Die Auftaktepisode der Miniserie Top of the Lake startet mit gemächlichem Erzähltempo, was der atmosphärischen Dichte der Serie jedoch durchaus zuträglich ist. Großartige Landschaftsaufnahmen und lange Einstellungen komplettieren den ersten positiven Eindruck.

Mädchen geht in See. Eine denkbar einfache Grundprämisse wird in „Top of the Lake“ komplex erzählt. / (c) Sundance Channel
Mädchen geht in See. Eine denkbar einfache Grundprämisse wird in „Top of the Lake“ komplex erzählt. / (c) Sundance Channel

Langsam, aber sicher scheint sich ein Trend dahingehend zu entwickeln, dass angesehene Filmregisseure das Medium wechseln und sich für Projekte im Fernsehen begeistern. Der letzte in der immer länger werdenden Reihe war der mehrfache Oscargewinner Ang Lee, der sich für das Serienprojekt Tyrant beim amerikanischen Kabelsender FX engagieren ließ. Weitere klangvolle Namen sind Martin Scorsese (Boardwalk Empire), Michael Mann (Luck) oder Gus Van Sant (Boss).

This place is so small, we can hear each other breathing

Mit Top of the Lake hat nun die zweifache Oscarpreisträgerin Jane Campion (Regie und Drehbuch, 1994 für „Das Piano“) ihr erstes Serienprojekt vorgelegt. Schon nach wenigen Minuten der Pilotepisode wird dem Zuschauer auch ohne das Wissen über die Regisseurin bewusst, dass es sich hier um eine Autorenserie handelt. Lange, fantastisch fotografierte Landschaftsaufnahmen paaren sich mit intelligenten Dialogen, die dem Zuschauer Zeit zur Kontemplation geben. Hier soll nicht einfach nur eine klassische Crimestory erzählt, sondern vielmehr ein Gefühl für die Verstrickungen in einem Ort des ländlichen Neuseeland geschaffen werden.

Matt Mitcham (Peter Mullan) sorgt im neuseeländischen Hinterland für Angst und Schrecken. © Sundance Channel
Matt Mitcham (Peter Mullan) sorgt im neuseeländischen Hinterland für Angst und Schrecken. © Sundance Channel

Zunächst fällt es schwer, sich nach erster Sichtung ein eindeutiges Urteil über die Auftaktepisode zu bilden. Dafür passiert einfach zu wenig. Schnell dämmert es dem Zuschauer, dass es sinnvoller sein könnte, die gesamte Miniserie mit ihren sieben Episoden in einer Sitzung zu sichten, um diese intensive atmosphärische Dichte über mehrere Stunden hinweg aufrechtzuerhalten. Trotzdem sollte einiges zum Auftakt der Miniserie zu berichten sein.

Gleich zu Beginn schafft Campion ein Bild, das sich festsetzen dürfte. Die zwölfjährige Tui (Jacqueline Joe) macht sich im Morgengrauen mit dem Fahrrad auf den Schulweg. Unterwegs hält sie am See an und steigt bis zum Bauch in das eiskalte Wasser. Eine Lehrerin findet sie und bringt sie zur Schule. Dort stellt sich heraus, dass Tui schwanger ist. Im Folgenden werden die Charaktere eingeführt, die in direktem Kontakt mit dem Mädchen stehen. Dazu gehört zuerst einmal ihre Familie. Ihr Vater Matt Mitcham (Peter Mullan) ist ein hitzköpfiger Krimineller, der gemeinsam mit seinen Söhnen Mark (Jay Ryan) und Luke (Kip Chapman) die Ortschaft im Griff zu haben scheint.

Jedenfalls sieht es so aus, als würde der polizeiliche Ermittler Al Parker (David Wenham) größeres Interesse am Wohlwollen Mitchams zu haben als an ehrlicher Polizeiarbeit. Die hinzugezogene Spezialistin für Sexualdelikte, Robin Griffin (Elisabeth Moss aus Mad Men), versucht er nämlich erst einmal, mit halbseidenen Ausreden abzuspeisen. Sie drängt nämlich auf eine gründliche Ermittlung in dem mutmaßlichen Vergewaltigungsfall. Dabei stößt sie jedoch allseits auf eine Mauer des Schweigens.

You got a timebomb in there

Auch die Mutter des Mädchens, Kimmie (Michelle Ang), lässt sich trotz ihres offensichtlichen Schocks nichts Fundiertes entlocken. Deren Partner oder Freund Johnno Mitcham (Thomas M. Wright) hält sich ebenso bedeckt, wenngleich er gegen Ende der Episode auf Robin zukommt, ohne jedoch Substanzielles beizutragen. Dabei erfährt der Zuschauer, dass die beiden eine gemeinsame Vergangenheit haben, die aber nicht weiter spezifiziert wird.

Auch Robin selbst hat es mit einem schwierigen persönlichen Umfeld zu tun. Eigentlich hatte sie nur einen Kurzbesuch bei ihrer kranken Mutter Jude (Robyn Nevin) eingeplant. Der Fall von Tui und die erschreckende Tatsache, dass sich weder bei Polizei noch ihrer Familie jemand für das missbrauchte Mädchen interessiert, weckt jedoch ihren Ermittlerinstinkt. Da sie zu ihrer Mutter eine schwieriges Verhältnis hat - auch wegen deren neuem Partner Turangi (Calvin Tuteao) - entschließt sie sich dazu, in die Waldhütte ihres verstorbenen Vaters zu ziehen. Seit dessen Tod fehlt ihr gewissermaßen die männliche Identifikationsfigur. Mit der Beziehung zu ihrem per Handy mehrmals zugeschalteten Langzeitverlobten scheint sie jedenfalls auch eher unglücklich zu sein.

Ein Charakter; wie man ihn (oder sie) nicht alle Tage zu sehen bekommt: Holly Hunter als GJ in %26bdquo;Top of the Lake%26ldquo;. © Sundance Channel
Ein Charakter; wie man ihn (oder sie) nicht alle Tage zu sehen bekommt: Holly Hunter als GJ in %26bdquo;Top of the Lake%26ldquo;. © Sundance Channel

Trotzdem vermisst sie ihr Leben in der Großstadt, auch weil der Ort viele unheimliche Charaktere beheimatet. Eine der unheimlichsten ist sicherlich GJ, gespielt von der Campion-Vertrauten Holly Hunter. Sie leitet am See ein Camp für Frauen, die einen schwierigen Lebensweg hinter sich haben und auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung und der Loslösung aller irdischen Qualen sind. Dieses Lager heißt Paradise und ist nichts weiter als eine Ansammlung von Containern und Matratzenlagern. Am Ende der Episode entflieht Tui genau dorthin, weil sie sonst keine Anlaufstelle hat. Nichtmal bei der Polizei fühlt sich das Mädchen sicher.

Um das Frauenlager entspinnt sich in der Auftaktepisode der erste handfeste Streit, dem auch gleich jemand zum Opfer fällt. Matt Mitcham beansprucht das Land am See für sich, obwohl die Frauen standfest behaupten, dass sie das Grundstück legal erworben hätten. Der Immobilienmakler Bob Platt (Darren Gilshenan) hat wohl mit beiden Seiten halbgare mündliche Absprachen getroffen und sieht sich dadurch schnell im Fadenkreuz des unbarmherzigen Matt wieder. Seine Überlebenschancen dürften äußerst gering sein.

Fazit

Top of the Lake ist keine gewöhnliche Dramaserie und auch nicht als solche angelegt. Die überwältigende Zuschauerresonanz auf die sechsstündigen Komplettscreenings bei den Filmfestivals Sundance und der Berlinale zeigen, dass man die Miniserie wohl am besten im Gesamtpaket bewerten kann.

Als Einzelepisode betrachtet bietet der Pilot eine gelungene Einführung in die Geschichte, verliert sich jedoch manchmal in all seiner Kunstfertigkeit. So geraten die - zugegeben äußerst sehenswerten - Landschaftsaufnahmen teilweise zu ausführlich, die Dialoge verharren das eine oder andere Mal zu lange im Schweigen seiner Protagonisten. Die Charakterzeichnung ist wiederum äußerst gelungen. Die asoziale Familie Mitcham wird von den Darstellern ihrer Mitglieder mit einer wuchtigen Bildschirmpräsenz porträtiert. Sofort ist klar, dass mit diesen Herrschaften nicht zu spaßen ist.

Elisabeth Moss lässt ihre Robin Griffin zwischen gespielter Stärke und innerer Verletzlichkeit hin- und herwechseln und darf ihren mühsam erlernten Mix aus neuseeländischem und australischem Dialekt zur Schau stellen. An ihrer und den Frauenfiguren in Paradise will Autorin und Regisseurin Campion den immerwährenden, subtilen Machtkampf zwischen Männern und Frauen symbolisieren. Besonders deutlich wird dies in mehreren Szenen mit Polizist Parker, der von den Fähigkeiten weiblicher Ermittlerinnen offensichtlich wenig hält.

Der eigentliche, stille Hauptdarsteller in Top of the Lake ist der See selbst. In ihm, an ihm und auf ihm entzünden sich die größten Konflikte. Er bildet gleichzeitig Lebensgrundlage und für eine Person in der Auftaktepisode das Lebensende. Sämtliche Charaktere verspüren eine tiefe Bindung zu ihm. Überhaupt kommen spirituelle Elemente in der Serie nicht zu kurz. Zuvorderst ist dabei natürlich GJ zu nennen, aber auch Bösewicht Matt lässt anklingen, dass er glaubt, über spirituelle Kräfte zu verfügen. Das Erzähltempo der Miniserie lässt sich also viel Zeit zur Entfaltung, was für das aufkommende Interesse beim Zuschauer aber keinesfalls nachteilig sein dürfte. Man darf gespannt bleiben, wohin die Geschichte führt.

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