„Too Much“: Gut oder schlecht liegt im Auge des Betrachters

„Too Much“: Gut oder schlecht liegt im Auge des Betrachters

Die Pilotfolge der Romantic-Comedy-Serie „Too Much“ von Netflix mit „Hacks“-Star Megan Stalter ist frech und jung, dürfte aber nicht jeden Geschmack treffen.

Szenenfoto aus der Serie „Too Much“
Szenenfoto aus der Serie „Too Much“
© Netflix

Das passiert in der Romantic-Comedy-Serie „Too Much“

Die Werbefilmproduzentin Jessica (Megan Stalter) hat in Too Much auch schon bessere Zeiten erlebt. Erst verlässt sie ihr Freund für eine Influencerin, dann versemmelt sie auch noch einen Werbespot mit Jessica Alba. Kein Wunder also, dass ihr Arbeitgeber, der rein zufällig auch noch ihr Ex-Schwager ist, sie nach London schickt. Dort angekommen verbringt sie den ersten Abend in einem abgeranzten Pub mit Livemusik und lernt den Indie-Sänger Felix (Will Sharpe, The White Lotus) kennen. Trotz ihrer offensichtlichen Unterschiede verstehen die beiden sich von Anfang an blendend und sie entwickeln eine ebenso verrückte wie romantische Beziehung...

Nicht mein Ding

Es gibt Filme und Serien, die zwar grundlegend vieles richtig machen, einen aber irgendwie trotzdem nicht mitnehmen. Genau so erging es mir beim Anschauen der Pilotfolge von „Too Much“. Ich mochte den stark britischen Touch und den verrückten Stil. Aber aus einem für mich nicht einmal näher zu beschreibenden Grund konnte ich von Anfang an weder etwas mit der Hauptfigur Jessica anfangen noch mit der Vorgeschichte, die sie von New York nach London führt.

Das ist nun allerdings kein Problem der Serie an sich, sondern ein rein persönliches. Dennoch macht es mir diese Tatsache nicht gerade einfacher, eine möglichst neutrale Bewertung abzugeben. Wir alle sind schließlich nur Menschen mit einem individuellen Geschmack und wenn uns etwas nicht gefällt, neigen wir dazu, das jeweilige Produkt für schlecht zu halten.

Macht aber nix

Das mag nicht immer fair sein, liegt aber in der Natur der Sache. Warum ich diese Zeilen so ausführlich niederschreibe? Weil „Too Much“ abseits meiner Gefühle eben gar nicht so übel ist. Der Einstieg in Jessicas Geschichte ist weder langweilig erzählt, noch tempoarm. Auch fehlt es weder an den kleinen, notwendigen Frechheiten, noch ist der Ton für eine junge, frische Serie unangemessen altbacken, eher im Gegenteil. Einige Szenen sind herrlich überzogen und geben Megan Stalter genügend Raum um die Comedy-Queen in ihr ausleben.

Hinzu kommt, dass mir das Hauptfigurenduo Felix und Jessica auch im Zusammenspiel gefallen, weil Megan Stalter und Will Sharpe gut miteinander harmonieren und auf dem Bildschirm ein sympathisches Paar bilden. Der Gastauftritt von Jessica Alba, die sich hübsch ironisch selbst spielt, passt ebenfalls und die bisher zu sehenden Nebencharaktere komplettieren das Ensemble passend.

Loblieder

Megan Stalter und Andrew Rannells aif einem Szenenfoto aus der Serie „Too Much“
Megan Stalter und Andrew Rannells aif einem Szenenfoto aus der Serie „Too Much“ - © Netflix

Wie ihr seht, gibt es also rein sachlich betrachtet nicht viel, woran ich etwas auszusetzen hätte. Sicherlich, die ein oder andere Szene könnte man als nervig betrachten und bisweilen übertreibt es Stalter ein wenig mit ihrer „Ich-trauere-um-einen-Mistkerl-Attitüde“. Wenn man mag, darf man dem Staffeldebüt auch durchaus einen zu großen Schuss Unglaubwürdigkeit vorwerfen, doch das sind im Grunde genommen Kleinigkeiten, auf die es nicht ankommt.

Ich denke nicht, dass es der Serienerfinderin Lena Dunham (Girls) beim Entwickeln des Formats jemals um Glaubwürdigkeit im klassischen Sinn ging. Innere Konsistenz und Stimmigkeit sind in einer Fernsehserie ohnehin viel wichtiger. Diesen Spagat schafft die Autorin und Showrunnerin allerdings geradezu bravourös. Einerseits glaubt man keine Sekunde, dass es eine abgedrehte Familie wie die von Jessica im wirklichen Leben in der Nachbarschaft geben könnte. Andererseits passen ihre Schwester, ihre Mutter und die vor trockenen Sprüchen sprühende Großmutter wie die berühmte Faust auf das Auge zu ihr.

Dinge gibt es...

Megan Stalter lässt sich ablichten auf einem Szenenfoto aus der Serie „Too Much“
Megan Stalter lässt sich ablichten auf einem Szenenfoto aus der Serie „Too Much“ - © Netflix

Es ist irgendwie total verrückt. Je länger ich am Schreibtisch sitze und über „Too much“ nachdenke, desto mehr positive Dinge fallen mir ein, die beim Anschauen der Pilotfolge halb an mir vorüberzogen, die aber jetzt blitzartig in meinem Gedächtnis aufflammen. Da ist zum Beispiel der kleine, (man verzeihe mir die Worte) hässliche Nackthund, der aber trotzdem total süß rüberkommt. Oder wie wäre es mit Jessicas Apartment mit einem über ihr wohnenden Nachbarn, dem man durchaus das unschöne Attribut mit dem „A“ am Anfang und dem „h“ am Ende zuschreiben darf? Oder mit dem weirden Hausverwalter, der einen auf guten Freund macht, aber in Wirklichkeit ein Spinner ist?

Es gibt so viele hübsche Kleinigkeiten, die das Format zu einem spaßigen Event machen, dass ich sie gar nicht alle aufzuzählen vermag. Dennoch würde ich die Serie seltsamerweise gefühlt nicht weiterschauen, und dafür gibt es einen guten Grund. Ich gehöre schlicht und ergreifend nicht der richtigen Zielgruppe an, und das nicht nur, weil ich genetisch betrachtet ein Mann bin.

Ich passe weder in die anvisierte Altersgruppe, noch gehört die präsentierte Art der Comedy zu den bevorzugten Arten von Gags, die ich liebe. Doch sind wir einmal ehrlich: was kann „Too Much“ dafür? So betrachtet, wäre ich ein unfairer alter Knochen ohne jegliches Verständnis für den Spaß anderer Leute, wenn ich die Debüt-Episode entsprechend meiner persönlichen Empfindungen bewerten würde.

Fazit

Selten ist es mir so schwergefallen, die Pilotfolge einer Serie zu bewerten wie bei Too Much. Es gibt viele Elemente, die ich von außen betrachtet gut finde, aber auch einige, die mir anders als bei Girls das Gefühl geben, nicht weiterschauen zu wollen. Jessica ist in vielerlei Hinsicht eine stark überzogen geschriebene Figur, die aber zauberhaft von Megan Stalter gespielt wird. Die Romantik scheint zu stimmen und der Ton schwankt zwischen frech und bisweilen sogar „kodderich“. Für mich ist das Format auf den Punkt gebracht also kein Riesenwurf, für ein jüngeres Publikum möglicherweise aber schon.

3,5 von 5 Romanzen

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