Top of the Lake 2x01

© obin (Elisabeth Moss) geht gerne alleine trinken. / (c) BBC
In vier Fernsehjahren kann viel passieren - vor allem im Zeitalter von Peak TV, in denen sich Trends viel schneller abzuwechseln scheinen als zuvor. Davon gänzlich unbeeindruckt scheint Filmemacherin und Oscarpreisträgerin Jane Campion gewesen zu sein, als sie sich genau diesen großen zeitlichen Abstand gönnte, um sich gemeinsam mit Gerard Lee eine Geschichte für die zweite Staffel ihrer exzellenten Dramaserie Top of the Lake auszudenken. Deren Auftaktepisode wurde nun bei der BBC ausgestrahlt - online ist gar schon die gesamte Staffel zu sichten.
Hello darling
Wie die neue Staffel trägt die Episode den Titel China Girl, was bereits einen deutlichen Hinweis darauf gibt, um was es gehen wird. Im Zentrum steht einmal mehr die problembelastete Mordermittlerin Robin Griffin (Elisabeth Moss), die in ihre australische Heimat nach Sydney zurückgekehrt ist. Ihre in der ersten Staffel porträtierten Erlebnisse in Neuseeland haben deutliche Spuren hinterlassen. Die geplante Heirat hat sie am Hochzeitstag abgesagt, ihr Bruder, bei dem sie untergekommen ist, gibt ihr zu verstehen, dass er das Zimmer doch gerne wiederhaben würde, und nachts träumt sie von Chimären in Kinderform.
Im Dienst läuft es auch noch nicht rund. Bei der Ausbildung neuer Rekruten lässt sich Robin allzu leicht provozieren, obwohl ihr Gegenüber - so unsympathisch er auch sein mag - gar nicht weiß, dass sie ein Trauma mit sich herumschleppt. Dieses ist zurückzuführen auf die von ihr angeleiteten Ermittlungen in Neuseeland, die zur Aufdeckung eines Kinderprostitutionsrings führten, sowie zum Einsatz ihrer Dienstwaffe gegen dessen Unterstützer Al Parker (David Wenham). Er wurde zwar verhaftet, dank der Kronzeugenregelung aber nicht verurteilt. Nun erhebt er Vorwürfe gegen Robin, ihn absichtlich und ohne Not angeschossen zu haben.
Einziger Lichtblick in diesem emotionalen Schlamassel ist Rekrutin Miranda aka „Transvestite Rocket Man“ (Gwendoline Christie), die auf Geheiß von Abteilungsleiter Adrian (Clayton Jacobson) mit der dafür nicht gerade empfänglichen Robin zusammenarbeiten soll. Deren Widerwille könnte sich angesichts Mirandas fröhlich-nerdigem Gemüt jedoch bald in Luft auflösen. Campion und Lee haben richtigerweise erkannt, dass dem dunklen Sujet der Serie eine Portion comic relief sehr gut zu Gesicht steht. Denn dunkel wird es in jedem Fall: Am Ende der Episode findet die Polizei den Koffer, den am Anfang die Betreiber eines Minderjährigenbordells entsorgten. Inhalt: eine Mädchenleiche.

Damit wäre denn auch die Verbindung zum zweiten großen Handlungsstrang der neuen Staffel geschafft. Dieser dreht sich um einen der Betreiber, den gleich beim ersten Anblick äußerst zwielichtig wirkenden Deutschen Alexander (David Dencik), genannt „Puss“. Wofür genau er im Bordell verantwortlich ist, lässt sich bislang nicht zweifelsfrei feststellen. Bei den Mädchen ist er jedenfalls ziemlich beliebt, zumindest aber der sehr rudimentäre Englischunterricht, den er ihnen zuteil werden lässt. Hoffnungslos verfallen ist ihm außerdem die Schülerin Mary (Alice Englert).
Power has to be taken
Aus dramaturgischer Sicht ein Glücksfall ist es natürlich, dass Mary just ebenjene Mary ist, deren Brief Robin wie besessen studiert. Sie gab einst die eigene Tochter zur Adoption frei. Nun wird sie nicht mehr nur in privater Mission um deren Adoptivelternhaus schleichen, sondern bald wohl auch als Teil einer Mordermittlung. Mary geriert sich jedenfalls als Postergirl renitenten Pubertierens, was im ersten gemeinsamen Abendessen ihrer Eltern und Alexander kulminiert. Die dort verkündete Nachricht, die beiden wollten bald heiraten, stößt vor allem bei Mutter Julia (Nicole Kidman), nun lesbisch, auf Unverständnis, ja blankes Entsetzen.
Die Abendessensszene sowie alle damit zusammenhängenden sind wahrlich nicht leicht zu ertragen. Mary gebiert sich nicht nur wie eine rebellierende Jugendliche, sondern bisweilen wie ein echter Satansbraten. Dass es so schwierig ist, sie einzuhegen, liegt vor allem an ihrer Frühreife und ihrem vorlauten Mundwerk, das von den Drehbuchautoren mit ebenso wortgewandten wie verabscheuungswürdigen Spitzen ausgestattet wird. Wo sie das her hat, ist nicht schwer zu erraten. Ihr Freund liebt die Provokation: „The destiny of man is to enslave women. I was a feminist.“ In den Ohren der überzeugten Feministin Julia wirkt das natürlich wie Gift.
Während sich Campion und Lee beim Dialog schon all ihren Gelüsten, all ihrem Talent hingeben, hält sich Campion als Regisseurin der ersten Episode noch ein bisschen zurück. Außer ein paar atmosphärischen Aufnahmen der alleine trinkenden Robin und mehreren wunderschönen Unterwasseraufnahmen sticht nichts Visuelles allzu deutlich heraus. Und so sehr das Drehbuch momentan auch überzeugen mag, so begrüßenswert wäre es, würde manche Charakterzeichnung fortan mit weniger breitem Pinselstrich gemalt. Vor allem Alexander ist doch ein ganz schön klischeekonformer Schmierlappen.
Viel mehr gibt es jedoch nicht auszusetzen. Mit Kidman konnte eine Schauspielerin besetzt werden, die gerade wohl zu den weltweit umworbensten zählt. Wie schon in Big Little Lies brilliert sie auch hier vom Start weg. Wir dürfen gespannt sein, was Robins Suche nach dem Mörder von „Cinnamon“ in den kommenden fünf Episoden hervorbringt. Für Hitchcock'schen suspense ist bereits gesorgt: Wir Zuschauer wissen zumindest, wer die Leiche entsorgt hat. Die Bühne ist bereitet.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 28. Juli 2017Top of the Lake 2x01 Trailer
(Top of the Lake 2x01)
Schauspieler in der Episode Top of the Lake 2x01
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