Transatlantic 1x01

Transatlantic 1x01

Das historische Miniserienevent „Transatlantic“ bei Netflix erzählt die Geschichte zweier Menschen, die im von den Nazis besetzten Frankreich hunderten Menschen zur Flucht verhelfen. Dabei kommt reichlich Spannung, Dramatik und Herz vor ansprechenden Kulissen auf.

Szenenfoto aus der Serie „Transatlantic“
Szenenfoto aus der Serie „Transatlantic“
© Netflix

Das passiert

Mary Jayne Gold (Gillian Jacobs) ist mehr als ein verwöhntes amerikanisches Mädchen, das sich im unbesetzten Teil Frankreichs ein schönes Leben macht. Mit dem Geld, das ihre Familie schickt, verhilft sie Menschen zur Flucht vor den Nazis, die deren Auslieferung fordern. Dafür arbeitet sie mit dem Journalisten Varian Fry (Cory Michael Smith) zusammen, der in Marseille das „Emergency Rescue Committee“ leitet. Eines Tages lernt Mary den Flüchtling Albert (Lucas Englander) kennen, der sich gemeinsam mit seiner Schwester vor den deutschen Häschern versteckt. Mit Hilfe von Peggy (Johi May) gelingt es ihr, die beiden über die Pyrenäen zu schmuggeln, doch Albert kehrt zurück, um dem Komitee zu helfen. Doch als die Nazis die Schließung aller Häfen anordnen, wird es kompliziert.

Historisches

Es gibt böse Zungen, die behaupten, dass Deutschlands Filmemacher in Sachen guten Serien lediglich Krimiserien und Historienstoffe auf die Reihe bekämen. Dass dies nicht stimmt, beweist unter anderem Dark. Im Fall von Transatlantic trifft dieses Vorurteil aber insofern zu, als dass die Pilotfolge in Sachen Setdesign, Locationauswahl, Kostümen und Schauspiel in jeder Hinsicht zu überzeugen weiß. Für die Miniserie vom Streamingdienst Netflix hat sich das Autoren-Duo Anna Winger Deutschland 83) und Daniel Hendler (Unorthodox) an einem Roman von Julie Orringer entlanggehangelt, die sich hierzulande unter anderem mit dem Familienepos „Die unsichtbare Brücke“ (2012) einen Namen gemacht hat.

Wie Orringers Werk um die ungarisch-jüdische Familie Lévi ist auch „Transatlantic“ im Zweiten Weltkrieg verortet, wobei die Netflix-Adaption durchaus auf wahren Begebenheiten beruht. Das heute noch existierende Emergency Rescue Committee (heute: IRC) operierte seit 1940 tatsächlich von Marseille aus unter der Leitung des Journalisten Varian Fry.

In teils gewagten Aktionen rettete die Organisation mindestens 1500 geflüchteten Juden, aber auch vielen Intellektuellen wie Marc Chagall das Leben, die in den besetzten Gebieten mit dem Vermerk „meistgesucht“ auf der Fahndungsliste standen. Da die Vichy-Behörden intensiv mit den Nazis zusammenarbeiteten und zwischen 1940 und 1941 immer restriktivere antisemitische Gesetze erließen, wurde auch die Arbeit des Komitees immer gefährlicher, bis Fry im August 1941 des Landes verwiesen wurde. 1942 schloss die französische Kollaborationsregierung das Büro des ERC schließlich.

Die Inszenierung

Vor diesem ernsten historischen Hintergrund ist die Geschichte um die Egbert-Habbertton-Gold-Erbin Mary Jayne Gold, Varian Fry, dem jüdischen Flüchtling Albert Hirschmann und einige andere, mal historische, mal fiktive Persönlichkeiten herum aufgebaut. Die Inszenierung punktet dabei nicht nur mit starken Kameraeinstellungen, rund geschriebenen Figuren und einem akkuraten Set- und Kostümdesign. Erfreulicherweise wissen die Autorinnen und Autoren auch mit mitreißenden Dialogen zu überzeugen. Wenn Mary Albert fragt: „Und? Was machen Sie?“, und er daraufhin mit großer Bitternis, aber auch dem Mut des Verzweifelten antwortet: „Ich habe Wirtschaft studiert, aber jetzt fliehe ich schon so lange vor den Nazis (... als) professioneller Flüchtling (...) und Jude. Ja, und jüdisch zu sein, hat mir eigentlich nie viel bedeutet. Und heute ist es das Wichtigste an mir“, sagt das alles über den zeitlichen Kontext aus.

Mancher Dialog und manche Begegnung werden dem Publikum vielleicht die Kehle zuschnüren, andere erscheinen zunächst beiläufig, sind allerdings gut getimt und stimmig geschrieben. Winger und Hendler ersparen sich zudem ein zu „wokes“ Auftreten, das es so in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts schlicht weniger gab. Frauen wurden als schmückendes Beiwerk gesehen, die, wenn sie über Geld verfügten, höchstens spenden, aber niemals aktiv werden sollten. Entsprechend spielt Gillian Jacobs ihre Figur zwar sympathisch frech, aber auch dann zurückhaltend, wenn es gesellschaftlich angebracht scheint. In Wahrheit ist sie indes eine mutige Frau, die alles riskiert, um anderen Menschen zu helfen.

Ein bemerkenswerter Kurzauftritt findet wiederum in der Gendarmerie statt, kurz nachdem eine von Mary organisierter Flüchtlingsgruppe von der französischen Polizei gefangengenommen wurde. Mit ihrem letzten Geld bezahlt sie die Kaution für die jüdischen Geflüchteten, doch Albert wird weiterhin festgehalten, weil seine Papiere gefälscht sind. Im Büro des Stationsleiters erleben wir daraufhin einen Dialog zwischen diesem und Albert mit, in dem sich herausstellt, dass beide Kriegsveteranen sind und für Frankreich gegen die Nazis kämpften. Der Polizist erkennt im Flüchtling einen Kameraden und vergisst, dass er ihn jemals sah. So funktioniert eine schlichte, aber mitreißende Dialogführung.

Differenzierte Darstellung

Das bedeutet allerdings nicht, dass die französischen Akteure generell als gutherzige Retter dargestellt werden. Im Gegenteil beherrschen Gier, Ressentiments, Angst vor einer militärischen Intervention der Deutschen und Gleichgültigkeit das Bild von Marseille. Viele leben ihr Leben und sind froh, dass es sie nicht erwischt hat. Dass tausende Menschen ausgeliefert und damit dem sicheren Tod überantwortet werden, nimmt man hin und schaut weg. Damit zeichnet die Pilotfolge in dieser Hinsicht ein differenziertes Bild der Zeit.

Angenehm ist, dass auch die US-Amerikaner nicht durchweg gut wegkommen. So streicht Golds Familie ihr die Mittel, als sie sich weigert, nach Chicago zurückzukehren, eine Maßnahme, die nicht nur im Hinblick auf Marys Geschlecht Sinn macht. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren bis zum Überfall der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 eine tief gespaltene Nation, deren isolationistische Tendenzen unter anderem durch das einflussreiche „America First Committee“ ein Sprachrohr fanden. So bezieht die Serie immer wieder wahre geschichtliche Begebenheiten auf unaufdringliche Weise mit ein - klasse!

Fazit

Szenenfoto aus der Serie Transatlantic
Szenenfoto aus der Serie Transatlantic - © Netflix

Nicht, dass die Geschichte um Mary Jayne, Varian und Albert nicht subjektiv gefärbt wäre. Die Serie ist stark auf die Figuren fokussiert und deklariert sie zu Helden. Das mag in Teilen der historischen Wahrheit entsprechen, doch es darf letztlich nicht unter den Tisch fallen, dass das umgebende Storygerüst letztlich rein fiktiver Natur ist. Allerdings gelingt das Einweben des Narrativs in den historischen Kontext hervorragend und am Ende steht eine unterhaltsame Pilotfolge für Zuschauende, die solche Stoffe mögen. Transatlantic ist klug geschrieben und bietet eine gelungene Mischung aus Drama, Herz, Gefühl und Spannung. Gerne mehr davon. Viereinhalb von fünf Punkten.

Hier abschließend noch der Originaltrailer zur MiniserieTransatlantic“:

Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 7. April 2023

Transatlantic 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Transatlantic 1x01)
Titel der Episode im Original
Hiding Hand Principle
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 7. April 2023 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 7. April 2023
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 7. April 2023
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 7. April 2023
Autoren
Anna Winger, Daniel Hendler, Julie Orringer
Regisseure
Stéphanie Chuat, Véronique Reymond

Schauspieler in der Episode Transatlantic 1x01

Darsteller
Rolle
Lucas Arthur Englander
Ralph Amoussou
Deleila Piasko
Amit Rahav
Grégory Montel

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