Totti - Il Capitano: Kritik zur italienischen Fußballserie von Sky

© ietro Castellitto als Totti - Il Capitano (c) Sky Atlantic
Manche Serien überraschen einen so sehr, dass man einfach mal fünf Sterne geben muss. Totti - Il Capitano schien im Vorfeld wenig reizvoll, doch die Sky-Miniserie aus Italien wagt so viel mehr als man erwarten würde. Es handelt sich um eine Adaption der Autobiografie der römischen Fußballlegende Francesco Totti, der in seinem Heimatland als loyaler Kapitän von AS Rom alle Rekorde brach, die es zu brechen gab und 2006 sogar Weltmeister wurde. Doch statt auf seinen Erfolgen rumzureiten, beleuchtet Totti lieber das unwürdige Ende seiner stolzen Karriere. Dabei beweist er so viel Humor, dass man sich nicht einmal fremdschämen muss für seinen Millionärskummer.
Pietro Castellitto macht aus der Titelrolle einen einzigartigen Charakter, der als achter König Roms verehrt wird und trotzdem wie ein Gefangener in der Ewigen Stadt festsitzt. Er ist albern, unsicher und weiß aber, was er den Menschen bedeutet. Der Hauptdarsteller Castellitto verwandelt alle Vorlagen, die ihm der Regisseur Luca Ribuoli („La mafia uccide solo d'estate“) vor die Füße spielt. Dass Ribuoli die Serie so experimentell inszenieren würde, hätte wohl auch niemand erwartet. Im Lauf der drei ersten Episoden des Sechsteilers werden sogar Erinnerungen an The Young Pope wach.
Worum geht's?
Die Geschichte beginnt im Jahr 2016. Totti ist fast 40 Jahre alt und hat 27 davon im Trikot der Giallorossi verbracht. Allen Offerten zum Trotz, blieb er stets bei seiner Roma. 20 Jahre lang trug er die Kapitänsbinde - und hat mit seiner Mannschaft wie gesagt so ziemlich alles gewonnen, was es in Italien zu gewinnen gab. Aber langsam muss Totti über seinen Ruhestand nachdenken, zumal ein neuer Trainer vor der Tür steht, mit dem ihn einst eine Freundschaft verbunden hatte, die nun aber in Rivalität umschlägt. Der Name seiner Nemesis: Luciano Spalletti (Gianmarco Tognazzi).
Totti meint, dass Spalletti neidisch ist, weil die Schlagzeilen sich nur um den Startspieler, nie um den Trainer drehen. Doch er gibt auch ehrlich zu, dass sein Körper nicht mehr richtig mitmacht. In einer unfassbar lustigen Szene sieht man zum Beispiel, wie Totti in Narkose mitreden will, ob nun deutsche Qualitätsschrauben oder Billigware in sein Knie kommt. Kann der Capitano in seiner letzten Saison nochmal richtig auftrumpfen, um sein Vermächtnis im Fußball zu veredeln? Seine Frau Ilary (Greta Scarano), die schwanger ist, glaub an ihn - und kann nicht akzeptieren, dass Spalletti ihren Gemahl so demütigt.
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Auch Mamma Totti gibt Francesco Kraft. Das innige Verhältnis der beiden und besonders ihr Hadern mit dem unverhofften Reichtum, mit dem ihr dankbarer Sohn sie als alte Dame überhäuft, spielen eine zentrale Rolle in der Serie. Sie wird auch als Grund für sein göttliches Talent genannt. In einer völlig absurden Szene sehen wir, wie Signora Totti am Strand mit Babybauch von einem Ball getroffen wird und der kleine Fötus schon zum Schuss ansetzt. Auch hat sie ihn mit zum Papst genommen, damit er dem kleinen Totti einen Heiligenschein über den Kopf zaubern kann. Wie genial ist das bitte?
Wie ist es?
Solche Züge zeigen, wie berechtigt der Vergleich von Totti - Il Capitano mit der früheren italienischen Sky-Serie The Young Pope ist (die übrigens zu meinen absoluten Lieblingen gehört, was die leicht übertriebene Bewertung erklärt). Nie hätte ich zu träumen gewagt, dass sich die autobiografische Fußballserie in so viel Humor üben würde. Vorab fragte ich mich ehrlich gesagt sogar, für wen Sky die Totti-Serie überhaupt produziere, denn Hardcore-Fußballfans würden bestimmt kein sentimentales Drama über die Gefühle eines Spielers sehen wollen.
Zwar ist das Werk durchaus als Charakterstudie angelegt, aber mit einem unzuverlässigen Erzähler, der augenzwinkernd Dinge verfälscht und so für die richtige Prise Ironie sorgt, die die Selbstdarstellung erst erträglich macht. Neben dem verletzlichen Hauptdarsteller Castellitto (der in realen Fußballszenen vom echten Totti vertreten wird, den man dann aber nur von hinten oder aus der Entfernung sieht) ist vor allem dem Regisseur Ribuoli zu danken, der so erfinderisch an die Inszenierung rangeht, dass es einem manchmal die Sprache verschlägt. Dass die Serie anders wird als erwartet, merkt man gleich am Anfang, als sich Totti in eine CT-Röhre legt und visuell eins wird mit dem Universum.
Neben The Young Pope kann man zu Totti - Il Capitano vielleicht noch einen weiteren Bezugspunkt nennen, nämlich den portugiesischen Fußballfilm „Diamantino“ von 2018 (derzeit ebenfalls bei Sky streambar). Hier wird ein Cristiano-Ronaldo-Verschnitt vom Helden zum Versager der Nation und geht auf seine ganz eigene Weise damit um. Auch hier hat die Inszenierung stellenweise etwas Träumerisches, wenn der Star zum Beispiel riesige Kaninchen ausdribbelt statt menschliche Gegner. Ein echter Tripp - und so fühlt sich die Totti-Serie von Sky auch oft an. So könnte sie sogar Fußball-Muffel überzeugen. Und echte Fans sollten vielleicht eh lieber eine Doku schauen.
Hier abschließend noch der Trailer zur italienischen Fußballserie Totti - Il Capitano: