Tonis Welt: Review der Pilotepisode

© zenenbild zur Pilotepisode von Tonis Welt / (c) VOX
Das achtteilige Spin-off des Serienhits Club der roten Bänder, Tonis Welt, stellt den Asperger-Autisten Toni (Ivo Kortlang) in den Fokus der Erzählung. Er war eines der fünf Mitglieder des Clubs der roten Bänder, der sich nach dem Tod ihres Anführers Leo (Tim Oliver Schulz) aufgelöst hat. Nachdem nun auch sein Opa und Valeries (Amber Bongard) Oma gestorben sind, entschließt sich das Paar dazu, einen Neuanfang zu wagen: Sie kaufen das Haus der verstorbenen Oma und wollen daraus ihr neues Zuhause machen. Dabei stoßen die beiden immer wieder auf Hindernisse, die sie jedoch zusammen meistern.
Das passiert in der Pilotepisode
Ivo begleitet seine Freundin Valerie, die Tourette hat, zu der Beerdigung ihrer Oma, die sie seit sieben Jahren nicht gesehen hat. Das liegt daran, dass ihre Mutter ihr das all die Jahre verboten hat. Sie habe sich zu sehr in ihr Leben eingemischt, meinte ihre Mutter. Toni findet, dass es nun an der Zeit ist, Valeries Eltern kennenzulernen und kommt so schließlich zum Abendessen vorbei. Davor ist er sichtlich nervös und versucht, sich auf das Treffen vorzubereiten - insbesondere, da er im Kontakt mit anderen nicht so gut ist. Doch leider hilft das alles nichts, denn sowohl sein Anzug als auch sein Lächeln wirken erzwungen und übertrieben. Es dauert nicht lange, bis Valeries Eltern ihn als „komisch“ abstempeln und das Wort „behindert“ wie eine Beleidigung aussprechen.
Toni absolviert gerade ein Praktikum im Krankenhaus bei Dietz und Valerie hat gerade - angeblich - ihr Abitur bestanden. Auf Nachfrage der Mutter wird klar, dass das Paar noch nicht so wirklich weiß, wo es für sie hingehen soll. Als ihre Mutter Valerie offenbart, dass sie vorhat, das Haus ihrer Mutter zu verkaufen und dieses bereits auf den Markt gestellt hat, ist Valerie empört. Sie kann es nicht fassen, dass sie das einfach tun würde, ohne sie zu fragen. Aus Empörung, aber auch aus der Erkenntnis heraus, dass sie hier kein Zuhause mehr hat, entscheidet sie sich dazu, ihrer Mutter das Haus für 50.000 Euro abzukaufen.
Der Bänker macht sich über ihren Versuch, ohne jegliche finanzielle Mittel oder Rücklagen an einen Kredit über solch einen Betrag zu gelangen, zunächst lustig. Da er sie jedoch mag, unterbreitet er ihnen das Angebot, ihnen den Kredit zu gewähren, wenn sie in zwei Wochen mit 10.000 Euro bei ihm auftauchen. Im ersten Moment scheint die Situation aussichtslos und Valerie hat das Angebot nach zwei Wochen, als Toni bei ihr mit dem nötigen Geld erscheint, völlig vergessen. Dieser hat seine komplette Modelleisenbahn, die er über alles liebt, verkauft. Mithilfe von Dietz, der ihm die restlichen nötigen 500 Euro schenkt, um ihnen bei ihrem Wunsch zu helfen.
In dem Van von Dietz reisen die zwei, nach einem kurzen Versuch von Valeries Mutter sie aufzuhalten, in Richtung ihres neuen Zuhauses. Überwältigt von ihrem aufregenden Neuanfang, bemerken sie nachts, als sie im Van übernachten, zu spät, dass sie ausgeraubt werden. Valerie rennt den Tätern zwar hinterher, fällt jedoch und die Diebe können entkommen. Sie ist verständlicherweise sehr wütend auf Toni, der sich erst mal angezogen hat und dann nur rufend am Wagen stand. Hier wird deutlich, dass er nicht sofort auf unvorhergesehene Situationen reagieren kann und meist nach einem Plan handelt. Valerie hingegen steckt voller Tatendrang und handelt eher impulsiv. So kann sie es am nächsten Morgen kaum abwarten weiterzukommen.
Nun, da sie ohne Benzin und Geld dastehen, überredet sie Toni, das Auto zu betanken, während er den Tankwart ablenkt - und dann sollen sie einfach abhauen. Doch, wie erwartet, überfordert ihn diese Situation, da er sich stets an Regeln hält: So hat er zum Beispiel auch an einer roten Fußgängerampel angehalten, an der überhaupt kein Verkehr war, obwohl er spät dran war für das entscheidende Treffen mit dem Bänker... Seine Offenheit scheint ihnen jedoch zu helfen. Denn der Tankwart lässt Gnade walten, als er ihre Story hört und kurze Zeit später kommen sie an ihrem neuen Zuhause an. Sehr zu ihrer Enttäuschung hatte Valeries Mutter Recht und das Haus ist eine einzige Bruchbude. Auch der Arzt, den sich Toni als seinen neuen Arbeitgeber ausgesucht hat, ist alles andere als nett.
So kommt Tonis Welt rüber
Die Serie steckt voller süßer und wahrer Zitate („Dann liebe ich dich wohl mehr als meine Eisenbahn.“) und Worte, die überaus real, greifbar und nah wirken - sehr im Gegensatz zu sonstigen fiktiven Produktionen wirken die Gespräche und deren Wortwahl aus dem Alltag gegriffen. Eine Ausnahme hiervon gibt es natürlich auch: So kann ich mir zum Beispiel eher weniger vorstellen, dass ein Tankwart aus Mitleid/Mitgefühl eine komplette Tankfüllung kostenlos vergeben würde...
Doch an dieser Stelle, genauso wie in Tonis Welt insgesamt, geht es nicht darum, was der Realität entsprechen würde. Es geht viel mehr darum, Hoffnungen und Träume darzustellen und zu zeigen, dass man diese auch erreichen kann, wenn man nur genug dafür kämpft. So glaubt zwar die Gesellschaft (und auch Valeries Mutter) nicht an die beiden, doch sie selbst tun es und demonstrieren, was man erreichen kann, wenn man sich gegenseitig mit Herzblut unterstützt - hier sind auch Menschen wie Dietz, der Bänker oder der Tankstellenwart gemeint. Aus diesem Grund würde ich die Serie nicht nur allen Club der roten Bänder-Fans empfehlen, sondern auch allen Weltverbesserern und denen, die es noch werden wollen.
Ich finde das Thema Inklusion in dieser Serie vor allem deshalb so gelungen dargestellt, da hier nicht ihre Behinderung im Fokus der Erzählung und Inszenierung steht. Stattdessen stehen vielmehr nachvollziehbare Probleme und Aspekte im Vordergrund, die wohl jeder von uns kennt: Sie haben geliebte Menschen und damit auch ihren Bezugspunkt, ihr Zuhause, verloren. Sie wissen nicht mehr, wo sie hingehören und versuchen, dies nun zusammen aufzubauen. Valerie und Toni werden also als ganz normale Menschen mit Problemen und Gefühlen dargestellt.

Doch natürlich wird ihre Behinderung auch nicht heruntergespielt oder unsichtbar gemacht. Das setzt „Tonis Welt“ dann so um, indem sie sehr wohl die Kommentare von Valeries Eltern bezüglich Tonis sonderbaren Verhaltens aufgreift oder die Widerstände darstellt, die dem Paar immer wieder begegnen. Diese finden sich auch in ihrer Beziehung immer wieder: Toni braucht Struktur. Er ist außerdem aufdringlich und gibt nicht nach. Im Gegensatz dazu ist Valerie eher impulsiv und reagiert sehr schnell (über). Aus diesem Grund geraten sie auch mal ab und zu aneinander. Doch auch die Vorteile ihres Zustandes werden uns gezeigt, indem sich zum Beispiel Tonis zwanghafte Ehrlichkeit (an der Tankstelle) bewährt. Abgesehen davon sollte erwähnt werden, dass beide Jungschauspieler tolle Leistungen ablegen. Ihr Verhalten, das durch die Behinderungen verursacht wird, wirkt sehr authentisch.
Fazit
Tonis Welt könnte das deutsche Atypical werden: Die Serie vermittelt idealistische Werte und verpackt diese realistisch, (zeit-)nah und charmant. Aus diesem Grund ist die Serie etwas für Träumer, aber natürlich auch für Club der roten Bänder-Fans, die den besonderen Toni schon längst in ihr Herz geschlossen haben. Außerdem hat die Serie einen eindeutigen inklusiven Ansatz, der dem Zuschauer Menschen mit Behinderung näherbringt und menschlich darstellt.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „Tonis Welt“ auf VOX: