey Tambor) folgen, bei ihm zu Abend zu essen. Weil er solche Einladungen selten ausspricht, gehen sie davon aus, dass er ihnen etwas Trauriges zu verkünden hat. Schnell einigen sie sich, dass er nur lebensgefährlich erkrankt sein kann, ansonsten würde er ein solches Treffen nicht anberaumen. Sofort kommen die drei auf ihr Erbe zu sprechen und beginnen sogar schon, über Steuersparmodelle nachzudenken - alles auf Basis ihrer eigenen Spekulation.

Beim Abendessen schwingt die Stimmung dann plötzlich um. Bevor Mort auch nur einen Ton sagen kann, ergehen sich seine Kinder schon in wilden Spekulationen darüber, ob er nun an Krebs erkrankt sei oder nicht. Schließlich verkündet er, dass es lebensverändernde Neuigkeiten gebe, er wolle das Haus verkaufen - an seine Tochter Sarah. Dies löst die üblichen Eifersuchtsreaktionen der übrigen Kinder aus. Josh ist sogar so empört, dass er direkt das Haus verlässt und sich in die Arme einer Freundin flüchtet.

I could use some discipline

Mort hat tatsächlich keine richtige Begründung parat, warum gerade Sarah, die doch von allen dreien sowieso schon am besten situiert lebt, das Haus vermacht bekommen soll: „Because I want to.“ Die ohne festen Job lebende Ali lässt das alles überraschend kalt, sie borgt sich von ihrem Vater lieber Geld, um über die Runden zu kommen. Für sie hat er ein paar warme Worte übrig: „Out of all my kids, you're the one. You can see me most clearly.“ Diesen setzt er jedoch einen bitteren Schlusspunkt: „Probably because we share the depression gene.

Natürlich war der Hausverkauf nicht die große Nachricht, die Mort seinen Kindern mitteilen wollte. Später finden wir heraus, dass er sich dem anderen Geschlecht angehörig fühlt und dafür eine Selbsthilfegruppe aufgesucht hat. Das ist auch der einzige Ort, an dem er seine wahren Gefühle offenbaren kann. Dort fühlt er sich frei genug, um offen über seine erwachsenen Kinder sprechen zu können: „They are so selfish.

Am Ende der Episode kommt Morts Geheimnis dann doch ans Tageslicht: Sarah entführt eine frühere Freundin von sich in sein Haus, um dort mit ihr eine Affäre zu beginnen. Dabei werden die beiden von Mort entdeckt. Josh hat währenddessen leidenschaftslosen Sex, Ali lässt sich von einem Personal Trainer anmachen. So begeben sich also sämtliche Protagonisten auf Sinnsuche in die Abgründe der eigenen Sexualität, über den Austausch mit anderen Körpern wollen sie zu sich selbst finden.

Das alles ist angenehm zurückhaltend erzählt, so dass die Geschichte nie Gefahr läuft, ins Kitschige abzudriften. Wäre schön, wenn sich die Amazon-Kundschaft ebenso dafür erwärmen könnte. Selbiges gilt für die optische Umsetzung, die in mancher Bildkomposition durchaus an den Stil des Kultregisseurs Wes Anderson erinnert.

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